recht grossen Dinge in der Welt zustande zu bringen, weniger arbeiten, als geniessen müsse, und dass Mühe und Fleiss eigentlich doch nur Ameisenwerk schaffen."
Teophilie versetzte: "Das ist Philosophie, und auf diese habe ich mich nie verstanden. Aber die Uhr schlug eins, und ich muss Sie entlassen, so gern ich auch die Nacht hindurch noch fortplauderte." – Ihre Wangen glühten von den lebhaften Gesprächen, ihre Augen glänzten von fröhlicher Aufregung.
Beim Abschiede gab sie ihm die Hand und sagte: "Ich ahne, weswegen Sie gekommen sind, glaube aber nicht, dass Ihr Vorhaben Ihnen gelingen werde. In jedem Falle haben Sie an mir eine treue Freundin."
Er tappte die Wendeltreppe, auf welcher das Licht der aufgehängten Lampe erloschen war, hinunter, und klinkte an der Pforte, um hinaus und nach dem wirtshaus zu gelangen. Zu seinem grossen Schreck war sie verschlossen. Über einen gang sich tastend, nicht ohne Furcht, irgendwo zu stürzen oder anzulaufen, fühlte er zwar mehrere Türen, aber kein Drücker wollte seiner Bemühung zu öffnen, weichen. Er horchte, ob sich nicht ein Geräusch wollte vernehmen lassen, aber umsonst; in dem ganzen Gebäude herrschte eine Totenstille.
Um nicht auf dem kalten Estrich schlafen zu müssen, suchte er die Wendeltreppe wieder und klimmte empor. Er hoffte, Teophilien noch wach zu finden. Oben stiess er an eine tür, die gleich aufging. In dem dunklen Gemache stand etwas, wie ein Bette; wie es schien, mit Kissen versehen. Kurz entschloss er sich, und um eine ihm doch eigentlich ganz fremde Dame nicht zu stören, warf er sich in seinen Kleidern auf die Lagerstätte, die, sonderbar schmal und kurz, ihm nach einer ermüdenden Reise doch einige Stunden Schlummer versprach.
Wirklich schlief er ein, erwachte aber bald wieder von einem lauten Reden in seiner Nähe. Er rieb sich die Augen, und konnte, als er ganz munter geworden war, nicht zweifeln, dass er neben dem Schlafzimmer Teophiliens, und von ihr nur durch eine dünne Tapetentüre geschieden, sein Nachtquartier aufgeschlagen hatte. Höchst bestürzt über diese Indiskretion des Zufalls zog er den Atem an sich, um seine Anwesenheit auch nicht durch das leiseste Geräusch zu verraten. Aber er hörte in diesem gespannten, ängstlichen Zustande nur um so genauer, und verlor kein Wort von dem, was die Schläferin mit den vier Wänden laut verhandelte. Sie redete nicht, wie dies sonst zu geschehen pflegt, in abgebrochnen Worten, sondern fliessend, zusammenhängend, als setze sie die Erzählungen des Abends fort.
Plötzlich macht sie eine Pause; es war Hermann, als ob sie sich im Bette aufrecht setze. Sie brach in ein leises, inniges lachen aus, dass es durch die Nacht unheimlich klang. Nun begann sie französisch zu sprechen, und mit Erstaunen hörte er die Namen seines Oheims, der Tante und des Grafen Julius. Dieses Erstaunen wurde Bestürzung, Scham, ja Entsetzen, als sich nach und nach eine geschichte vernehmen liess, in welcher jene Personen die handelnden Figuren waren, und welche am allerwenigsten für die Ohren des Neffen taugte.
So wurde er in tiefer grauenvoller Nacht durch eine Unbewusste, ihrer Sinne nicht Mächtige, Mitwisser eines schrecklichen Familiengeheimnisses. Er wendete sich, um nichts weiter zu hören, aber immer zog ihn das Gelüste des Schrecks nach der verhängnisvollen Kunde, und erst als die Redende aufhörte, sank er erschöpft zurück.
Ein Schrei erweckte ihn. Es war heller Tag. Teophilie stand im Morgengewande vor ihm. "Um des himmels willen!" rief sie, "wie kommen Sie in dieses mein Zimmer? Ich hätte den Tod von Ihrem Anblicke haben können." – Er versuchte, seine Sinne zu sammeln, und stammelte die geschichte seiner Einsperrung und seines Fehlgehens daher.
Noch hatte er nur auf sie geachtet. Wie ward ihm aber, als er seine Lagerstatt in Augenschein nahm! Ein seltsames Bette! In einem Sarge hatte er geschlafen, in einem Sarge, welchen Tabourets umstanden, auf denen die zu einem vollständigen Leichenanzuge gehörigen Stücke lagen.
Entsetzt sprang er von diesem furchtbaren Lager auf. Teophilie lächelte. "Tun Sie doch, als sähen Sie Gespenster, und doch ist es das Gewöhnlichste, Bekannteste, was Ihre Augen erblicken", sagte sie.
Sie lud ihn zum Frühstücke ein. Als er die ihm vorgesetzte Tasse unangerührt stehen liess, und noch immer, wie abwesend, dasass, stiess ihn Teophilie an, und rief: "Wie ist es möglich, dass ein Sarg und ein Sterbekleid einen beherzten Mann so ausser Fassung bringen können? Ich bin allein, eine Fremde unter Fremden. In Ihrer Tante starb die einzige Freundin, welche ich noch hatte. Was ist natürlicher, als dass ich mir meine letzte Behausung und Hülle fürsorglich zubereiten liess, da mir die arme der Liebe nach meinem Hinscheiden diesen Dienst doch nicht leisten werden. Man stirbt wegen dergleichen nicht eine Stunde früher."
Sie hatte bald ihren fröhlichen Ton völlig wiedergefunden, neckte ihn mit seinem Tiefsinn, und meinte, das Abenteuer, einen jungen Mann so Wand an Wand zu beherbergen, sei allerliebst. "Und ungefährlich für Tugend und Ruf", sagte sie mit freiem Scherze, wie er nur ihr anstand, "denn dieser Jüngling war eine Leiche, und scheint, auch auferstanden, noch keine Kraft gesammelt zu haben."
Er versuchte, in diese Scherze einzustimmen; es wollte nicht gelingen. Nachdenklich versetzte er: