und Tempel.
Sie stiegen den Berg hinauf, und standen nach einer kurzen Wendung vor dem Seitenflügel des Schlosses. "Wenn meine Gesellschaft Sie nicht langweilt, und die enge Wendeltreppe Sie nicht abschreckt, so kommen Sie immerhin noch ein wenig zu mir", sagte sie.
Als er sich oben nach kurzem Gespräch von ihr beurlauben wollte, hielt sie ihn angelegentlich zurück und rief: "Sie sehen ein, wie wohl es mir tut, mit jemand mich zu unterhalten, auf dessen Stirne nicht der Wechselkurs geschrieben steht, oder dessen Kleider nicht vom Rauche der Maschinen duften! Das Plaudern ist von alters her mein Element, ich finde es sehr begreiflich, dass jene Französin in den amerikanischen Wildnissen einige hundert Meilen weit wanderte, um mit einer Nachbarin zu schwatzen, und ich könnte es in gleichen Verhältnissen ihr wohl nachtun. Da nun heute zum Glück ein Herr Nachbar mich besucht, so will ich diese Gunst des Zufalls auch recht ausbeuten."
Er erwiderte ihr, der Oheim werde es übelnehmen, dass er in seiner Nähe verweile, ohne ihn zu begrüssen. Sie erzählte ihm darauf, dass jener nicht mehr oben im schloss wohne, sondern mit dem ganzen Hausstande in das Kloster unten im Tale gezogen sei, um dem arzt näher zu sein, da er seit dem Mordanfalle auf dem Feste des Herzogs beständig kränkle.
"Überhaupt", fügte sie hinzu, "ist er jetzt mit einem Hausgeschicke so beschäftigt, dass ihm alles andre ziemlich gleichgültig sein wird. Unsereiner, die von Haus und Hof weggekauft worden ist, tut es recht wohl, zu sehen, wie die Fügungen der natur sich nicht abkaufen lassen, und dem grössten Rechner eine unsichtbare Gestalt zur Seite geht, welche allerhand Ziffern dem Kalkül einmischt, auf die er nicht gezählt hatte."
Da diese Anspielungen sein verwandtschaftliches Gefühl beleidigten, so suchte er dem gespräche eine andere Wendung zu geben, und befragte sie über einige Verhältnisse des Hofes, an dem sie ihre Rosenzeit zugebracht hatte, worüber er denn auch gleich die genaueste und freigebigste Auskunft erhielt.
Sie ging hinaus, um einige Bestellungen für das Abendessen zu geben, welches er mit ihr einnehmen sollte, und er benutzte diese Pause, sich in ihrem Zimmer umzuschauen. Eine Menge sehr sauber gezeichneter Geschlechtstafeln der ersten Familien des Landes hing an den Wänden umher, zwischen denselben sah man viele vornehme Gesichter in Miniaturporträts. Als er den Inhalt eines kleinen Bücherschranks musterte, erblickte er sämtliche Jahrgänge des Gotaer historisch-genealogischen Kalenders in Reihe und Glied aufgestellt, damals einundsechzig an der Zahl, welche in solcher Vollständigkeit sich wohl schwerlich in der Bibliotek einer zweiten Dame versammelt haben mögen.
"Das ist mein Zirkel", sagte sie lächelnd, als sie ihn in die Betrachtung dieser Dinge versenkt fand. "Die Stammbäume habe ich selbst gezeichnet, und mich dabei im Gedächtnis der Personen erfreut, die ich gekannt, und wenn ich die Blätter der Kalender aufschlage, so blühen mir bei jeder Familie Geschichten entgegen. Die Gegenwart kann mir nicht gefallen, Zukunft hat ein armes fräulein bei Jahren nicht mehr, da suche ich denn an der Vergangenheit, in der das Leben etwas wert war, meine Tage zu fristen."
Er fühlte, welcher Ton hier anzuschlagen sei, um sich behaglich zu empfinden. In einem der Kalender blätternd, nannte er den Namen eines der darin verzeichneten gräflichen Häuser, und hörte sogleich aus dem mund seiner Wirtin das anmutigste Reise- und Liebesabenteuer, welches den Stammherrn vor soundso vielen Jahren betroffen hatte.
Nun waren die Schleusen der Unterhaltung einmal aufgezogen. Erzählungen entwickelten sich aus Erzählungen, eine geschichte nach der andern schachtelte sich ein, und wenn der ursprüngliche Faden schon ganz verlorengegangen zu sein schien, so sprang irgendwo wieder durch eine Hof- und Staatsfigur unvermutet der Zusammenhang hervor. Scheherezade schien aus ihrem grab erstanden zu sein, um einem andächtigen Zuhörer die Gesamtchronik des Lebens der höheren Stände zu veroffenbaren.
Hermann fühlte sich auf das angenehmste gefesselt, und berührte die speisen kaum, welche inzwischen aufgetragen worden waren. Alle diese Verwicklungen, Galanterien, Missverständnisse, Entzweiungen und Versöhnungen, welche so vielen hohen Personen, von denen die meisten ihr Blatt in der geschichte besassen, einen bedeutenden teil ihrer Zeit hinweggenommen hatten, drehten sich zwar eigentlich um nichts, aber es war das liebenswürdigste Nichts, was man sich denken konnte, und selbst der feine Duft zierlicher Sünde, welcher sich durch die Kapitel dieses weitschichtigen Romans hindurchzog, verlieh den begebenheiten, wie sehr man sie auch hin und wieder tadeln musste, einen besonderen Reiz mehr. Was aber die Hauptsache war: eine lebende person gab in diesen Historien ihr Leben, das was ihr das Leben bedeutet hatte, aus, und Lebendiges wirkt immer, es sei auch was es sei.
Als die erzählende Dame einmal Atem schöpfen musste, und hiedurch eine Unterbrechung ihrer Mitteilungen entstand, nahm Hermann die gelegenheit zu reden, wahr, und sagte: "Eins ist mir bei Ihren Geschichten höchst merkwürdig. Ich sehe Fürsten, Heerführer und Staatsmänner, welche mit dem grössten Ernste das Schicksal der Völker geleitet und entschieden haben, während der zeiten ihrer würdigsten Tätigkeit in die leichtesten, ja leichtfertigsten Händel verstrickt. Was uns andre leidenschaftlich abwärts getrieben haben würde, scheint sie, wie ein flüchtiges Aroma, nur zu noch energischerem Wirken zu begeistern, und das Bewusstsein, welches uns in derartigen Strudeln abhanden gekommen wäre, in ihnen zu steigern. Es kommt mir daher fast so vor, als ob man, um die