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. Wie anders und schöner es aber geworden wäre, wenn die Erde die Vöglein aus den Eiern sich zur Gesellschaft hätte ausbrüten können, das deutet in gewissem Masse uns der Mondschein an. Nämlich, als schon die Fixsterne die Flucht ergriffen hatten, und die Kometen zu früh zur Welt gekommen waren, tönte es aus einem Winkel gar lieblich und bat um milde Behandlung. Die Erde sah nach, und bemerkte, dass eins der Eier zurückgeblieben war, dessen Inwendiges sich eben zum äusseren Leben hindurchrang. Es war eine sanfte Mädchengestalt, viel sanfter und zarter, als die andern, welche, sobald sie nur auf ihren kleinen Füssen stehen konnte, unaufgefordert der Erde den Eid der Treue leistete, und versprach, ihr immer hold und gewärtig zu sein. Die Erde aber, welche der Undank der übrigen tief erbitterte, und in welcher sich schon Proteus, der Metallverdruss abgelagert hatte, liess, wie es in solchen Fällen geht, die Unschuldige büssen, verstiess sie mit harten Worten, und rief, sie möchte sich ihre Kamaraden am Sternenhimmel suchen, ihr solle sie nicht vor die Augen kommen. Und damit schüttelte sie sich dermassen, dass die arme kleine Luna eine weite Strecke weit weggeschleudert wurde.

Aber sie liess sich in ihrer treuen Sinnigkeit nicht irremachen. War ihr auch ein näheres Verhältnis untersagt, so konnte ihr doch niemand verbieten, der zornigen Mutter zu folgen, und sie in gemessner Entfernung zu umkreisen. Das hat sie denn nun auch redlich die vielen tausend Jahre her getan und wird es tun bis an der Welt Ende, was aber wahrscheinlich noch lange ausbleibt.

Der Zorn der Erde ist längst vorüber, und sie lechzt eigentlich im stillen innigst nach der Vereinigung mit Lunen. Allein diesem Umstande tritt die inzwischen entstandne Schöpfung entgegen, da sich voraussehn lässt, dass, wenn die beiden grossen Mächte zusammenkämen, Wälder und Felder, Tiere und Menschen dazwischen zerquetscht werden würden. Ein solches Verderben will nun die Erde als gute Haushälterin nicht, und so hat denn an ein Auskunftsmittel gedacht werden, und Luna hat sich entschliessen müssen, nur zu scheinen. Der Mondschein ist der schwärmerische Ersatz für den Kuss der Mutter und Tochter. Er ist kein blosser Schein; Luna haucht in ihm ihre Liebe an den Busen der Mutter, welche davon bis in ihre Tiefen selig erschüttert wird. Nicht Geheimes, oder Unbekanntes verkünde ich, was ich erzähle, ist jedem bewusst. Wer hat nicht die Zauber der Mondnacht empfunden? Alle Geschöpfe fühlen, dass etwas Grosses, liebes vorgehe, und sind in einer Art von Verwandlung, die Läuber der Bäume zittern, die Blumen spenden süssen Duft, die Lilien schicken leichte Flämmchen aus ihren Kelchen, die Vögel singen im Schlafe, und in den Herzen der Menschen spriesst die Liebe. Immer stärker wird das Verlangen Lunas nach der guten, gekränkten Mutter, sie wächst mit ihren Wünschen und wird aus der Sichel zur Halbscheibe, aus dieser zum Vollmonde.

Aber Proteus, dem alles sanfte Zerfliessen ein Greuel, ärgert sich und ergrimmt zu wilden Gedanken, wenn die Sachen so weit gekommen sind. Die Erze in den Schachten rauschen und glimmern, die Waffen in den Rüstsälen klirren, die Goldstücke und Taler in den Säckeln der Reichen klappern unheimlich. Vor diesem bösen Wesen erschrickt Luna, nimmt ab bis zum Neumonde, und scheint für immer verschüchtert zu sein. Aber wer kann das Herz zwingen? Kaum hat sich der grimme Proteus wieder etwas zur Ruhe begeben, so blinkt auch die liebe Sichel wieder am Saume des Horizonts hervor, und das trauliche Spiel beginnt aufs neue.

Den Tod hätten wir gewiss alle davon, wenn Luna das Verbot der Mutter überwände, und sich, anstatt des Scheins, an ihr Herz legte. Aber gedenke ich, wie glücklich mich schon der Mondschein gemacht hat, in welchen süssen Frieden er mich einschlummernd gewiegt, so möchte ich mir oft einen so frohen Untergang wünschen, nach welchem wir vielleicht als leichte Wolkenträume in einer höheren Ordnung der Dinge wieder auferständen.

Siebentes Buch

Byzantinische Händel

Gott legt uns die Nüsse vor,

aber er knackt sie uns nicht auf.

Aus einem Stammbuche

Erstes Kapitel

Abermals sah Hermann das tiefe gewundene Tal vor sich liegen, aus welchem die weissen Fabrikgebäude des Oheims hervorleuchteten. Die Maschinen klapperten, der Dampf der Steinkohlen stieg aus engen Schloten und verfinsterte die Luft, Lastwagen und Packenträger begegneten ihm, und verkündigten durch ihre Menge die Nähe des rührigsten Gewerbes. Ein teil des Grüns war durch bleichende Garne und Zeuche dem Auge entzogen, das Flüsschen, welches mehrere Werke trieb, musste sich zwischen einer Bretterund Pfosteneinfassung fortzugleiten bequemen. Zwischen diesen Zeichen bürgerlichen Fleisses erhoben sich auf dem höchsten Hügel der Gegend die Zinnen des Grafenschlosses, in der Tiefe die Türme des Klosters. Beide Besitzungen nutzte der Oheim zu seinen Geschäftszwecken. Auch die geistliche hatte er unter der Fremdherrschaft zu billigem Preise erworben. Lange Gebäude, mit einförmigen Trockenfenstern versehen, unterbrachen die Linien der gotischen Architektur auf der Höhe und in der Tiefe; der Wald,

Gräfin Teophilie kam ihm entgegen, in einem buch lesend. "Was führt Sie her?" fragte sie ihn. Er gab eine allgemeine, ausweichende Antwort, und da er von ihr manches über den Oheim zu erfahren wünschte, so trug er sich ihr zum Begleiter an. Sie gingen über angenehme Busch- und Wiesenplätze. Die Bleichen und Betriebsamkeitsstätten vermied sie, nach andern Gegenden strebte sie mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit hin. Er sah an solchen Stellen Rasenbänke oder Überbleibsel ehemaliger Pavillons