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werde diesen Ort vielleicht auf einige Zeit verlassen müssen", sagte sie mit leiser stimme. "Bis hieher hat mich ein schlimmes Geschick führen dürfen, weiter aber nicht. Ich werde Sie vielleicht um Schutz und Begleitung ansprechen auf heimlicher Wandrung. Vor allem suchen Sie ein einsames Haus, womöglich mitten im wildesten wald zu entdecken, darin ich verborgen leben kann."

Hermann, bestürzt über dieses Ansinnen, tat stammelnd einige fragen nach dem Beweggrunde eines so leidenschaftlichen Entschlusses. Sie legte den Finger auf seine Lippen und sagte: "Stille! Wollen Sie mir nicht helfen, so wird Gott mir beistehn." – Verwirrt gelobte er ihr jeden Dienst, welcher sich mit Ehre und Pflicht vereinigen liesse.

Der Charakter Medons, das Verhältnis der beiden Gatten wurde ihm immer rätselhafter. Hier schien kein einzelnes Verschulden, keine besondre Zwistigkeit vorzuliegen, sein und ihr Dasein schien eine grosse Unseligkeit zu sein.

Medon war gesprächig, belehrend, wie sonst, doch nahm Hermann an seinen Reden und Scherzen etwas Überreiztes wahr. Er liess fallen, dass er vielleicht den Winter in Italien zubringen werde, doch müsse ein solcher Entschluss, wenn man ihn überhaupt ausführen wolle, urplötzlich ausgeführt werden, denn Reisen gelängen nur, aus dem Stegreife unternommen.

Sein häuslicher Zirkel hatte den höchsten Glanz erreicht. Ein Prinz, der für das Musterbild aller Geistreichen galt, war auf Johanna aufmerksam geworden, hatte sich ihr genähert, Zutritt zu ihren Abenden erbeten, und war seitdem beständig dort. Dieser vornehme Stern zog andre Planeten und mond nach sich, so dass der Glanz der Kerzen dort bald durch das Blinken aller der Ordenskreuze und Ehrenzeichen beinahe ausgelöscht wurde. Man sprach davon, dass der Staat sich nicht länger so ausserordentliche Kräfte, wie die Medons, entgehn lassen werde, dass ihm Anstellung in einem hohen Posten bestimmt sei, wobei man nur von seiner Liebe zur Ungebundenheit eine abschlägige Antwort befürchtete. So viel ist gewiss, dass er noch längere vertrauliche Zusammenkünfte mit obersten Beamten hatte, als früherhin, und dass nach und nach dienstliche Papiere und Hefte von den Zentralstellen zur Begutachtung in sein Kabinett zu wandern begannen.

Der Prinz belebte die Gesellschaft durch Mitteilungen aus seinem Hof- und Reiseleben. Er hatte ein grosses Talent im Erzählen, und die gewöhnlichsten Vorfälle bekamen durch eine epigrammatische oder satirische Wendung in seinem mund etwas Anziehendes. Noch stärker war er im Vortrage von Märchen, zu welchen sich unser lockrer Lebensstoff ihm gern verflüchtigte. Er gab deren mehrere an jenen Abenden, aus dem Stegreife beginnend, ohne Anmassung von etwas Ausserordentlichem, in so schlichter Einfalt nur noch stärker die Zuhörer fortziehend. Eins derselben ist aufbewahrt worden, und mag dieses Buch beschliessen.

Johannas Wangen wurden blässer und blässer. Oft kam sie Hermann in ihrem sammetnen Gewande, unter ihren Perlen und Juwelen, wie eine geschmückte Leiche vor, und nur ihre Worte, das tiefste Gefühl atmend, wenn er sich ihr nahte, bewiesen ihm, dass hier noch ein schönes Leben sich rege, aber freilich unter einer ungeheuren Last zuckend.

Zwölftes Kapitel

Mondscheinmärchen

In jener grauen Urzeit, von welcher sich die Menschen die verworrensten Begriffe machen, war es, wie neuere Forschungen lehren, mit der Welt folgendermassen beschaffen. Die Erde war alles, und ausser ihr gab es nichts, nur eine falsche Bescheidenheit späterer zeiten hat vom Chaos oder Universum gefabelt, aus welchem unser guter Ball nebst vielen andern Ballen und Bällchen hervorgesprungen sei. Die Erde hatte aber dazumal die Form eines Nestes, nämlich in der Mitte war sie einige tausend Meilen vertieft, und die Seitenflächen bogen sich als schützende Ränder hoch und weit über. Es gab weder Gras noch Baum, weder Tiere noch Menschen auf der Erde, auch schien keine Sonne, dennoch war es auf ihr, und in der Höhlung des grossen Nestes weder unfein, noch still, noch dunkel. Ihre Oberfläche war glatt und sanft anzufühlen wie der feinste Sammet, sie sang sich selbst ein süsses Lied von jener frohen Ewigkeit vor, und phosphoreszierte dabei im buntesten Lichte.

Dieser selige Zustand hat ziemlich lange gedauert. Endlich aber, wie denn nichts ungestört bleiben kann, regte sich ein gefährlicher Fürwitz in der Erde, und sie sprach so zu sich: "Wozu ein Nest ohne Eier? Meine Bestimmung ist nur halb erreicht." Flugs empfand sie ihre Einsamkeit und die sehnsucht nach Eiern, aus denen sich, wie sie meinte, die anmutigsten Gesellschafter und Gespielen für sie entwickeln würden.

Wie froh erstaunte sie, als sie eines Morgens beim Erwachen in ihrem Schosse eine Menge der schönsten Eier fand! Auf welche Art sie dieselben gewonnen, auf welchem geheimnisvollen Wege der Zeugung ihr diese Bescherung geworden, darüber schweigt geschichte und Märchen. Genug, sie lagen, in Kreisen gereiht, im grund des grossen Nestes, waren durchsichtig, wie die Edelsteine, herrliche Figuren schmückten die glänzenden Schalen, im inneren pulsierte es, ein eigenes, wildkräftiges Leben.

Mutter Erde, vor Freude ganz wirblicht, machte eine schräge Bewegung, woraus später die Schiefe der Ekliptik entstanden ist, erinnerte sich aber noch zur rechten Zeit ihrer neuen Pflichten, nahm sich zusammen und weinte nur einige Tränen in den unendlichen leeren Raum hinab. Darauf begann sie liebevoll ihr vertrautes Gut zu wärmen und machte tausend Plane, wie sie mit den Vöglein, wenn sie aus den Eiern gekrochen wären, freundlich und herzlich verkehren wolle.

Unter diesen Sorgen, Gedanken und Träumereien war es in dem einen Eie rege geworden, es pickte, und eine leuchtende, beflügelte Gestalt