1838_Immermann_044_142.txt

Bewohnern, kehrte alles zum Besten, und verwies Hermann seine finstre Laune, obgleich dieser sich ganz ruhig und gleichmütig verhielt.

Eilftes Kapitel

Inzwischen hatten die Untersuchungen gegen die Demagogen ihren weiteren Verlauf genommen, lieferten jedoch nicht die Ergebnisse, nach welchen die Behörden hauptsächlich hinsteuerten. Die Verschuldungen der Jünglinge lagen so ziemlich klar zutage, ihnen aber war im voraus verziehen; sie sollten mit dem Schreck davonkommen. Was man am eifrigsten suchte, war, das Dasein und die Glieder jenes Männerbundes zu ermitteln, welcher Staat und Tron allerdings ernstlicher mit dem Umsturze bedrohte. In dieser Beziehung waltete noch ein undurchdringliches Dunkel; die geheimen Störenfriede und Verderber waren mit solcher Klugheit zu Werke gegangen, dass trotz aller Korrespondenz nach den verschiedensten Gegenden Deutschlands hin, mehr nur Vermutungen als Tatsachen zum Vorschein kommen wollten.

Der Beamte, welcher jene Nachforschungen zu leiten hatte, ging in Medons haus viel ein und aus. Er erzählte dort im Vertraun manches von jenen Dingen, und so erfuhr Hermann, dass der grimmige Mecklenburger durch das ihm, wie wir wissen, in grösster Sanftmut zuerkannte einsame Gefängnis gezähmt worden sei, und seine Bekenntnisse abzulegen beginne. "Er gesteht", sagte der Beamte, "dass ihm in Zürich ein Mann erschienen sei, welcher ihm von dem wirklichen Vorhandensein eines Männerbundes Kunde gegeben und ihn aufgefordert habe, einen Bund der Jungen zu stiften, welcher sich an jenen anlehnen solle. Er hat von jenem mann Zeichen und Symbole empfangen, und ist denn auch wirklich der stimme der Verführung gefolgt."

Medon hörte dieser Erzählung mit Gleichgültigkeit zu. "Man sollte", sagte er, "den jungen Leuten kurzen Prozess machen, sie sind einmal für ihre Lebenszeit vergiftet, der Staat müsste, wenn er mehr klug als milde wäre, den schädlichen Stoff zerstören, welcher, wenn man ihn bestehn lässt, in wechselnder Gestalt sich immer wieder hervordrängen wird."

"So sind Sie für strenge Massregeln?" fragte der Beamte.

"Durchaus", versetzte Medon. "Auch hierin könnte uns das Altertum zum Lehrmeister dienen. Es vertrug sich nicht mit seinen Feinden, es vernichtete sie."

"Nehmen Sie sich in acht, dass Sie nicht über sich das Verdammungsurteil aussprechen", sagte der Beamte scherzend. "Sie können leicht auch in diese Untersuchung verwickelt werden."

"Wieso?" fragte Medon.

"Sie müssen doppelt in der Welt umhergehn", versetzte jener. "Der Student beschreibt den Mann, welcher ihn so freventlich verlockt, Zug vor Zug, wie Sie aussehn; selbst das Mal, welches Sie an der linken Handwurzel haben, hat er bei dem Hokuspokus, den der falsche Prophet mit ihm getrieben, bemerkt. Zuletzt muss ich Sie mit ihm konfrontieren, und Sie können noch als Rädelsführer der politischen Verschwörungen unsrer Zeit in meine Gefängnisse wandern."

Man lachte hierüber, und der Sache wurde eine Zeitlang nicht weiter gedacht. Doch fing der Beamte einmal später wieder an, von dem gegenstand zu reden, und sagte zu Medon: "Wir Aktenleute sind eine Art von Fetischanbetern, die Dienstpflicht ist unser Götze, dessen Gebote wir erfüllen müssen, sie seien noch so unsinnig. Wollen Sie mir glauben, dass ich bei meinem Mecklenburger Demagogen den Gedanken an Sie nicht mehr aus dem kopf loswerden kann? Ich rede mir tagtäglich das Ungereimte dieser Ideenverknüpfung vor, und dennoch, sobald der Mensch wieder anfängt, den Apostel des Männerbundes zu beschreiben, ist es mir, als müsse ich Sie ihm vorstellen, weil das Signalement nun einmal schwarz auf weiss in meinen Protokollen steht, und ich ein Individuum kenne, auf welches dasselbe zu passen scheint. Es lässt mir keine Ruhe; abgeschmackte Träume phantastisch-juristischer Art ängstigen mich. Letzte Nacht träumte mir, ich stände am Jüngsten Tage vor den Schranken des Weltgerichts. Der Engel mit der Posaune fragte donnernden Tons: 'Warum hast du die Konfrontation unterlassen?' worauf ich keine Antwort geben konnte. Ich wurde deshalb zur Höllenstrafe verurteilt, welche darin bestand, dass ich alle meine Corpora delicti aufessen sollte, obgleich sich darunter Sachen von Stahl und Eisen befanden. – Etwas Auffallendes, um eines aberwitzigen Spiels des Zufalls willen zu veranlassen, würde ich mir nie vergeben können; allein ich wollte Sie schon ersuchen, doch einmal wie von ungefähr auf mein Verhörzimmer zu kommen, wo Ihnen denn ebenso von ungefähr der Demagoge vorgeführt werden sollte. Dann wäre mein Gewissen beruhigt; versagen Sie mir also diese gefälligkeit nicht."

"Ich will das recht gern tun", versetzte Medon. "Nur müsste ich Sie bitten, noch einige Zeit in Geduld zu stehen. Ich habe eine Reise vor, und bis dahin jede Minute besetzt."

"Lieb wäre es mir doch, wenn sich ein halbes Stündchen dazu vor der Reise finden wollte", sagte der Beamte. "Die Sache ist im übrigen zum Spruche reif, und wenn ich gesehen, dass Sie es nicht waren, welcher dem Demagogen in Zürich begegnete, so kann ich das Papier getrost den Herrn am grünen Tische zuschicken."

"Es wird sich noch davon reden lassen", versetzte Medon, und brach das Gespräch ab; welchem Hermann, unbemerkt nahestehend, zugehört hatte.

Kurz darnach wurde er zu Johanna berufen. "Wollen Sie mir einen Dienst leisten?" fragte sie ihn. "Jeden", versetzte er. "Können Sie schweigen?" fuhr sie fort. "Ich hoffe es", erwiderte er.

"Ich