welche sich demnächst auch dem haus der Eltern mitteilte, und nach und nach eine gänzliche Erstarrung des Verhältnisses herbeiführte. Noch früher hatten ihn die übrigen verlassen, sobald sie wahrnahmen, dass er nicht mehr viel mit vornehmen Leuten verkehrte.
Er klagte Wilhelmi sein Leid. Dieser lachte und rief: "Sei froh, dass du von ihnen los bist! Jude bleibt Jude, und der Christ muss sich mit ihnen vorsehn, am meisten, wenn sie sich liebevoll anstellen. Sie sind allesamt freigelassne Sklaven, kriechend, wenn sie etwas haben wollen, trotzig, wenn sie es erlangten, oder wenn sie merken, dass es nicht zu erlangen steht."
Zehntes Kapitel
Alle Übertreibungen sind von kurzer Dauer. Madame Meier hatte nicht sobald bemerkt, dass die beiden Freunde seltner in ihren Zirkeln zu erscheinen begannen, als sie ihrerseits alles tat, das traulich-gesellige Verhältnis zu erhalten. Freundliche Einladungen drängten sich, und Wilhelmi wurde für die frühere Vernachlässigung durch das liebenswürdigste Benehmen entschädigt. Bald war er völlig umgestimmt und ebenso freigebig in seinem Lobe, als er früher verschwenderisch im Tadel gewesen war.
Die Dame entdeckte ihrerseits an dem verwandelten Hypochondristen eine Eigenschaft, welche ihn ihr höchst schätzenswert machte. Wilhelmi besass eine Fülle von antiquarischen Kenntnissen, und setzte Madame Meier über manches, was sie hatte, durch seine Erläuterungen erst in das Klare. Was ihn aber einer Frau besonders empfehlen musste, war seine Art, die Tatsachen vorzutragen. Er teilte sie nämlich nicht nach der Weise deutscher Gelehrten weit ausholend mit, sondern gab seine Kunde in kurzen, aphoristischen, alles ausdruckenden Sätzen, welche sich dem Gedächtnisse leicht einprägten und ohne Mühe nachgesprochen werden konnten. Auf diese Weise hatte er die Freundin bald mit einer Menge von Tesen bekanntgemacht, welche sie rüsteten, den Verlegenheiten schlagfertig zu begegnen, denen sie sonst in ihrem Gesprächskreise hin und wieder mit Leidwesen unterlegen war. Denn obgleich manches der Wilhelmischen Lehre nur für problematisch gelten konnte, so verfehlte es doch, mit angenehmer Keckheit von einem schönen weiblichen mund axiomatisch vorgetragen, nie seine wirkung auf den überraschten Gegner.
Es war, als wolle der Himmel selbst in diesem Falle durch Zeichen und Wunder wirken. Eines Tages, als Wilhelmi mit ihr ein früher noch nicht besehenes Kabinett durchmusterte, stand er vor dem Altarbilde eines heiligen Stephanus still, von welchem die Hälfte fehlte. Die Tafel war dicht an dem Körper des Märtyrers abgespalten worden, von den Peinigern liess sich nichts erblicken. Madame Meier, welche Wilhelmi in den Anblick dieses Werks versunken sah, legte die Hand auf seine Schulter und sagte: "Wohl mögen Sie über dieses liebe, gemütliche Bild erstaunen, welches mir doch nur Schmerzen verursacht. Ich achte es für die Krone meiner Sachen, aber ich entsage oft für Monate seinem Anblicke, weil mir der verstümmelte Zustand desselben durch die Seele geht. Was habe ich nicht versucht, getan, aufgewendet, um die andre Hälfte herbeizuschaffen, welche durch die Ungebühr der Zeit oder eine rohe Faust vielleicht für immer vernichtet ist!"
"Madame", versetzte Wilhelmi, der ganz Erstaunen war, "mich ergreift weniger der Anblick dieses vortrefflichen Werks von seltner Innigkeit des Gefühls, als dass, wenn mich nicht alles trügt, ich den andern teil der Tafel besitze. Ich verlangte nach dem Heiligen, wie Sie sich nach den Steinigern sehnten."
Die Meier stand sprachlos. Auf einen Wink Wilhelmis entfernte sich der Bediente, und brachte aus dessen Quartiere das bezeichnete Fragment herbei. Es blieb kein Zweifel; sobald man nur das Stück angepasst hatte, zeigte sich die Vermutung bestätigt. Die Gruppe der Steiniger war vollständig, fast noch besser erhalten, als der gemarterte Jüngling. Nie sind hässliche Frevelgesichter von hübschen Augen mit gerührteren Blicken betrachtet worden.
Es waltete unter den beiden Kunstfreunden ein langes Schweigen ob, während welches jeder seinen besonderen Gedanken nachhing. Endlich brach Wilhelmi dasselbe und sagte, dass, solange er am Orte verweile, er sehr gern die beiden Hälften vereinigt lassen wolle. Madame Meier nahm dies dankbar an, und fragte schüchtern, ob ihm sein Fragment nicht feil sei, was Wilhelmi ernstaft verneinte. Man erzählte einander von der Erwerbung dieses Kunstwerks, und brachte bald heraus, dass beide Stücke an einem und demselben Orte von dem spekulierenden Verwalter aufgehobner Klostergüter eingehandelt worden waren. Man untersuchte die Kanten der Fragmente und fand, dass der Riss keinesweges alt war. Aus allerhand sonstigen Anzeichen schloss man zuletzt mit ziemlicher Gewissheit, dass jener klug berechnende Mann, der herrschenden Neigung vertrauend, welche derartige Altertümer auch im verstümmeltsten Zustande aufsuchte, selbst die Tafel zerspalten haben möge, und denn auch wirklich die beiden Teile teurer losgeschlagen hatte, als er vom ungetrennten Ganzen erwarten dürfen. Er hatte also im kleinen mit dem Gute der Kirche vorgenommen, was der Staat im grossen; er hatte dismembriert.
Ein eifriges Gespräch, welches dieser fröhlichen Begebenheit folgte, wurde durch den Eintritt der gewöhnlichen Abendgesellschaft unterbrochen. Bei dem erscheinen der Fremden zeigten sich Madame Meier und Wilhelmi sehr verlegen, wovon der Grund darin zu suchen, dass zum Schlusse jener andächtigen Kunstunterredung die hände sich gefunden hatten, und die ersten Eintretenden von dieser Vereinigung Zeugen geworden waren. Die Gäste nahmen nun gebührenden Anteil an dem hergestellten Stephanus und an der Freude der Wirtin, es liess sich aber aus manchen Mienen und Flüsterworten abnehmen, dass man sich während dieses Abends doch mehr mit dem natürlichen, als mit dem Kunstereignisse beschäftige.
Wilhelmi sprach in den nächstfolgenden Tagen nichts als Gutes von der Stadt und ihren