mit dem Bauche des Walfisches verglichen, in welchem der unzufriedne Seher drei zyklische Tage zugebracht habe.
Als Hermann das Produkt zu gesicht bekam, trachtete er, es den Augen Wilhelmis verborgen zu halten, weil er von seiner Aufregung einen heftigen Ausbruch befürchtete. Allein er hatte sich in ihm geirrt. Wilhelmi erhielt die Blätter von einem Dienstfertigen zugesteckt, lachte herzlich darüber, suchte den Verfasser auf, und bat um seine Freundschaft.
Am übelsten stand er anfangs mit Madame Meier. Sie hatte nach Art der Weltfrauen darin ein ganz eigenes Talent, bisweilen jemand, der ihr mehr als andre hätte empfohlen sein sollen, zu übersehen, was denn bei ihr immer um so mehr wie eine Beleidigung erschien, weil sie sich sonst so zuvorkommend zu benehmen wusste. An einem dieser dem Zerstreutsein verfallnen Tage wurde ihr Wilhelmi vorgestellt, welcher nach den Erzählungen Hermanns auf einen besonders freundlichen Empfang gerechnet hatte. Er sah sich durch die über ihn hinschweifenden Blicke der Wirtin, die seine Anrede mit einer Bemerkung über das Wetter erwiderte, bitter getäuscht, und machte seinem Freunde beim Nachhausegehn lebhafte Vorwürfe darüber, ihn dort eingeführt zu haben. Hermann kannte ihn schon in solchen Stimmungen, und liess schweigend die erregten Wellen ausschäumen.
"Sie kann ihren Stamm nicht verleugnen!" rief Wilhelmi zum Schlusse einer heftigen Zornrede. "Mir wurde unter allen diesen Porzellanen, Gläsern, Schnitz- und Kritzelwerken zumute, wie in einer Trödelbude. Es ist der Schachergeist ihrer Väter, welcher in der Sammelwut der Tochter fortspukt.
Überhaupt haben die modernen Juden eine seltsame Stellung gegen Welt und Gesellschaft", fuhr er ruhiger fort. "Es ist noch kein Menschenalter her, dass dieses Volk an vielen Orten Leibzoll bezahlen, an andern wie krankes Getier abgepfercht wohnen musste. Plötzlich ist ein Umschwung eingetreten, sie stehen jetzt in den bürgerlichen Rechten uns gleich, und wollen, besonders hier, in Geist, Geschmack und Ansehn den ehrlichen Christenseelen womöglich noch den Rang ablaufen. Nun ist es aber ein eigen Ding um elegantes Dasein. Das geht nämlich immer nur aus völlig gesicherten Notwendigkeiten des Lebens hervor. Dieses Gefühl haben sie nicht, können es auch nicht haben, denn die Verbesserung ihres Zustandes ist weit mehr das Erzeugnis sentimentaler Schriftsteller und schlaffer Staatsmänner, als einer Umstimmung des Volksglaubens. Im volk hat sich vielmehr das alte Bewusstsein unzerstört erhalten, dass der Jude nichts tauge. Folglich denken alle diese unsre grossen israelitischen Häuser im stillen immer noch an die Möglichkeit einer rückgängigen Bewegung, an den Leibzoll, und an die Judengassen. Dadurch erhalten ihre Bestrebungen um Eleganz etwas Unsicheres und Hastiges; ihre Gesellschaften haben durchaus mehr den Charakter einer Hypotese, als den eines Postulats.
Die produktiven Köpfe der Nation verfahren dagegen nach den grundsätzen des Gewerbgeistes, welcher ihre Ahnen auszeichnete; sie schachern und trödeln. In Gedichten, Musiken, in Philosophie und Wissenschaften sind sie mit kleinem Profit, mit allerhand netten, charmanten, glänzenden Effekchen und Wahrheitchen zufrieden, bringen auf solche Weise auch wirklich manches zusammen, obwohl man schwerlich im Reiche des Geistes durch geschickt zubereitete Bagatellen grosses Vermögen erwirbt."
Als Hermann einiges zum Schutze der Geschmähten vorbringen wollte, fuhr ihn Wilhelmi beinahe an, und rief: "Du wirst auch noch durch Schaden klug werden. Deine ägyptische Kavaliergarde wird dir Verdrusses die Fülle machen." Dies bezog sich darauf, dass sich um Hermann eine Menge junger Israeliten versammelt hatte, welche ihm mit grosser Freundschaft begegneten.
Die Laune Wilhelmis schärfte sich von Tage zu Tage. Zum teil wurde dieser üble Humor durch sehr wesentliche Bedrängnisse erzeugt. Er konnte nämlich bald merken, dass an einen Verkauf seiner Sammlungen nicht zu denken sei, und dass er die leichte Zusage eines hohen Mannes viel zu schwer genommen habe. Ein sicherndes Verhältnis hatte er aufgegeben, ausser seinen Kunstsachen besass er nichts, und jede Aussicht schwand, mit diesen dem Museum einverleibt zu werden. Bald war er in Geldverlegenheit und sprach Hermann um hülfe an.
Wie erschrak er, als dieser ihm eine gleiche Not offenbaren musste! Im Badenschen bestand man streng auf Innehaltung der Zahlungstermine, ein Kapital nach dem andern war schon dortin gewandert, einen Besitz zu bezahlen, den anzutreten der Eigentümer weder Lust, noch Geschick in sich verspürte.
So führten denn unsre beiden Glücksritter ein ziemlich gewagtes Leben. Der eine war, wenn man so sagen darf, in böhmischen Dörfern angesessen, der andere stand mit Raritäten in teuren Mietzimmern aus. Ihre Lage konnte übel genug werden, wenn der Himmel sich nicht ins Mittel schlug.
Indessen trugen sie ihre Lasten zu zweien, und das will viel sagen. Da die Taler ausgingen, so teilten sie die Groschen miteinander. Hermann zog sich aus vielen grossen Gesellschaften zurück, und begann eine Art von geniessendem Einsiedlerleben zu führen.
Mit der ägyptischen Kavaliergarde, mit den jungen Juden, hatte Wilhelmi nur zu sehr recht gehabt. Einer derselben, ein angehender Künstler, war ihm besonders eifrig genaht, hatte einige Billette an ihn sogar "mit Ehrfurcht" unterzeichnet. Im haus der reichen Eltern begegnete man unsrem Freunde fast wie einem höheren Wesen. Eines Tages ersuchte ihn der junge Künstler bescheiden um seine vortreffliche Kritik über dieses und jenes. Bei der näheren Nachfrage erfuhr Hermann, dass ihn ein Gerücht zum Verfasser mehrerer anonymen Rezensionen in dem gelesensten Blatte der Stadt gemacht hatte, welche durch ihren geistreichen Gehalt allgemeines Aufsehn erregten. Da er nun diese Vaterschaft ablehnen musste, so bemerkte er an den Gesichtszügen und an dem Benehmen seines feurigen Anhängers bald eine merkliche Verändrung,