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über alles, und er mag sich daher selbst in der Irre zurechtfinden."

Sie standen jetzt kaum zwei Schritte von Hermann, und er sah der Fürstin in das schöne regelmässige Antlitz. "Hätten wir doch unsre Pferde bei der Hand", sagte sie. "Ein Ritt am Flüsschen müsste in dieser Kühle sehr behaglich sein."

"Ich habe leider keinen Bedienten mitgenommen, den wir nach dem Gastofe schicken könnten", erwiderte der Herzog.

"Lass uns eine Strecke zu Fuss spazieren."

Als sie die Kapelle verlassen hatten, trat Hermann aus seinem Verstecke hervor. "Was hat sie gegen mich?" fragte er bitter und wehmütig. Es war ihm so neu, in der Damenwelt etwas wie Abneigung zu finden, dass er sich nicht wohl darein zu schicken wusste.

Er trat in die tür der Kapelle, und sah die Herrschaften zwischen wallenden Kornfeldern gehen. Der Schmerz kleidete sich bei ihm leicht in den Scherz. Er strich sich über die Augen, wischte eine Träne aus, und rief: "Weiset ihr den Gast zurück, so werdet ihr doch den Bedienten nicht verschmähn."

In fünf Minuten hatte er das Wirtshaus erreicht. Er stöberte den Reitknecht Wilhelm auf, und hiess ihn satteln; der Herzog befehle die Pferde. Er wollte ihm die Gegend beschreiben, wo sein Herr lustwandelte, der Reitknecht liess ihn aber nicht ausreden, sondern schlug sich mit beiden Fäusten in das Gesicht, welches von den Stössen des Wirts schon blau genug war, und rief: "Ich bin aus dem Dienst, wenn die herrschaft mich so zu sehen bekommt." Vergebens stellte ihm Hermann vor, morgen bemerke der Herzog ja doch sein geschwollnes Antlitz, und erfahre mitin die Sache. Der Reitknecht dachte wie ein Wilder nicht über den heutigen Tag hinaus.

Hermann sah, dass mit dem Menschen nichts anzufangen war. "Was tut's, ob mich das Nest für einen Narren hält?" rief er. "Sattelt, Wilhelm, ich will den Herrschaften die Pferde bringen." Diese Grossmut schlug dem Kerl bis auf die Seele durch, er küsste Hermann inbrünstig die Hand, und sattelte weinend die Rosse. Bald trabte jener auf einem gedrungnen Polacken, den Zelter der Herzogin, und den Fuchs des Herzogs an der Hand führend, davon, zum Erstaunen des Wirts, dem dieser Gast ein Rätsel war und blieb.

Als die Herrschaften den Hufschlag hörten, wandten sie sich um, und machten verwunderte Gesichter. Er war rasch vom Pferde, trat, die Tiere führend, zu jenen, und sagte schnell, um die Entdeckung des wahren Zusammenhangs zu verhüten:

"Ich sah Ew. Durchlauchten im feld spazieren, ich dachte, dass ein Ritt vielleicht angenehmer sein möchte, habe ich mich geirrt, so bringe ich die Pferde zurück. Den Reitknecht konnte ich nicht finden, ich erlaubte mir deshalb, selbst den Stallmeister zu machen."

Der Herzog fixierte ihn, und versetzte nicht ohne eine gewisse Schärfe: "In wie vielen Gestalten wird man Sie denn noch zu sehen bekommen?"

"In jeder, welche schicklich ist, Ew. Durchlaucht Dienste zu leisten", sagte Hermann trocken.

Man sprengte durch Wiesen und lichte Baumplätze. Hermann hielt sich streng mehrere Schritte zurück. Da der Weg breit genug für drei war, so forderte ihn der Herzog auf, Front zu machen. "Der Platz des Dieners ist hinter den Gebietern", erwiderte er, und blieb, wo er gewesen, der schlanken Reiterin vor ihm im stillen grollend.

Es war dunkel, als man zurückkehrte. Hermann half vor dem Gastofe der Herzogin vom Pferde. Sie flüsterte ihm, als sie ins Haus ging, zu: "Ich habe noch mit Ihnen zu reden."

In der Dämmerung stand er ihr bald in ihrem Zimmer gegenüber. Sie ging nach ihrer Schatulle, holte eine Rolle, drückte sie in seine Hand und sagte: "Sie haben mir heute morgen von einem unglücklichen Mädchen erzählt. Hier ist Geld. Finden Sie den Vater ab, bringen Sie das Kind anständig unter; wenn ich späterhin gute Zeugnisse zu sehen bekomme, so will ich die Verlassne selbst aufnehmen."

Hermann weigerte sich, das Geld anzunehmen. "Ich bin Ew. Durchlaucht unbekannt, und kann mir nicht schmeicheln, Ihr Vertrauen schon in dem Masse zu verdienen, um der Depositar einer so grossen Summe sein zu können."

"Was meinen Sie?" fragte die Herzogin befremdet. "Sie sind brav und klug, und Ihr Name hat für unser Haus einen guten Klang. Leben Sie wohl! Wir sehen uns wohl schwerlich wieder!"

Sie machte ihm ein Zeichen, dass er entlassen sei. Er ging, und wusste nicht, was er von ihrer Abneigung und von dem letzten Lobe denken sollte.

Man setzte sich in der grösseren stube, die den Salon vorstellen musste, zum Spiel. Nachdem einige Partien gemacht waren, sagte die Herzogin: "Wir treiben die Sache so ernstaft, dass, wenn uns jemand sähe, der uns nicht kennt, dieser glauben müsste, die bunten Blätter lägen bei uns zu haus beständig auf dem Tische."

"Das Spiel ist in eine unverdiente Missachtung gefallen und bis jetzt durch nichts Besseres ersetzt worden", sagte Wilhelmi. "Grade die mässige Aufmerksamkeit, die es fordert, das Zählen und Anlegen ist wohltätig. Es hält uns in einem heilsamen Mittelzustande zwischen Anspannung und Zerstreuung."

"Unser Freund