Es tat ihm wehe, dass ein so treuer gefühlvoller Mann, wie Wilhelmi, sich seinen Gönnern in einem solchen Augenblicke hatte entziehen können.
"Ich will mich nicht rechtfertigen", sagte dieser, als Hermann nach einigen Tagen eine leise Andeutung seiner Empfindung blicken liess. "Es gibt Dinge und Worte, die mit magischer Kraft das Gemüt unwiderstehlich nach sich reissen, und so muss ich dir gestehn, dass ich, in abgelegnen Winkelverhältnissen hingehalten, nicht zu widerstehn vermochte, als mir die Aussicht erschien, mich dem öffentlichen angereiht zu sehen. Wie einst das Heilige Grab und späterhin die Neue Welt jeden strebenden Geist siegreich lockte, so ist es jetzt mit dem staat. Nur das, was an ihn sich lehnt, nur das, was von ihm erkannt wird, hat Glauben an sich selbst, die Zeit der Privatdienstbarkeit ist durchaus vorüber."
"Du sprichst da etwas aus, welches mir schon lange das Herz beschwert hat", versetzte Hermann. "Wenn ich die Dokumente jener verspotteten empfindsamen zeiten betrachte, so muss ich sagen, dass diese schwärmerischen Freundschaften auf Leben und Tod, diese leidenschaftlich-platonischen Liebesverhältnisse, diese begnügten Familienglückseligkeiten, wie sie damals gang und gäbe waren, jetzt fast aufgehört haben. Das Gemüt hat die Fähigkeit verloren, sich in so traulicher Enge zu regen, alle Kräfte und Sinne der Menschen streben weiteren und höheren Zwecken zu. Das wäre nun recht schön, wenn wir nur schon ein Vaterland, oder grosse öffentliche Einrichtungen hätten. Aber alle diese erhabnen Tröstungen zeigen sich bei näherer Betrachtung denn doch meistens als Schein, höchstens als ziemlich schwache Versuche. Und so darbt unser Herz über den Mangel eines Freundes, einer Geliebten, eines Hauses sich zu tod, und wenn es sich auf einem andern Altare opfern möchte, so fehlt eben dieser. Wahrlich, es liesse sich ein Werter des neunzehnten Jahrhunderts schreiben, der an diesem Doppel- und Nichtzustande verginge, und dessen Klagen auch rührend und beweglich ertönen würden."
"Ja, wir leben in einer Übergangsperiode", sagte Wilhelmi. "Das ist ein trivial gewordnes Wort, welches alle Schulknaben jetzt nachplappern. Schwieriger ist es, die ganze Bedeutung desselben zu fühlen, sympatetisch mitzuempfinden, wie viele Menschen an einem solchen Übergange zugrunde gehen. Wohl befinden sich in der Gegenwart eigentlich nur die oberflächlichen Naturen, welche von Schatten und Klängen genährt werden, während jede tiefer gehöhlte Brust ein heimliches Verzagen erfüllt. Auf alle Weise sucht man sich zu helfen, man wechselt die Religion, oder ergibt sich dem Pietismus, kurz, die innere Unruhe will Halt und Bestand gewinnen, und löst in diesem leidenschaftlichen Streben gemeiniglich noch die letzten Stützen vom Boden."
"Wunderbare Gedanken und Träume beherrschen die Menschen", sagte Hermann. "Trotz alles Redens von der praktischen Richtung des Zeitalters laufen die Vorstellungen und Dinge weit auseinander, und der Wahn hat eine furchtbare Macht gewonnen. Es liesse sich der Fall denken, dass jemand unter der Last eines eingebildeten Schicksals sein Leben hinkeuchte, und stürbe, ohne das Antlitz der Wahrheit geschaut zu haben."
"Wiederum aber sind auch die ausserordentlichsten Glücksfälle gedenkbar", versetzte Wilhelmi. "Eigentum und Besitz haben ihre schwere, tellurische natur aufgegeben, sie streichen, gasartig verflüchtigt, durch die Lüfte, und niemand von uns weiss, ob nicht auch er in den Bereich eines solchen ziehenden Schwadens kommen werde. Kurz, Freund, es kann an deiner, und es kann an meiner Stirn mit unsichtbarer Schrift das Wort: Millionär, geschrieben stehen, so wenig Anschein die Sache auch jetzt für sich haben mag."
"Nein, in der Tat, danach sieht es bei mir nicht aus", sagte Hermann lächelnd. "Ich will nur froh sein, wenn ich aus meinem badenschen Ankaufe mit einem blauen Auge davonkomme. übrigens wüsste ich auch nicht, was ich mit vielem Gut und Gelde beginnen sollte, es hat wenig Reiz für mich."
"Um so geschickter bist du vielleicht, Vermögen zu bewahren", antwortete Wilhelmi. "Oft kommt mir alles Eigentum wie ein Depositum vor, welches bei uns für ein nachkommendes glücklicheres Geschlecht hinterlegt worden wäre, welches wir treulich den Enkeln aufzuheben, aber selbst nicht zu geniessen hätten."
Neuntes Kapitel
Hermann führte den Freund in seinem Kreise umher, an welchem Wilhelmi aber viel auszusetzen fand. Mit Johannen gelang es noch am besten; nachdem eine leichte Verlegenheit von beiden Seiten überwunden war, kam ein erträglicher Umgang zustande, obgleich beide in ihrer Gereizteit wenige Berührungspunkte füreinander hatten. Dagegen nannte er Medon geradezu den Jugendverführer, ohne sich über den Sinn dieses Ausdrucks näher zu erklären.
Auch die übrigen Persönlichkeiten, Einrichtungen und Anstalten der Hauptstadt fanden keine Gnade vor ihm. Er sah nur die Hast, womit hier alles sich zur Erscheinung drängen musste, um bemerkt zu werden, und übersah den Kern, welcher von jener Hast hervorgestossen wurde. Bald nannte er den ganzen Zustand eine grosse Lüge, und die Stadt selbst ein Konglomerat von zwölf Krähwinkeln, welches Paris vorstellen wolle. Dieses Tema führte er in unzähligen spitzigen und witzigen Variationen aus, worüber Hermann anfangs lachte, späterhin aber zuweilen verdriesslich wurde.
Die Spötter rächten ihrerseits wieder die Stadt an dem Hypochondristen, und einer derselben verfasste eine parodistische geschichte von Jona, dem neuen Propheten, welcher berufen worden sei, Ninive Busse und Zerstörung zu predigen, und welcher sich nun ärgre, dass die Stadt nicht untergehn wolle. Das Schloss des Standesherrn wurde in dieser Travestie