, verstanden sich unsre Blicke. Er zog dahin, und ich sah ihn nicht wieder.
Er trug, wie alle jugendliche Frühlingsherzen, die Todesahnung im Busen. Sein einziger Wunsch war, in deutscher Erde zu ruhn, er schauderte vor dem Gedanken, fern unter den Fusstritten des feindlichen Volkes vermodern zu müssen. Das Schicksal ist oft grausam, es kann uns nicht allein das Leben, wie wir es wünschen, sondern auch den Tod, wie wir ihn zu sterben würdig gewesen wären, versagen. Nicht in einer der grossen herrlichen Befreiungsschlachten fiel mein Freund, nein, vereinzelt, seiner Schar nachgeblieben, wurde er von umherstreifendem Gesindel auf dem fremden Boden erschlagen. Ich erfuhr seinen Tod, noch ehe die Nachricht davon zu mir gelangte. In der Nacht aus tiefem Schlummer ohne vorhergegangnen Traum emporschreckend, sah ich das blutige Haupt des Ermordeten am fuss meines Lagers aufsteigen, und alsobald auch wieder verschwinden. Augenblicklich wusste ich um meinen ungeheuren Verlust, aber zugleich durchdrang mein Herz ein unvergänglicher Trost, der es so ganz erfüllte, dass ich mich kaum erinnere, damals geweint oder sonst getrauert zu haben. Nur jetzt, nach manchem Jahre fliessen meine Tränen zuweilen. Als die Ruhe hergestellt war, beschäftigte uns alle, die wir ihn geliebt hatten, sein Wunsch. Ein treuer Gefährte seiner Tage machte sich endlich in der Stille auf, scheute nicht Mühe noch Gefahr unter dem noch immer schmerzlich empörten volk, fand die Grube, in welcher man den Körper verscharrt hatte, kaufte die teuren Reste los, und brachte sie in die Heimat."
Sie näherte sich einer schmalen, länglichen Kiste, welche in der Ecke des Gemachs stand, öffnete sie und warf sich mit Lauten des tiefsten Schmerzes über sie. Hermann trat hinzu und fuhr zurück; ein menschliches Gerippe starrte ihm aus der Kiste entgegen. "Warum erschrickst du? Was macht dich zu fürchten?" rief sie. "Dies ist mein lieber, mein einziger Freund, den ich nun wiederhabe, und nicht von mir lasse. Betrachte den holdseligen Mund, die guten, schönen Augen, die denkende Stirne! Nun ruht er, umweht vom Hauche der Liebe, nun ist ihm wohl!"
"Teure, warum gaben Sie der Erde nicht wieder, was der Erde gehört?" fragte Hermann, als er sich einigermassen von seinem Erstaunen erholt hatte.
Sie versetzte nichts. Mit den zärtlichsten Namen rief sie den geschiednen Freund, schmeichelnd strich sie über den kahlen Schädel, ihre Lippen küssten die leeren Augenhöhlen. Dazwischen führte sie Reden, deren Sinn und Bedeutung Hermann nicht verstand. Sie sprach von dem Vampir, der, auferstandne Leiche, umhergehe und den Lebenden das Blut aussauge, und beschwor die Gebeine des Toten, sie wie bisher, so auch ferner vor dem Schrecknis zu schützen.
Achtes Kapitel
Es schien, als seien die nächsten Tage bestimmt, unsres Freundes Herz, welches schon in kalten, seltsamen Umgebungen zu frieren begann, wieder von neuem auszuwärmen. Johannas Not regte mächtig sein Gefühl auf, und kurz nach jenem Abende sollte er auch einen alten Freund wiedersehn.
Er war in Madame Meiers Gesellschaft gewesen. Als geborner Hansestädter an reichliche Mahlzeiten gewöhnt, empfand er nach den dort landüblicherweise genossenen dünnen Butterschnittchen immer noch einen lebhaften Appetit, den er nun in einer Restauration stillen wollte. Aber obgleich es erst elf Uhr war, so herrschte in diesem Teile der Stadt doch schon eine Totenstille, die Fenster waren dunkel, die Läden geschlossen und nur die Laternen warfen ihr mattes Licht über die menschenleeren Strassen. Er kam endlich in die Nähe eines Gastofs, vor dessen tür sich jemand in ähnlicher Not befand, wie er. Ein Reisender suchte mit Rufen, Schelten und klopfen vergebens Einlass durch die bereits fest verschlossne Pforte zu gewinnen. Das Geräusch zog Hermann mechanisch näher, und er erkannte mit freudigem Schreck die stimme seines Freundes Wilhelmi. Dessen Freude war nicht geringer, beide begrüssten einander auf das herzlichste. Nachdem sie durch vereinte Bemühungen die Öffnung des Wirtshauses erwirkt hatten, Wilhelmis Wagen und Gepäck untergebracht worden war, blieben sie noch einen teil der Nacht in traulichen Gesprächen beisammen. Hermanns erste Frage war, was Wilhelmi so unerwartet herführe? worauf jener ihm erwiderte, dass sein Verhältnis zum herzoglichen haus gelöset sei, und dass er komme, um seine Sammlung dem grossen Museum zu verkaufen. Man habe ihm die bestimmte Hoffnung gemacht, ihm als Preis eine feste Anstellung bei jenem Institute zu geben.
Hermann wusste, wie leicht man es mit solchen Versprechungen des Orts nehme, und erschrak über den unbedachten Entschluss des Freundes. Er hütete sich indessen, seine Befürchtungen ihm mitzuteilen, um Wilhelmis Hypochondrie nicht rege zu machen. Wahrhaft schmerzlich war ihm aber die Lösung der Bande, welche er in achtung, Liebe und Bedürfnis fest gegründet erachtet hatte. Auch der Arzt, so hörte er von Wilhelmi, sinne darauf, dem schloss Lebewohl zu sagen. Am befremdlichsten klang, was er über die Herzogin vernahm. Sie sei, erzählte Wilhelmi, nach Hermanns Abreise in eine düstre Melancholie verfallen, welche sich durch einen sonderbaren Widerwillen gegen die Gesellschaft ihres Gemahls ausgezeichnet habe. In dieser Stimmung habe sich der Geistliche ihrer bemächtigt, mit welchem sie nun den grössten teil ihrer Zeit in Andachtsübungen, die zuweilen selbst in Kasteiungen ausarten sollten, verbringe. Der Herzog sei über diesen Zustand um so bekümmerter, als ihm grade jetzt der vom Kaufmann nun mit vollem Eifer betriebne Prozess viel zu schaffen mache.
Alles dieses konnte Hermann wenig erfreun.