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aber erkennen, dass mindestens ein teil der Verehrer ihn auf gut Nicolaitisch wiederum gekreuzigt haben würde, wenn er unter ihnen neu mit dem "Werter" aufgetreten wäre.

Die Tage waren kurz geworden. An einem Abende, an dem es draussen recht unheimlich stürmte, besuchte er Johannen. Er hatte gewünscht, sie allein zu finden, und es ward ihm so wohl. Sie sass in einem kleinen Zimmerchen, und hatte Briefe, getrocknete Blumen, Schattenrisse vor sich auf dem Tische ausgebreitet. An den Wänden dieses Zimmerchens hingen viele kleine Bildnisse, Freunde und Freundinnen einer glücklicheren Zeit. Ihre Augen waren verweint, sie schien matt und abgespannt zu sein. "So kommen Sie doch noch", rief sie ihm sanft und freundlich entgegen, "das ist schön! Der Abend ward mir unter meinen lieben Schatten hier gar zu schwer, ich kam mir selbst schon ganz vergangen vor, und meinte, zum zweiten Male zu leben. Wie es draussen stürmt, und hier die kleine friedliche Lampe! So wütet es überall feindlich um das stille liebliche Feuer, was hin und wieder die Mächte des himmels entzünden!"

"Was hat Sie betrübt, Johanna?" fragte Hermann, und setzte sich teilnehmend zu ihr.

"Nichts und alles!" versetzte sie. "Mein Herz ist eben zum Überlaufen voll, und da genügt ein Tröpfchen zum Ergusse. Wir hatten zu Mittag Gesellschaft und die trostlosen gespräche begannen wieder, welche mir schon oft den Busen zerspaltet haben. Die armen, törichten Menschen! Auf den Knien sollten sie Gott danken, dass er doch hin und wieder einen warmen Frühlingsatem über die Erde streifen lässt, unter welchem das kleinste Gräschen sich aufrichtet, und selbst verdorrte Keime neu zu spriessen beginnen."

"Ich weiss, was Sie meinen", sagte Hermann. "Auch mich hat es schon oft verdrossen, dass man hier fast geflissentlich bemüht ist, der Erinnrungen an eine grosse Zeit sich zu entschlagen! Und doch, was steht ihr gleich, was kann das gegenwärtige Geschlecht ihr Ähnliches hoffen?"

"Sie war die hohe Brautwoche, der süsse Honigmonat meines Lebens!" rief Johanna und ihre Augen glänzten. "Ich war zwanzig Jahre alt, auf meines Vaters schloss erwachsen, der, wie ihn die Leute auch beschelten mögen, mir ein guter Vater war, und mich aufstreben liess, frei und ungezwängt, gleich den Tannen in unserm Park. An seiner Seite zu Pferde, oder im leichten Jagdwagen, wenn der Hirsch verfolgt wurde, war es mir oft, als müssten Flügel mir an beiden Schultern wachsen, so leicht und rein rollte in mir das mutige Leben! Daheim horchte ich den Erzählungen der Reisenden und klugen Männer, welche meinen Vater besuchten, und von fremden Ländern und Menschen sprachen, oder ich las geschichte mit meiner alten, würdigen Erzieherin. Denn, Dank sei es denen, welche über mein Geschick geboten; nichts Gemeines und Eitles durfte mich berühren, und ich erinnre mich noch, dass in meinem Zimmer der Spiegel fehlte. Welt und Vorzeit umgaben mich wie ein schönes, sinnvolles Märchen, in dessen Mitte ich, allen Helden und Weisen vertraulich nahe, liebe Tage hinspann.

Nun erschien jener grosse Winter mit seinen Eisund Leichenfeldern, mit seinem Stadt- und Herzensbrande! Meines Vaters Entschluss war sogleich gefasst, als die ersten Zuckungen des wieder erwachenden Lebens sich verspüren liessen. Obgleich, nach der Sitte seiner Jugend, gern die fremde Sprache redend, war er ein deutscher Mann und Edelmann geblieben; sein Herz hatte bei dem Jammer des Vaterlandes oft geblutet. Wir zogen, damit er tätiger eingreifen könnte, auf eine Zeitlang nach der grossen Stadt, welche der Herd des heiligen Feuers war. Was schwatze ich Ihnen vor? Sie waren ja selbst dabei, haben selbst die Waffen getragen. Welche Tage! Welche Gefühle! Nun waren Rom und Griechenland und die Ritterzeit kein Märchen mehr für mich, alles Grösste strahlte wiedergeboren im grünen, frischen Lichte, mich an. Mein Mädchenherz wollte mir oft die Brust zersprengen, wenn ich bis Mitternacht, ja bis an den frühen Morgen die Binden zuschnitt, welche das Blut der Wunden hemmen sollten. Ich weinte, dass mein Vater reich war, dass ich nicht auch mich genötigt sah, mein Hauptaar auf dem Altare der allgemeinen Begeisterung zu opfern. Nie, nie kann ich das vergessen, und wenn die ganze Welt umher in Zweifel und Klügelei starr wird, so soll der Busen einer armen Frau wenigstens ewig das fest der Erinnerung feiern!"

Sie war aufgestanden und ging mit grossen Schritten durch das Zimmer. Ihre Züge hatten sich verklärt, sie glich einer Priesterin, einer Velleda. Nach einer Pause, während welcher ihr Antlitz vom herrlichsten Angedenken wie durchsichtig zu werden schien, stand sie still und rief: "Ja, wenn es eine Liebe je auf Erden gegeben hat, so habe ich geliebt! Und o des Glücks! Die zärtlichste Empfindung war nur eins mit der heiligsten und grössten! Im Waffenschmuck trat er mir entgegen, dem Kampfe sich entgegensehnend, in den er nach wenigen Wochen zog. Mild war er und edlen Zornes zugleich voll, nie hat ein reineres tugendhafteres Herz unter dem Rocke des Kriegers geklopft. Er war wie ein Verschlagner von einer fernen seligen Insel unter uns andern. Die Augen pflegte er zu senken, als erliege seine Seele unter ihrer eignen Grösse. Stumm war unsre Liebe und ohne Erklärung. Nur, als ich ihm beim Abschiede die Feldbinde reichte