in seinem Umgange mit diesem bedeutenden mann missfiel. Denn sonst zog ihn alles nun immer mächtiger zu ihm hin, Wissen, Beredsamkeit, Kraft, ja selbst der blick des hellblauen Auges, welches, wenn Medon in Eifer geriet, im eigentlichen Sinne des Worts blitzte, so durchdringend wurde der Glanz desselben.
Hermann teilte hierin nur die Stimmung sämtlicher jüngeren Leute, welche in grosser Anzahl bei Medon aus- und eingingen. Er schien den Verkehr mit diesen besonders zu lieben. Sie dagegen ahneten hinter seinen Andeutungen und Winken etwas Ausserordentliches, welches um so reizender für sie war, als sie sich von der Gestalt desselben keine Rechenschaft zu geben wussten. Da er nun in jedem das Selbstgefühl durch Lob und Ermuntrung ungemein zu steigern wusste und ihren Talenten die schimmerndsten Kreise anwies, so hatte er um sich eine Art von Hofstaat versammelt, welcher sich in angenehmen Gedanken und schönen Erwartungen von Tag zu Tage gehnliess.
Siebentes Kapitel
Er hatte indessen immer tiefere Blicke in die badenschen Grund- und Erwerbspapiere geworfen, und da ihm um diese Zeit einige feurig aufmunternde Briefe ehemaliger Ordens- und Gesinnungsbrüder zukamen, des Inhalts, dass er aus der Untätigkeit hervortreten möchte, da Medon auch, ohne zuzureden, seinen Entschluss für gefasst annahm, so war eines Morgens in einer leeren unmutigen Stunde die bindende Unterschrift unter dem ihm vorgelegten Dokumente geleistet und letzteres zur Post gefördert.
Er sass nachdenklich, die Feder noch in der Hand, und überlegte den wichtigen Schritt, welchen er soeben getan, als Medon eintrat. Dieser umarmte ihn, da er das Geschehene vernommen, und rief: "So sehe ich Sie doch endlich in der rechten Strasse, und dem zwecklosen Umherstreifen entoben!"
"Es ist sehr zu wünschen, dass dem so sei", versetzte Hermann. "Denn mein väterliches Vermögen reicht kaum zu, den Kaufpreis des Guts zu decken, und ob ich bei der Bewirtschaftung desselben sonderliche Geschäfte machen werde, steht dahin, weil ich in diesen Dingen noch völlig unwissend bin."
Wie gross war sein Schreck, als er die Verfassungsurkunde jenes Landes nachsah, was er bis jetzt unterlassen hatte, und bemerkte, dass er das wahlfähige Alter noch gar nicht erreicht habe! Er konnte sich nicht entalten, Medon einige Vorwürfe darüber zu machen, dass er von ihm auf diesen Umstand nicht aufmerksam gemacht worden sei. Medon lehnte dieselben jedoch ganz sanft mit der Bemerkung ab, dass er ja nicht verordnet gewesen sei, seine Jahre zu zählen, und dass er ihn nach der Reife seines Urteils und nach seinem äusseren Ansehen schliessend, für älter gehalten habe. "übrigens ist noch nichts verloren", fügte er hinzu. "Sie sind nur als Bürgerlicher zu jung; wenn Sie geadelt werden, besitzen Sie die erforderliche Weisheit. Wir wollen also auch diese Metamorphose versuchen, und ich werde Ihnen dazu die Mittel und Wege angeben."
Diese neue Aussicht, für deren Verwirklichung gleich allerhand geschah, vermehrte die Unruhe, welche das Wesen unsres Freundes aufregte, seitdem er in den Zauberkreis der grossen Stadt getreten war. Nicht leicht ging ein Tag hin, an welchem nicht das, was ihm festzustehen schien, von andern bezweifelt, und häufig auch widerlegt worden wäre. Die Stadt war gewissermassen eine Freistätte aller Gedanken und Meinungen, und wenn diese selbst friedlich nebeneinanderher gingen, so hatte der Anblick so vieler unvermittelter Gegensätze für den dritten Beschauer auf die Länge etwas Seelenzerstörendes.
Um nur ein Beispiel anzuführen: Er hatte geglaubt, durch die gespräche in Medons haus über die Lage des staates, und über das, was dessen vorzüglichste Männer hauptsächlich beschäftige, ziemlich in das Klare gesetzt worden zu sein. Wie erstaunte er, da er an einem andern Orte zufälliger Zeuge einer Unterredung wurde, aus welcher er abnahm, dass die Frage über das Verhältnis der neuen Provinzen von den eigentlichen Lenkern nur als eine untergeordnete betrachtet wurde, dass man sich vielmehr im höchsten Rate mit Dingen beschäftige, welche, weitgreifender Art, über ganz Deutschland ihre Folgen zu verbreiten bestimmt waren!
Diese ganze Welt, in welcher er sich seit einigen Monaten bewegte, kam ihm so doppeldeutig und unsicher, und trotz alles scheinbaren Lebens so tot vor, dass ihm oft übel zumute ward. Was ihn vor allem unangenehm berührte, war der Mangel jeglicher Poesie, der ihm bald anschaulich wurde. Zwar arbeitete der junge Dichter rastlos an seinen Bildern aus der Kunstgeschichte fort, und hatte für den nach Weimar mitgeteilten florentinischen Zeitraum von dort ein aufmunterndes Schreiben empfangen, "in so löblichen Bestrebungen treufleissig fortzufahren", zwar bestanden einige literarische Gesellschaften; aber Hermann wollte durch alles, was er hier hörte und sah, wenig erbaut werden. Was einem Fremden, wie er war, bald kein Geheimnis blieb: Es hielt niemand etwas von dem andern, und wenn sie sich auch gegenseitig besangen, so lachten sie sich im stillen doch nur untereinander aus. Vom Teater zu reden, ward beinahe für unanständig gehalten, es stand in einer Art von Verruf, warum? liess sich auch nicht wohl begreifen; es war um nichts schlimmer, als manches andre, was in hohen Ehren gehalten wurde.
So zwischen Staatskunst, Gelehrsamkeit und dem Entusiasmus für Malerei eingeklemmt, fühlte Hermann recht deutlich, dass ihm nur wohl werden könne, wo der frische Glaube an die fortzeugende Kraft der Dichtung wehe. Hier aber ward alles Neue mehr oder minder höflich verneint, man hatte sich und sein ästetisches Gewissen in der schwärmerischen Verehrung des alternden grossen Autors abgefunden. Es liess sich