welche ihm Medon mitgeteilt, achtsam durch, und konnte an manchen darin entaltnen Winken abnehmen, dass eine rührige Partei ein geschicktes Werkzeug suche, welches man aus unbekannten Gründen am liebsten im Auslande finden zu wollen schien. Dies machte ihm die Sache noch anziehender. Man will behaupten, dass er aus der grossen Bibliotek damals mehrere Bände englischer Parlamentsverhandlungen und französischer Journale erborgt, und wenigstens angefangen habe, in diesen Musterurkunden zu studieren.
Ein blick auf die nächsten Verhältnisse überzeugte ihn wirklich, dass Medon wenigstens darin recht gehabt habe, ihm den Eintritt in diese zu widerraten. So sehr man Persönlichkeit, Geist, Talent als gesellige Tugenden achtete, eine so verschiedne Gestalt nahmen die Dinge an, wenn die Rede vom Dienste des Landes war. Dann trat behutsam und indirekt, aber ganz unzweideutig die alte Furcht vor dem Genie auf, mit welchem man in Amt und Stelle nichts zu schaffen haben mochte. Auch nahm er binnen kurzem wahr, dass, wenn man nicht das Glück hatte, einer der Familien anzugehören, in welchen sich die Befördrung sozusagen erblehenartig machte, ein rasches Fortkommen zu den seltensten Zufälligkeiten gerechnet werden musste. Gern hätte er sich mit Johanna, die ihn seit jenem Auftritte mit zweifelnder Miene betrachtete, verständigt, sie wich aber allen Erklärungen aus, und sagte nur einmal in Selbstvergessenheit zu ihm: "Wer sich das Netz über den Kopf werfen lässt und merkt es nicht, verdient kein Mitleid!"
Es war noch so manches, was ihn jetzt in diesem Kreise befremdlich anstiess. Zuerst, dass er sah, wie es Mode geworden war, auf eine jüngstvergangne Zeit voll Glut und Erhebung vornehm hinunterzublicken. Man schämte sich fast der verübten Grosstaten, wie wilder Studentenstreiche; die Helden jener Epoche wurden von allen Seiten kritisch beleuchtet, sie waren unbequem geworden, und das berüchtigte Gleichnis, dass in dem denkwürdigen Jahre jeder zum Kampf geeilt sei, pflichtmässig, wie der Bürger bei entstandnem Feuerlärmen zur Spritze, erfreute sich vieler eifriger Verehrer.
Einstmals traf er mit einem Bewohner der westlichen Gegenden zusammen, welcher gekommen war, ein persönliches Anliegen durchzusetzen. Er merkte ihm bald ab, dass der Mann zu den Unzufriednen gehörte. Auf seine fragen, worüber man sich denn dort zu beschweren habe? versetzte der andre derb: "Zum Henker, über die Unredlichkeit! Wir sind so oft umgemodelt worden, dass wir uns auch jetzt wieder eine Verändrung gefallen lassen würden. Aber was macht man? Die Formen lässt man bestehn, und in der Sache tun sie hier denn doch, was den hiesigen grundsätzen gemäss ist. Dadurch sinkt die achtung vor den Gesetzen und vor der Verfassung, denn man sieht, dass diese nur ein Spielzeug sein soll, welches man dummen und blöden Kindern in Händen lässt, damit sie nicht schrein. Viele sind darüber verdriesslich und in manchem ist eine noch üblere Stimmung erzeugt worden."
Als er sich nach dem Näheren erkundigte, hörte er von mehreren Fällen, welche die Klage des Unzufriednen zu bestätigen schienen. Besonders sollte dieses zweideutige System in einer Sphäre befolgt worden sein, mit deren Vorstande er zufällig näher bekannt geworden war, weil er zu den fleissigsten Besuchern des Medonschen Hauses gehörte.
Er nahm sich vor, von Medon, den er oft in tiefen vertraulichen Gesprächen mit jenem Staatsmanne bemerkt hatte, über die Angelegenheit Erkundigung einzuziehn. Als er dies tat, mass ihn Medon mit den Augen, und gab keine bestimmte Antwort, welche er überhaupt im Augenblicke irgendeiner bedeutenderen Frage immer zu vermeiden pflegte. Allein nach einigen Tagen liess er sich auf einem Spaziergange so gegen Hermann aus: "Wir leben in der unumschränktesten Monarchie, welche vielleicht jetzt auf der Erde besteht, und selbst unsre östlichen Nachbarn können in dieser Hinsicht neben uns nicht genannt werden. Ich heisse unsern Staat so, weil das Volk in ihm von jeher nicht viel bedeutet hat, wir vielmehr von den Erinnrungen an einige grosse Regenten zehren, die das wundersame Geschick grade auf dieser dürftigen Erdscholle geboren wissen wollte. An diesen Erinnrungen hängt unser Dasein, aus ihnen ist Sturz und Wiederherstellung des Reichs hervorgegangen. Der Träger der obersten Macht ist alles bei uns, seiner Entscheidung und Beschlussnahme würde mit Erfolg weder ein Gemeingefühl der Beherrschten, noch die hemmende Kraft selbständiger Institutionen, auch wenn man die Absicht hätte, sie zu schaffen, entgegentreten können. So ist es, und so muss es sein, wenn wir uns erhalten wollen. Da wir nun aber gegenwärtig den sogenannten Geist der Zeit zu schonen haben, so scheint mir eine Verfahrungsweise, wie Sie mir sie schildern, nicht so übel zu sein; dass man nämlich den jüngsten Kindern des Hauses die Formen lässt, welche sie liebgewonnen haben, in den Sachen aber autokratisch nach alten Prinzipien beschliesst."
Hermann widersprach diesen Ansichten lebhaft, welche er im Fortgange eines ziemlich eifrig werdenden Gesprächs Machiavellismus nannte. Worauf Medon versetzte, dass er den Machiavell für einen der grössten Staatsweisen halte, welche es je gegeben, und dass er der Zeit Glück wünschen wolle, wenn ihr wieder so ein Kopf beschert würde, welcher das eigentliche unter den politischen und administrativen Phraseologien versteckte Gewebe des jetzigen öffentlichen Seins aufzudecken tüchtig genug wäre. "übrigens weiss ich nicht", fuhr er mit einer abbrechenden Wendung fort, "ob man so verfährt, wie Sie sagen, und so verabscheuungswürdig finden. Den Unzufriednen ist nirgends zu trauen."
Dieses Gespräch verflatterte sonach, gleich den meisten, die er mit Medon geführt, zuletzt in Luft; das einzige, was ihm