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jedes einsichtigen Patrioten, und Medon schien sich hier in seinem eigentlichen feld zu bewegen, während er andern Gegenständen der menschlichen Betrachtung oft mehr nachgiebig und geschickt, als wahrhaft und aufmerksam folgte.

Die Meinungen, wie das Neue zum Alten zu stellen sei, waren sehr mannigfaltig, doch konnte man drei Hauptrichtungen unterscheiden.

"Wir haben erobert", so liess sich ein Mann von entschlossner Gesinnung zu öfterem vernehmen, "warum zögern wir also, nach dem unter allen Völkern und zu allen zeiten üblich gewesenen Eroberungsrechte zu verfahren? Der Sieger gibt seine Einrichtungen, seine gesetz, ja, wo Verschiedenheit der Sprache obwaltet, nicht selten auch diese dem Besiegten. Der Sinn aller Kriege und Umwälzungen ist nur der, dass die den Völkern zugeteilten Fähigkeiten und Eigenschaften nach der Reihe im weiteren Kreise herrschend werden, und den gang der Ereignisse bestimmen sollen. Auf solche Weise wird die in der einen Richtung müde gewordne Welt durch eine andre erfrischt, und das ist der Grund, warum das Reich von den Römern zu den Germanen kam, darauf die spanische herrschaft folgte, und den Franzosen demnächst auch ihre Rolle gegeben wurde. Der Sieg soll den Zwang in seinem Gefolge haben, nur dadurch kann er sich als gerecht betätigen. Wieviel mehr als andre sind wir aber in diesem Falle, da es hier nur gilt, den nunmehrigen westlichen Brüdern ein ihnen von fremder Hand vor kurzem aufgedrücktes Gepräge wieder abzunehmen, und ihnen dagegen eine stammverwandte Gestalt zu geben? Jetzt erst sind sie in die rechte Stellung zu Deutschland gekommen, sie sind Deutsche geworden, und es wäre wahrlich eine verdammliche, ihnen selbst den grössten Schaden bringende Schwäche, wenn man ihnen aus Furcht vor den Regungen einiger Egoisten die Segnungen der Nationalisierung vorentielte."

Indem er diese Ansichten weiter ausführte, vertrat er die notwendigkeit einer schnellen und kräftigen Organisation. gesetz, Finanzen, Verwaltungs- und Kulturanstalten des alten Landes sollten so rasch als möglich jenen neu herantretenden Staatsgenossen nutgeteilt werden.

Ganz im entgegengesetzten Sinne sprach sich ein andrer Staatsmann aus. "Diese Umbildung oder Organisation, wie man dergleichen Gewaltsamkeiten nennt, als wenn man in einer neuen Provinz nur eine tote Masse empfinge, welcher durch den Erwerber erst die Lebensorgane gegeben werden müssten, scheint mir gänzlich ausser der Zeit zu sein. Im grund rührt jenes System von den Römern her, welche freilich alle überwundne Völker mit der Geissel ihres Rechts und ihrer Verwaltung zu züchtigen pflegten. Jeder spätere Versuch der Art ist nur eine Nachahmung der Maxime des einst weltbeherrschenden staates gewesen. Am reinsten wurde derselbe von den Spaniern in den Eroberungen der Neuen Welt durchgeführt, wie denn überhaupt die spanische herrschaft die meiste Ähnlichkeit mit der römischen Tyrannie hatte.

Aber um sich zu einer so harten Zwangslehrmeisterstelle berufen zu fühlen, muss man sich für das erste Volk der Erde halten können. Römer und Spanier taten dieses, erstere vom politischen, letztere vom religiösen Stolze getragen. Ohne solchen Wahn, ohne diesen festen und unerschrocknen Fanatismus wird man in jener Bahn immer nur die Rolle des an sich selber zweifelnden Despoten spielen, die schlechteste, welche es gibt.

Nun wird doch wohl niemand im Ernste sagen, dass unser achtbarer, aber etwas schmächtiger Mittelstaat jene unermessliche Befangenheit teile. Wir freun uns des eingetretnen Umschwungs der Dinge, wir wissen, dass wir redlich und nach Kräften an dem Rade der Zeit haben schieben helfen, aber alle Vernünftigen sind von dem Rausche jener begeisterten Jahre ernüchtert, in denen wir freilich glaubten, dass Körners Lieder und die Freiwilligen den Usurpator verjagt hätten. Eine kühlere, aber richtigere Betrachtungsweise ist an die Stelle jener Überspannung getreten. Friedrichs Ehre glänzt bei den Sternen, dort leuchte sie uns fort und fort als heiliges Erinnrungszeichen, aber gefährlich wäre es, sie etwa als Kokarde an unsern Hüten zu tragen; wir sind bescheidner geworden. Noch weniger glauben wir im Ernste, dass unsre Einrichtungen wirklich die besten seien, im stillen weiss ja jeder Kundige, dass wir so manches nur noch des Herkommens und der Gewohnheit halber mitmachen. Wie sollte es uns also einfallen dürfen, andern mit Gewalt aufzudringen, was uns selbst zum teil überlästig geworden ist?"

Der erste Redner stellte hierauf mit Lebendigkeit alle die Nachteile dar, welche aus einer so verschiedenartigen Gestalt der öffentlichen Lebensform entspringen müssten. "Wahrlich!" rief er aus, "wie Öl und wasser sich nicht mischen, so werden wir, wenn man jenen gelinden und zaudernden Weg verfolgt, das entfernte Besitztum mit uns niemals verbunden sehen, es wird nur unser Scheineigentum sein, welches der erste beste Sturm uns wieder zu entführen droht. Und warum die grossen Besorgnisse? möchte ich doch fragen. Sind wir nicht eines Stammes, muss daher nicht bei ihnen selbst eine Art von Verlangen nach unsern germanischen Einrichtungen bestehn?"

"Das möchte ich doch leugnen", nahm ein Dritter das Wort. "Wie man über Westdeutschland denken möge, so viel ist gewiss, dass man einen merklichen Unterschied wahrnimmt, sobald man sich dem Stromgebiete der Weser nähert. Bei uns ist alles häuslich, bürgerlich, familienhaft. Arbeit und Erwerb um der Frau und Kinder willen zu unternehmen, nach des Tages Last und Hitze im Kreise der Seinigen auszuruhn, dem Sohne zu einer Stelle, der Tochter zu einer Heirat zu verhelfen, darauf bezieht sich alles Streben der Stände, welche hier, wie überall vorzugsweise das Volk ausmachen. Blickt der Bürger aus seinen vier Pfählen in das Gemeinwesen, so sieht er dasselbe eigentlich nur in der aufsteigenden Beamtenhierarchie, die jedes selbsttätige Eingreifen seinerseits