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auf Raphaels Jugend; allem Späteren hatte der Besitzer Neigung und Geldbeutel versagt. Hier taten einem unter allem dem Gold, Lack, und bunten Farbengetümmel im eigentlichen Sinne des Worts die Augen weh.

Niemand konnte einem so zusammenstimmenden Ganzen seine achtung versagen, ohne dass gleichwohl der Gedanke entstand, diese Anhäufung von Inkunabeln werde einer in umfassenderem Sinne zu behandelnden Sammlung von erheblichem Nutzen sein.

Madame Meier geriet bei dem Anblicke der glänzenden Tafeln fast ausser sich und der junge Dichter teilte ihr Entzücken. In seinen Produkten erschienen seitdem noch mehr Bronnen und Wonnen, Lichtstrahlen und Waldesnächte, Engelsköpfe und Tauben des Heiligen Geistes. Sie aber vernachlässigte über diesen Genuss fast eine Zeitlang ihre Freunde und den musikalischen Gottesdienst in der künstlichen Kapelle.

Es war wunderbar anzuhören, auf welche Weise der Handelsmann in die entusiastischen Reden dieser beiden Begeisterten einstimmte. Er hatte, von klugen, mit dem geist der Zeit vertrauten Männern unterstützt, das ganze Sammelgeschäft aus Spekulation getrieben, und wusste, bei seinen Sachen stehend, anfangs durchaus nicht, wie er sich bei jenen Hymnen zu verhalten habe. Endlich merkte er deren äusseren Schall sich zu eignem Gebrauche ab, und gab, wenn darin eine Pause entstand, den hohen Ankaufspreis der Bilder, in dem nämlichen schwärmerisch-verzückten Tone fortfahrend, an.

Auf einmal, ohne dass man sich dessen versehen, wurde bekannt, dass die Sammlung für die Nationalgalerie angekauft sei. Das Erstaunen über diesen Entschluss war sehr gross. Die unterrichtendsten Prachtstücke jenes Besitztums hätte jeder gern in den neuen Hallen gesehen, das Ganze aber schien ausser allem Verhältnisse zu dem Zwecke der Anstalt zu sein. Die Köpfe mühten sich ab, den Grund jener befremdenden Entscheidung aufzufinden, und in Ermanglung der Wahrheit behalf man sich mit ziemlich unglaublich klingenden Gerüchten. So hörte Hermann erzählen, Medon habe einen starken Einfluss auf die Sache ausgeübt. Auf geschickte Weise sei von ihm Madame Meiers Entusiasmus in das Spiel gezogen, und sie selbst bestimmt worden, einem angesehnen, ihr leidenschaftlich zugetanen mann, der in dieser Angelegenheit das Votum besass, sich gefälliger und geneigter zu erweisen, als früherhin. Der Staatsmann, ganz beglückt über die ihm aufgehende Liebessonne, habe in einer schwachen zärtlichen Stunde dem Andringen seiner Freundin auf Erwerbung der alten Kunstschätze nicht widerstehen können, und so sei durch das Herz hier ein Ankauf vermittelt worden, gegen welchen der Verstand des Staatsmanns sich eigentlich gesträubt habe.

Hermann mass diesen und ähnlichen Einflüsterungen keinen Glauben bei. Zwar hatte er wirklich in der letzten Zeit lange vertrauliche gespräche zwischen Medon und Madame Meier bemerkt, und eine Annäherung ihrerseits an den sonst ziemlich kühl von ihr behandelten Staatsmann wahrgenommen, aber jenes intrigierende Benehmen widerstritt zu grell seiner Meinung von Medon, welche von Tage zu Tage günstiger ward. Auch hatte sich Medon einmal sehr kräftig gegen die Spielerei mit längst verschollnen Empfindungs- und Auffassungsweisen ausgesprochen, und die Liebhaberei der Madame Meier geradezu eine Buhlschaft mit geputzten Leichen genannt. Wie sollte er also darauf gekommen sein, jetzt wider seine eigne Überzeugung zu wirken?

Etwas Gutes hatte der Ankauf der alten Bilder; der Zank der Gelehrten war sofort geschlichtet. Die Sammlung, als Ganzes erworben, sollte als ein solches zusammenbleiben. Verfuhr man nun aber, wie man musste, nach dieser Bestimmung, so nahm sie den bedeutendsten teil des zugemessnen Raumes hinweg, und das andre war, ohne dass mehr sonderlich auf die kritisch-archäologischen Streitigkeiten Rücksicht genommen werden konnte, unterzubringen, wie es sich eben schicken und fügen wollte.

Hermann, der von allem dem, was sich um ihn, und in ihm bewegte, schon nichts mehr gern unbesprochen mit Johannen liess, hatte auch sie einstmals um ihre Meinung von diesen Dingen befragt. Sie versetzte: "Wenn ich das Museum zu ordnen hätte, würde ich bald fertig werden. Ich hinge die liebsten Bilder, die mir Tränen der Rührung oder des Lachens in die Augen treiben, in das hellste Licht, und es würde mir nicht darauf ankommen, ob eine Himmelskönigin sich neben einer Schenke voll Bauern befände."

"Aber die geschichte! die Kunstgeschichte!" rief Hermann.

Johanna lächelte und sagte: "Es muss wohl etwas daran sein, weil ich so viele kluge Männer davon reden höre. Nur sehe ich sie auf ihrem Wege mitunter dahin geraten, dass sie über die Wiege und den Taufschein das Kind vergessen. Wenn ich meine gute Meier betrachte, und wahrnehme, wie sie ihr schönes Vermögen in lauter Dingen vergeudet, von denen das wenigste einem gesunden Sinne eigentlich Vergnügen machen kann, so möchte ich glauben, dass mindestens für uns Frauen die Kunst nur die geschichte hat, welche sie in der Gegenwart erlebt, wenn auf ihre Wunder der blick einer reinen Seele fällt. Indessen lassen Sie uns von diesem gegenstand abbrechen. Das Schöne will nicht beredet, es soll gefühlt werden. Ich kenne nur ein Gespräch, welches noch unnützer ist, als das über Bilder, und das ist das über Musik."

Fünftes Kapitel

Medons Kreis verarbeitete währenddessen ein Tema von grosser politischer Wichtigkeit; das Verhältnis der neu erworbnen Provinzen zu dem Haupt- und Stammlande. Man hatte nicht ungeschickt den Staat mit zwei auf dem festen land ausgesäten Inseln verglichen, und dieses Gleichnis war insofern von moralischer Bedeutung, als dessen beide durch weite Strecken auseinandergehaltne Teile nach ersiegter Ruhe sich gegenseitig schroff insularisch abzuschliessen drohten. Diesen Krieg im Frieden zu schlichten, und eine Verschmelzung des Gemeinwesens herbeizuführen, war nicht bloss das Geschäft der mit Lösung der Aufgabe unmittelbar beauftragten Staatsmänner, sondern die sorge