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und doch wäre es mir nicht möglich, mich mit diesen oder andern dergleichen Dingen zu beschäftigen. Ach, die natur ist oft recht grausam! Man spricht von Mannweibern, man spottet ihrer, man glaubt von jeder Frau, welche sich nicht mit Kleidern, Zierat, oder, wie es jetzt Mode wird, mit Kunstsachen zu behaben weiss, oder keine Kinder, als eine andre Art von Spielwerk, um sich herstellen kann, sie gehe aus hochmütigem Gelüste über die Grenzen des Geschlechts hinaus, und doch ist es oft nur unser Eigenstes, des Weibes Kleinod und Perle, die tiefe sehnsucht, das heiligste und hülfloseste Liebesbedürfnis, welches zu solcher Einsamkeit verdammt!"

"Sind Sie so unglücklich?" fragte Hermann, und fasste teilnehmend ihre Hand.

"Sehr!" versetzte sie. – Er wagte die schüchterne Bitte um volles Zutraun.

"Auch dazu wird die Stunde kommen", antwortete sie, indem sie sich erhob. "Mein Schicksal ist wohl entschieden, aber der Himmel zeigt sich wenigstens darin der Geknickten gnädig, dass er ihr eine Stütze sendet, an welcher sie dem Kloster oder sonst einer verborgnen Freistätte entgegenwanken kann."

Viertes Kapitel

Die Errichtung und Ausstattung des grossen, den Kunstsammlungen des staates gewidmeten Baues beschäftigte damals in hohem Grade die Gemüter. Schon überdeckte die Wände das Dach, Maler und Vergolder waren im Inneren tätig, man musste nun daran denken, wie der aufgespeicherte Vorrat einzuordnen sei. Von allen Orten und Seiten her hatten diese Schätze sich zusammengefunden; es war die Absicht der Herrschenden, dass die durch glorreiche Kriegstaten wiedererrungne Macht sich im mannigfaltigsten Besitze abspiegeln sollte.

Nur über das Wie? herrschte einige Verlegenheit. Nach der Weise früherer zeiten auf das Geratewohl die vorhandnen Bilder aufhängen zu lassen, und nur dafür zu sorgen, dass jedes wertvolle Werk ein ziemliches Licht erhalte, war der klarheit des Bewusstseins, womit in dieser grossen Stadt alles betrieben wurde, durchaus zuwider. Es sollte, wie man sich hier auszudrucken pflegte, eine idee im neuen Nationalmuseum herrschen, die geschichte der Kunst sollte aus der Sammlung hervorleuchten, und zwar nicht eine Kunstgeschichte, wie sie herkömmlich falsch bisher überliefert worden, sondern die gereinigte, welche die neusten archäologischen Forschungen geschaffen haben.

Hier zeigte sich nun aber, dass die Bestrebungen scharfsinniger Geister denn doch nur erst bis zum Zweifel geführt hatten. Die Zeitfolge, das Verhältnis der schulen war angefochten worden. Ungewiss erschienen die Zeichen der Meister. Warnend hatten die Kenner auf die ausgebildete Technik so mancher geschickten Kopisten aufmerksam gemacht. Kurz diejenigen, welchen die sorge des Geschäfts anvertraut worden war, trieben in einem Meere von Bedenken und Einwürfen um. Man wollte sicher zu Werke gehen, und sein Gewissen vor der Schande bewahren, einen Cinquecentisten übersehen oder irrtümlich angenommen zu haben, und über diesem kritischen Bestreben gelangten die Werkleute nicht zum Einschlagen der Nägel. Das Schlimmste war, dass, da Laien und Frauen eifrig mit einzureden begannen, und eine siegreich durchgeführte Meinung die Aussicht auf eine wohlausgestattete Pfründe bei der neuen Anstalt gab, die Leidenschaften sich mit in das Spiel mischten. Bald stritten die Kenner persönlich und feindselig gegeneinander, und man beobachtete in dieser Angelegenheit nicht immer die Urbanität, wozu die schönen Künste führen sollen.

Eine andre Schwierigkeit entsprang aus der Beschaffenheit der vorhandnen Sachen. Man hatte vieles, aber unter diesem Vielen, was zum grösseren Teile ganz gut war, gab es keine eigentlichen Haupt- und Glanzbilder; es fehlten die Fürsten der Säle, um welche sich das übrige gruppieren liess, solche Werke, welche einer Sammlung erst die rechte Haltung geben.

Nimmt man nun dazu, dass eine bedeutende Partei, welche die Kunst vom ideellen Gesichtspunkte betrachtete, gegen die Aufnahme des Genres und der Landschaft sich erklärte, während andre, realistisch gesinnt, sich ebenso entschieden dafür aussprachen, so wird man einen Begriff von dem Chaos haben, in welches die beste und hochherzigste Gesinnung der Waltenden eine Menge verständiger Männer und Frauen gestürzt hatte.

Was Madame Meier betraf, so versetzte sie dieser Streit, so oft er bei ihr anzuklingen begann, in die übelste Lage. Sie hatte sich über die früheste Periode der Kunst so ziemlich unterrichtet, und da ihr hier und in Beziehung auf ihre Sammlungen keine unhöfliche Gegenrede der künstlerischen Freunde beschwerlich fiel, so wusste sie, wenn die Betrachtung sich in jenen Regionen verhielt, ein auslangendes Gespräch zu führen. Aber sobald man die erwähnten Streitpunkte aufregte, fühlte sie sich ganz verlassen, und indem sie als Sachverständige doch mitzureden die Pflicht empfand, gleichwohl eigentlich nichts beizubringen imstande war, kam nichts ihrer Verlegenheit gleich. Diese wurde ihr um so häufiger bereitet, als grade die gelehrtesten und hartnäckigsten Kämpfe sich nicht selten auf den Teppichen ihrer Zimmer entspannen.

Welchen Stoff dieser Bilderstreit den lustigen Köpfen der Stadt, die allem ihre Einfälle anzuheften pflegen, gegeben, lässt sich denken. Ein Spottvogel äusserte, die Gemälde würden nicht eher hangen, als bis die Gelehrten hingen; und ein andrer versetzte auf die Frage, wann die grosse Galerie zustande kommen werde: "Nach dem Dreissigjährigen Kriege."

Plötzlich erschien inmitten dieser Bewegungen ein fremder Handelsmann, welcher durch Gunst des Geschicks in Italien, Flandern und Deutschland die seltensten Stücke zusammengebracht hatte. Er kramte seine Sachen aus, und stellte sie in dem hellen saal eines grossen Gastofs den Schaulustigen zur Betrachtung auf. Nicht leicht hatte man einen bestimmten Abschnitt der Kunstgeschichte in so stetiger Folge überschaut, als hier. Die Sammlung umfasste den Zeitraum vom dunkelsten Altertume vor Cimabue bis