verstand aber, wie alle seine Brüder, am Schweife durchaus keinen Scherz, fuhr herum und versetzte dem Wirt einen solchen Biss in die Hand, dass der Mann sie unter Geheul blutig in die Luft schlenkerte. So ward jener an einem Tage für beides bestraft, für Laster und Tugend.
Inzwischen trat die Kammerjungfer zum Schirme und schalt in den bittersten Ausdrücken nach Hermann hinüber. Dieser aber hörte von allem, was sie sagte, nichts, denn er hatte das Schlachtfeld verlassen, entschlossen, die Stätte so vieler Streitigkeiten mit keinem fuss wieder zu betreten. Unten begegnete er dem Newfoundländer, der auch gleichgültig fortgerannt war, sobald er den Wirt in die Hand gebissen hatte.
Achtes Kapitel
Der Abend war schön, Hermann beschloss denselben im Freien zuzubringen. Draussen vor dem Tore zwischen grünen Hecken, unter mächtigen Kastanienbäumen sah er ein blaues Schieferdach. Spitzbogen, Kreuze und hohe schmale Fenster überzeugten ihn, dass das kleine einsame Gebäude eine Kapelle sei; er erinnerte sich, von einem weit und breit berühmten Marienbilde gehört zu haben, welches hier den Gläubigen seine Wunder spendete.
Die Neugier führte ihn in das Heiligtum; leise trat er durch die nie verschlossne Pforte. Der den katolischen Kirchen und Betörtern eigentümliche Geruch, welcher vom zersetzten Weihrauchs- und Lichterdampfe herrührt, schlug ihm entgegen. Sammet, Borten, Blumen von gesponnenem Gold und Silber, Schmelzwerk, und was sonst die Andacht zur Zier verwendet, prangten um den geschmückten Altar. Zwischen diesen glänzenden Dingen nahm sich freilich das von Dunst und Alter gebräunte Bild der Mutter Gottes nicht sonderlich aus.
Indessen bewegte ihn ein eigner Anblick. Dieses Bild erzeigte sich besonders Gichtkranken hülfreich. Da hatten nun die Reicheren, welche die Befreiung von ihren Leiden hier erbetet, silberne Votivglieder geschenkt; kleine blinkende arme und Füsse hingen in grosser Anzahl um die himmlische Helferin. Die Armen, welche Silber zu schenken unvermögend waren, stellten ihre Krücken als Denkzeichen hin. Zu Hunderten standen die unnötig gewordnen Notbehelfe rechts und links vom Altar.
"Sie ist zur Fabel geworden, diese Religion der Wunder", sagte Hermann für sich, "aber sie ist eine rührende Fabel."
Er sah zwei Betende in der Kapelle und erkannte den Herzog und die Herzogin, die hier ihre Abendandacht verrichteten. Sonst war niemand darin. Als sie sich erhoben, trat Hermann mit einer unwillkürlichen Bewegung hinter ein Seitentabernakel zurück. Die Herrschaften setzten sich auf die Bänkchen ihrer Betpulte.
"Man weiset uns an, Gott einzig um geistige Dinge zu bitten", sagte die Herzogin. "Heute muss ich gestehn von dieser Vorschrift abgewichen zu sein. Ich habe dem Herrn nur allein die Bitte vorgetragen, uns die Spur der unglücklichen Johanna zu zeigen."
"Ich denke", versetzte der Gemahl, "dass die Ehre unsres Hauses und das Schicksal eines verirrten Wesens wohl auch Dinge sind, von denen man zu dem höchsten Ordner der menschlichen Angelegenheiten reden darf."
"Glaubst du, dass wir morgen auf dem Falkenstein etwas von ihr hören werden?" fragte die Herzogin.
"Wenn ich aufrichtig sprechen soll, nein", erwiderte der Gemahl. "Der Entführer ist schlau genug, und der alte Amtmann, dem ich längst nicht mehr traue, war vermutlich mit ihm im Einverständnis. Er wird sich anstellen, als sei er selbst getäuscht worden. Lieb wäre es mir, wenn du den graden Weg nach haus einschlügst, und mich mit Wilhelmi diese verdriessliche Seitentour allein abmachen liessest."
"Nimmermehr!" rief die Herzogin. "Es müsste denn sein, dass meine Gegenwart euch in etwas Dienlichem hinderte. Ich bin doch auch schuld daran, dass die Unselige sich so weit vom rechten Pfade verlieren konnte, ich hätte sie vielleicht sanfter behandeln, ihr Herz mehr aufschliessen sollen. Deswegen halte ich es für meine Pflicht, alle Mühsale und Verlegenheiten, die sie uns verursacht, mit tragen zu helfen."
"Wer hat hier Schuld?" sagte der Herzog. "Der, welcher eigentlich für die Fehltritte einer zügellosen natur verantwortlich ist, liegt im grab. Die Sünden der Väter werden heimgesucht an den unsträflichen Kindern; ich mache mich auf schmerzliche Dinge gefasst."
Hermann hörte noch manches, was sich auf das Hausgeschick bezog, dessen diese Reden gedachten. Er fühlte sich in seiner gezwungnen Horcherrolle sehr gepeinigt. Wenn man ihn beim Hinausgehn sah, in welchem Lichte musste er erscheinen? Und doch war es jetzt unmöglich geworden, unbemerkt aus der Kapelle zu schlüpfen.
Die Herzogin stand plötzlich auf, ergriff ihren Gemahl bei der Hand und sagte mit einiger Leidenschaftlichkeit: "Du musst mir etwas versprechen. Ich weiss, dass du talentvolle junge Männer gern an dich heranziehst. Tue mir den Gefallen, und halte uns unsre heutige Bekanntschaft fern."
Ihr Gemahl sah sie verwundert an. "Wie kommst du darauf?" fragte er.
"Es ist eine Grille", erwiderte sie, "und ich mag ihr keine Wichtigkeit beilegen. Aber tue mir den Gefallen, und lade diesen jungen Mann nicht über unsre Schwelle."
"Man sollte sich bei seinen Handlungen eigentlich durch Grillen nicht leiten lassen!" rief der Herzog. "Er ist der Sohn eines Manns, dem mein Vater die grössten Verpflichtungen hatte; Verpflichtungen, die nach hingeworfnen Äusserungen zu schliessen, ganz eigner, sonderbarer Art gewesen sein müssen. Er rennt ohne Zweck und Ziel durch die Welt. Ich hatte daran gedacht, ihn nützlich zu beschäftigen. Indessen gehen mir deine Wünsche