Kurz vor ihm war ein geistreicher Kopf Mode gewesen, welcher sich in witzigen Schlagreden auszeichnete, die seine Anhänger umhertrugen und gross nannten. An Medon fand man es dagegen gross, dass von ihm kein einziges Bonmot zu berichten sei, vielmehr das Anziehende der Erscheinung in ihrer ruhigen schlichten Kraft bestehe. Doch muss, um die diplomatische Treue dieser Denkwürdigkeiten nicht zu verletzen, bemerkt werden, dass mehr von Grossartigkeit als von Grösse die Rede war, denn dieses Zwitterwort besass damals schon den Ruf, in welchem es sich noch jetzt erhält.
Einem solchen mann gegenüber, in diesem Ansehn gegründet, sollte also Hermann den Auftrag der Herzogin vollziehn. Ein tiefes, sonderbares Gefühl sagte ihm, dass sie recht habe, hörte er auf seinen Verstand, traute er so vielen klugen Leuten nur einiges Urteil zu, so musste er seine Botschaft für unnütz und lächerlich erachten.
Er konnte seinen Besuch nicht länger verschieben, und wählte dazu einen Abend, an welchem, wie er erfahren, bei Medon regelmässig grosse Gesellschaft war. Unter vielen glaubte er am besten über die Verlegenheit der ersten Begegnung hinauszukommen. Wirklich waren die geräumigen, anständig verzierten Zimmer von den ausgezeichnetsten Personen mehr als gefüllt. Diplomaten, höhere Offiziere, Geschichtschreiber, Philologen, Länder- und Völkerkundige, Philosophen, Schriftsteller, Reisende und Maler standen in eifrig redenden Gruppen zusammen. Hermann wurde am Sofa der Frau vom haus vorgestellt, trat aber, sobald es schicklich war, von ihr zurück und mischte sich unter die Redenden.
Wie wohl fühlte er sich denn doch nach überwundner Beklemmung in diesem Kreise! Politik, geschichte, Sprache, die ganze Breite der Welt ging im gespräche an ihm vorüber. Eine Masse von Ideen wurde angeregt, mit Einsicht besprochen und doch nicht erschöpft, sondern unendlicher Betrachtung aufbewahrt. Ein Strom des geistigen Lebens umwogte ihn, er fühlte sich engen kleinlichen Verhältnissen entrückt und wie nach einem stärkenden Bade auf heitrer Höhe. Der Philosoph verstand den Empiriker, dieser bekannte der Spekulation gegenüber die Grenzen seiner Kunde, die Praktiker liessen die Gelehrten gelten, und so umschlang ein Band gegenseitiger achtung diesen Tauschmarkt, zu welchem die köstlichsten Güter: Kenntnisse und Wahrheiten, gebracht wurden.
Eine ganz eigne Stellung nahm Medon zu seinen Freunden ein. Er entielt sich des lebhaften Gesprächs und hörte viel zu. Waren aber die Meinungen zu ihrer letzten Divergenz gediehen, so wusste er auf die glänzendste Weise zu resumieren, wo dann jeder die seinige in so schöner Gestalt wieder erblickte, dass dem eifrigsten Streite ein allgemeines Wohlbehagen folgte, die Sache selbst freilich unerledigt blieb.
Empfand nun Hermann schon am ersten Abende über diesen ihm neu gewordnen Verkehr die grösste Freude, so lässt sich wohl denken, dass sein Fuss bald öfter das Haus betrat. Binnen kurzem genoss er den näheren Umgang der beiden Gatten, und erblickte ein Verhältnis, welches im Gegensatze zu der modernen Barbarei, klassisch genannt werden konnte. Hier hatte man die Ehe und das Haus nicht zum Polster nachlässiger Sitten gemacht; die engsten Bande dienten nur dazu, Glanz und Strenge der feinsten Formen als etwas Natürliches herauszustellen. Selbst ein Anflug schmerzlicher Kälte, der ihm hin und wieder entgegenwehte, erhöhte den Ausdruck der Antike, welcher dieser Gruppe angehörte.
Johanna trat wenig hervor, aber sie war eine der Frauen, hinter deren gemessnem Wesen man ein unendliches Lieben und Leiden vermutet. Von dem Briefe der Herzogin war nicht die Rede.
Er schrieb an diese einige gefühlte Zeilen, worin er zwar die Ausrichtung seiner Kommission meldete, jedoch hinzusetzte, dass er die Umstände zu verschieden von seiner Erwartung gefunden habe, um ein ferneres persönliches Einwirken versprechen zu können.
Drittes Kapitel
In Medons haus hatte er eine Dame kennengelernt, deren lebhafte Gesprächigkeit ihn anzog. Er folgte einer Einladung und war bald ihrem Kreise als willkommner Besucher einverleibt.
Madame Meier war eine entusiastische Verehrerin des Schönen, besonders der bildenden Künste, in deren Wesen ihre Freunde ihr tiefe Einsichten zutrauten. Es machte auf Hermanns Augen einen sonderbaren Eindruck, als er zum ersten Male bei ihr vorgelassen wurde. Man führte ihn durch eine Reihe von Zimmern, worin Dämmrung und blendender Lichtglanz abwechselten. Denn, hatte er eins durchschritten, von welchem gemalte Fensterscheiben den Tag abhielten, so trat er in ein andres, in welchem goldgrundierte, heftig-bunte Gemälde die Wände bedeckten, und die Sehnerven sich fast verwundet fühlten.
In diesem haus war der eigentliche Sammelplatz der Künstler und Kunstfreunde, welche bei Medon mehr nur wie Zugvögel einsprachen, weil man ihm anmerken konnte, dass, so gefällig er auch auf artistische gespräche einzugehn, und so verständig er sie zu führen wusste, sein Sinn und seine Neigung doch mehr andern Gebieten zugewendet waren. Zwei Abende in der Woche waren zu regelmässigen Zusammenkünften bestimmt, in denen man sich über Gegenstände des Fachs unterhielt, Stein- und Handzeichnungen besah. blieb nach diesen Beschäftigungen noch Zeit übrig, so pflegte man im Konzertzimmer Musik zu machen, zu welcher meistenteils altkatolische Hymnen auserwählt wurden. Madame Meier hatte dieses Gemach wie eine kirchliche Kapelle aufschmücken lassen, und sich eine wohlklingende Haus- und Handorgel zu verschaffen gewusst. Das Bild der heiligen Cäcilia, augenscheinlich der ältesten Kunstepoche angehörend, wenn hier nicht etwa eine geschickte moderne Nachahmung sich ins Mittel geschlagen hatte, sah von einem Pfeiler hernieder.
Da nun die Besitzerin, um die Illusion auf das Äusserste zu treiben, in diesen künstlichen Raum Altärchen und Messbüchlein, ja sogar ein ewiges Lämpchen hatte stiften lassen, so befand man sich wirklich in der angenehmsten Täuschung, welche