1838_Immermann_044_127.txt

Ungeheuer beschrieben worden ist, in ganz menschlicher Art und Gestaltung finden. Und nun entledigen Sie sich vor allen Dingen Ihrer Kommission und vertrauen Sie mir getrost den Brief an meine Frau, welchen ich nicht unterschlagen werde."

Hermann suchte den Brief aus dem Portefeuille, welches ihm wiedergegeben worden war, hervor, und sagte zu Medon: "Wie erfuhren Sie das, was meines Wissens niemand ausser der Herzogin und mir bekannt war?"

"Die Herzogin", versetzte Medon lächelnd, "welche nach Art der Frauen ihrer natur entweder etwas halb tut, oder zuviel des Guten gibt, hatte den ersten Grundsatz der Diplomatie vergessen, durch Überraschung zu wirken, wenn man nicht mit ganz zureichenden Mitteln versehen ist. Sie vertraute ihren Plan einer hiesigen Bekannten und ersuchte sie, Johannen auf Ihren Empfang stimmend vorzubereiten. Die Gute, welche durch diesen Auftrag in einige Verlegenheit geriet, weil wir leider hier in ganz erträglichem Ruf und Ansehen stehen, suchte an dem verschwiegnen Busen einer Freundin Rat, welche ihrerseits, und so weiter; Sie kennen diesen Hergang der Dinge. So kam es, dass wir Ihre Ankunft durch ein Stadtgespräch vorauswussten; etwas verdriesslich für uns; indessen lässt sich zu dergleichen nichts tun, man muss die abweichenden Ansichten der Menschen, besonders wo sich Stand und Befangenheit mit einmischen, schon in Geduld ertragen."

Er empfing den Brief der Herzogin, lobte die Handschrift der Adresse, und steckte ihn gleichgültig ein. "Ich würde Sie bitten, bei uns zu wohnen", sagte er zu Hermann, "wenn wir nicht so beschränkt uns halten müssten, wie es überhaupt hier Ortssitte ist. Doch habe ich Ihnen ein Quartier nicht gar zu weit von uns gemietet, wo Sie aus Ihrem Fenster alle die neu aufsteigenden Bauten überschaun."

Er führte ihn nach einem grossen haus unter der Lindenallee der Stadt, in ein geräumiges heitres Zimmer. Wirklich überblickte Hermann von dort die grossen, teils fertigen, teils der Vollendung entgegensteigenden Architekturmassen, zu welchen der Friede nun wieder die Kräfte und den Mut gegeben hatte. Medon verliess ihn, nachdem er ihn zu baldigstem Besuche eingeladen hatte.

In ein neues wundersames Verhältnis zu freundlichen Feinden geklemmt, konnte Hermann den Schlummer nicht finden, durch den er sich auf die erzwungnen Nachtfahrten zu erholen gedachte. Er sprang von seinem Lager auf, und suchte in der Zerstreuung sich zu beschwichtigen. Er durchstrich die wohlbekannten Strassen und Plätze, erneuerte einige Bekanntschaften, und wünschte, dass der Tag vorbei sein möchte. An enghäusliche Zustände seit einiger Zeit gewöhnt, fühlte er sich ungeachtet der günstigen Wendung seines Schicksals in der weiten, breiten Stadt, unter den rasch und gleichgültig aneinander vorbeirennenden Menschenhaufen ziemlich unlustig.

Dass er nunmehr am Sitze der Intelligenz sich befinde, ward ihm bald fühlbar. Denn er war noch nicht zwei Stunden in der Hauptstadt, als er bereits von mehreren Leuten aus der niedrigsten Volksklasse, mit denen er sich in nachfragende gespräche eingelassen, ein unzweideutiges Verhöhnen seiner provinziellen Einfalt hatte erfahren müssen.

Zweites Kapitel

Einige Tage vergingen, bevor Hermann sich entschliessen konnte, Medons Haus zu besuchen. Wie peinlich war seine Stellung Johannen gegenüber geworden! Das Gefühl der Unhöflichkeit, welche in seinem Meiden lag, schien ihm erträglicher als der Gedanke an das Zusammentreffen mit einer Frau, welcher er, er mochte es deuten, wie er wollte, das Verletzendste überbracht hatte. Medon war einige Male gekommen, ohne ihn zu treffen, nachher hatte er diese Bemühungen eingestellt.

Die alten Bekannten zeigten sich unverändert gegen ihn. Man wusste schon von seinem Abenteuer, die Männer lachten darüber, die Frauen, welche hier sämtlich sehr loyal waren, staunten seinen Heldenmut an, und beide Geschlechter vereinigten sich in dem Behagen, welches die Gesellschaft immer empfindet, wenn man ihr zu reden gibt. Er konnte in weniger Zeit einen grossen Kreis durchlaufen, weil jedermann äusserst beschäftigt war, seine Stunden genau eingeteilt hatte, und man ihn nach fünf oder zehn Minuten überall gern entliess, um zu einer neuen Tagesobliegenheit übergehn zu dürfen.

Freilich empfand er bald in diesem unruhigen Drängen, Treiben und Quirlen einen moralischen Schwindel. Um sich einigermassen zu fassen, forschte er nach einem gemeinsamen Mittelpunkte aller dieser kurzen geistigen Wogenschläge, und fand denselben freilich da, wo er ihn am wenigsten wünschen konnte.

Die Bewohner einer grossen Stadt, von den auf sie einstürmenden Lebensreizen überdrängt, sind unfähig, wie die Pfahlbürger kleinerer Orte ihren stillen eigensinnigen gang zu gehen. Ein Heerführer tut ihnen not, um ihr gefährdetes Inneres an ihn zu klammern. Es wird daher immer von Zeit zu Zeit irgend jemand Mode, welcher nun fast als ein weltlicher Messias dem der Erlösung aus Unsicherheit und Langeweile bedürftigen Geschlechte dasteht. Nicht selten entscheidet das Verdienst über die Wahl, mitunter freilich auch der Zufall, und im ganzen ist an diesem Vasallendienst auszusetzen, dass die Dauer dem Feuer, womit er begonnen wird, nicht gleichzukommen pflegt.

Eben war Medon Mode geworden. In seinem haus versammelten sich die bedeutendsten Gelehrten, Staatsmänner, Künstler und Dichter der Hauptstadt. Wohin Hermann hörte, überall vernahm er ein fast andächtig zu nennendes Lob. Die Männer wollten in ihm einen Charakter des Altertums finden. Es sei schön, sagten mehrere, dass einmal wieder jemand sich zeige, der ohne Gehalt, ohne Dienstpatent und Ordensband an den Geschäften des staates teilnehme, denn man hielt es für ausgemacht, dass sein Rat bei manchen weitgreifenden Einrichtungen im stillen benutzt werde. Die Frauen schwärmten dagegen mehr über seine musterhafte Häuslichkeit.