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hatte Hermann in der Seele der jungen Frau gelitten, welcher, ungeachtet ihres Fehltritts und ihrer jetzigen Dürftigkeit, immer noch die feine anständige Manier geblieben war, durch welche Hermann sich ehedem so sehr angezogen gefühlt hatte.

Er stieg, ohne Abschied von ihr zu nehmen, in den Wagen. Was hätte er ihr sagen sollen? "Dahin wäre ich denn auch gediehen", sprach er zu sich selber, "wenn ich den sogenannten vernünftigen Weg im Leben eingeschlagen hätte. Vielleicht in grösseren Zimmern wohnend, und die Ziege nicht melkend, wäre ich denn doch vielleicht im grund schon ebenso ein Philister geworden, Welt, Zeit und den Pulsschlag der geschichte nicht mehr vernehmend, die Neigung unsrer niedern natur zu schläfriger Bequemlichkeit in das lügenhafte Gewand erhabner Pflicht kleidend. Ehe! – wie rauschen die Redensarten, wenn das Wort ausgesprochen wird. Das Sakrament der Ehe! Die Heiligkeit der Ehe! Der Segen des Ehestandes! – Und was bringen denn nun diese schönen Dinge bei vielen hervor? Dass sie einen Stillstand in ihrem Leben machen, dass die edelsten Verhältnisse, die unschätzbarsten Verbindungen ihren Reiz verlieren, die zarte Berührung mit dem Leben und den Menschen aufhört, und am Ende jene dumpfe Erstarrung eintritt, welche für das Ziel des Daseins ausgegeben wird.

Man sollte daher auch über diesen Gegenstand natürlicher zu denken anfangen und sagen, dass der Staat der Sache bedürfe, um nicht selbst sich mit der sorge für die Kinder befassen zu müssen, und folglich von Rechts wegen sie beschütze. Oder wenn man von einem Sakramente der Ehe und des Hauses reden wollte, so sollte man den Leutchen zurufen: 'Macht euren Bund durch ein erhöhtes Leben in Geist und Gemüt zum Sakramente, aber glaubt nicht, dass ihr den Stand der Gnade schon durch die Liebeleien des Brautstandes, durch das Wechseln der Ringe, und durch das Anschaffen von Linnen, Betten, Töpfen und Schüsseln erworben habt'."

Sechstes Buch

Medon und Johanna

Nuptiae sunt conjunctio maris et foeminae,

consortium omnis vitae, divini et humani juris

communicatio.

Modestinus

Erstes Kapitel

Die Reise ging ohne weitere Vorfälle Tag und Nacht fort. Eines Morgens rollte der Wagen durch breite, schnurgrade Strassen zwischen prächtigen Palästen hin und die Hauptstadt war erreicht. Der Postillon hielt vor einem geräumigen Gebäude, welches man für eine stattliche Privatwohnung hätte ansehen können, wenn nicht durch die eisernen Gitter vor den Fenstern seine Bestimmung klargeworden wäre. Hermann stieg aus und wurde eine breite Treppe hinaufgeführt. Auf der Mitte derselben kam ihm ein wohlgekleideter Mann entgegen, begrüsste ihn äusserst höflich und sagte: "Haben Sie die Güte, mir zu folgen, ich hoffe, Sie auf der Stelle entlassen zu können."

Oben im Verhörsaale öffnete sich eine Seitentüre und herein trat, von einem Schliesser begleitet, der mecklenburgische Präses. "kennen Sie den Herrn?" fragte der Beamte den Mecklenburger. Dieser wälzte seine rollenden Augen nach Hermann und sagte: "Er ist der Bösewicht, der, Teutschlands Sache abtrünnig, ten wollte." – "Gut", versetzte der Beamte sehr sanft, "bringen Sie, Schliesser, den Mann wegen ungebührlicher Ausdrücke vor Gericht auf acht Tage in den einsamen Kerker bei wasser und Brot; und Sie, mein Herr, sind frei."

Nach der Entfernung des Präses erzählte der Beamte unsrem Freunde, dass ein teil der Demagogen, welche dem Polizeikommissarius entgangen waren, sich in unbegreiflicher Verblendung nach der Hauptstadt gewendet habe, wo sie denn ihre unbedachte Einfalt gegenwärtig hinter Schloss und Riegel büssten. "Unter diesen befindet sich", sagte er, "auch jener freche Mensch, welcher seines Verbrechens kein Hehl hat, vielmehr sich dessen rühmt. Er bekannte auf der Stelle die ganze geschichte des sogenannten vierten Bundestags, und wie Sie, mein Freund, mehr wohl- als kluggesinnt, es unternommen hätten, die Versammlung zum Rücktritte von ihren Verirrungen zu bewegen.

Nun waren in den obern Regionen allerhand Bedenken, ob man Sie nicht doch noch vorläufig festalten müsse", fügte der Beamte hinzu. "Diese hat ein Mann, der vielen Einfluss besitzt, zu überwinden gewusst; ihm haben Sie daher für Ihre Freiheit zu danken."

"So bestände denn also das ganze Unglück darin, dass ich die Reise, die ich auf meine Kosten hätte machen müssen, auf die des staates zurückgelegt habe!" rief Hermann heiter. "Aber wo ist mein unbekannter grossmütiger Wohltäter?"

Eine zweite Seitentüre öffnete sich, und ein grosser, würdig, ja majestätisch aussehender Mann trat ein. "Glücklich los?" fragte er Hermann mit freundlichem Tone.

"Mein Herr", erwiderte dieser, "niemals noch hatte ich das Glück, Sie zu sehen. Wer sind Sie? Womit habe ich Ihre Güte verdient?"

"Ich finde es so natürlich, andern Ungelegenheiten zu ersparen, wenn man es kann, dass ich einen solchen Dienst nicht der Rede wert halte", versetzte jener. "Zufällig wusste ich von Ihrer Reise, zufällig erfuhr ich, welche Hemmung Sie unterwegs angetroffen hätten, und zufällig liess man mein Wort zu Ihren Gunsten gelten. Sie sind mir keinen Dank schuldig, denn in einem ähnlichen Falle erwarte ich dasselbe von Ihnen. übrigens heisse ich Medon."

Wer beschreibt das Erstaunen Hermanns? Er ging mit ihm die Treppe hinunter, keines Wortes mächtig. "Warum sind Sie doch so betroffen?" fragte ihn Medon. "Freuen Sie sich lieber, dass Sie jemand, der Ihnen vermutlich wie ein