1838_Immermann_044_125.txt

Wütenden betroffen worden?" fragte der Polizeikommissarius. "Liegen da nicht die Dolche, die Schriften voll der Teilung Deutschlands und des Mordes der Könige? Liegt dort nicht dein eigenes Schiessgewehr?"

Hermann gab ihm mit der überzeugenden Kraft, welche der Wahrheit eigen zu sein pflegt, die Einsicht in den Hergang der Dinge. Der Polizeikommissarius wurde wankend, nachdenklich, erholte sich aber wieder und sagte: "Und diese Brieftasche, hast du die auch in der Absicht, zu bessern, bei dir geführt? blick hinein, was siehst du? Aufrührerische Traktätchen, 'Freie stimme frischer Jugend', den 'Bauernkatechismus', kurz den ganzen Arsenal der liberalen Propaganda. Wie willst du dieses unumstössliche Beweismittel entkräften?"

"Mensch, hast du denn aus der Lete getrunken?" rief Hermann. "Sieh doch die Brieftasche genauer an. Es ist ja die deinige, dieselbe, welche damals aus Irrtum in meiner tasche blieb, mit diesem deinem Freiheitsschwindel angefüllt, während du mit meiner und mit meinem Gelde von dannen zogst."

Da nun die Brieftasche in einer Ecke des vordersten Blattes wirklich noch den Namen des ehemaligen Philhellenen führte, so konnte der Polizeikommissarius sie nicht verleugnen. Diese Entdeckung hatte die wirkung auf ihn, dass er den Pflichtbegriff fahren liess und sich den freundschaftlichen Empfindungen ganz hingab. Es verstand sich, dass er Hermann in seiner Häuslichkeit bewirten wollte, von deren Lobe er nun überströmte. Beide schüttelten einander herzlich die Hand und genossen die Freude des unverhofften Wiedersehens.

"Was wird Fränzchen dazu sagen!" rief er. "Und mein Junge! Zwar der kann noch nichts sagen."

Er brachte ihn durch einen bedeckten gang, welcher die Gefängnisse mit seiner wohnung verband, nach dieser. Unterweges wurde er wieder still. "Bei allem dem bleibt es doch ein eigenes Unglück", sagte er niedergeschlagen, "dass ich mit der vielen Mühe, mit der Plage bei Tag und bei Nacht nichts andres ausgerichtet habe, als mir das Knie zu zerfallen, meinen besten Freund gefangenzunehmen und meine eigne Brieftasche wiederzufinden."

Siebentes Kapitel

Fränzchen schrie laut, als Hermann vor sie trat. "Gebt euch nur einen Kuss", sagte der Polizeikommissarius, "alte Liebe rostet nicht, daraus mache ich mir gar nichts, es bleibt in der Freundschaft." Noch hatte Hermann den Weg zu ihren Lippen nicht vergessen; errötend duldete sie, was sie an vergangne zeiten erinnerte. Sie war still, und schien verlegen zu sein; Hermann bemerkte, dass ihre Blicke vergleichend zwischen ihm und ihrem mann hin und her wanderten.

Ein Kindergeschrei liess sich vernehmen. "Das ist Hermann, der Sassen Herzog", sagte der Polizeikommissarius, "Mutter, bring den Jungen herein." Sie brachte das Kind, einen starken, rotbäckigen Knaben, den Hermann ungeachtet des Zustandes, in welchem er sich eben befand, abküssen musste.

Hermann verbrachte einige Tage in dieser Häuslichkeit, welche der spärlichen Umstände wegen, worin beide Gatten lebten, die beschränkteste war. Der Diensteifer seines Freundes hatte eine eigne Verwicklung herbeigeführt. Gleich nach seiner Gefangennehmung war nämlich von diesem eine Stafette mit der Meldung von dem Geschehenen gegen * abgesendet worden, welcher er zwar, als er den Zusammenhang der Dinge in Erfahrung gebracht hatte, einen zweiten reitenden Boten mit einer Berichtigung der früheren Anzeige nachschickte, jedoch ohne den gewünschten Erfolg. Er empfing nämlich einen Verweis, dass er sich herausnehme, in dieser Angelegenheit selbst urteilen zu wollen; man finde dies unangemessen und habe er den Gefangenen schleunigst abliefern zu lassen.

Diese Hiobspost kündigte er seinem Freunde mit bestürzter Miene an. Fränzchen weinte. Hermann tröstete sie beide, sprach von seinen Bekanntschaften in der Residenz, die ihm bald aus der Verlegenheit helfen würden, und sagte, dass wenn man auch in diesem Punkte dort strenge Grundsätze hege, die Unschuld doch etwas Siegreiches habe, was die Richter sofort zu seinen Gunsten stimmen werde.

Im grund war er froh, als der Wagen vorfuhr, die beiden bekannten Gendarmen zu den Seiten aufritten, und dergestalt einigen beklommen-langweiligen Tagen ein Ziel gesetzt ward. Die ersten gespräche mit seinem Freunde hatten ihn überzeugt, dass alle Berührungspunkte zwischen ihnen verlorengegangen waren. Der Polizeikommissarius bezog jetzt alles im strengsten Sinne auf den Dienst oder die Hausvaterschaft. So hatte Hermann einmal lange mit Geist und Suada von den streitenden Bestandteilen des staates gesprochen, aufmerksam, wie es ihm schien, angehört von dem Freunde. Als er aber geschlossen hatte, rief dieser aus: "Du hast ganz recht; es wird nicht eher besser bei uns, als bis wir wissen, wie weit die Polizei gehen darf und wie weit die Justiz."

Die Pflichten des Hausvaters übte er wirklich in vollem Masse. Nicht genug, dass er bei der Wartung des Kindes in den unangenehmsten Vorkommenheiten mit zur Hand ging, er grub im Garten und beschickte die Küche, wo es irgend not tat; ja Hermann hatte ihn eines Morgens im Ställchen die Ziege melken sehen, welche diesem Haushalte die tägliche Milch gab.

Oft geriet der Gast durch die Art und Weise in Verlegenheit, mit welcher der Wirt sein früheres Verhältnis zu Fränzchen zum gegenstand der Unterhaltung machte. Er war unerschöpflich in Anspielungen und Scherzreden, welche nicht immer die feinste Wendung nahmen. Umsonst versuchte Hermann abzulenken; endlich verbat er sich geradezu dergleichen. Worauf der Polizeikommissarius entgegnete: "Du bleibst, wie du warst, nicht für das Praktische, nicht für das wirkliche Leben." Am meisten