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? Alle tragen sie lange Bärte. Ich muss nur lachen, wenn die Herrn sich so viele Mühe mit dem volk geben, um ein Geständnis herauszubringen. Am leib visitiert, da würden sie bald das untrügliche Zeichen finden."

"So wäre man ja seiner Gliedmassen nicht sicher, wenn das Zeug die Oberhand bekäme", rief der zweite Gendarm mit so Entsetzen.

"Das wäre noch das wenigste", sagte der erste, "aber alle Kinder würden sie totschlagen und das Blut trinken, und kein Krämer dürfte mehr ein Lot Salz verkaufen."

Der zweite Gendarm erinnerte sich wieder an Ägypten und fragte, ob da nicht die Türken anstatt der Juden hauseten? "Lass dir sagen", antwortete der erste. "Die Reichen sind mit Mose nicht ausgezogen, sondern im land sitzen geblieben, wo hast du je gehört, dass ein Jude sein Eigentum verlassen hätte?

Nur das Schacherpack lief fort, und vierzig Jahre in der Wüste umher, das heisst, sie gingen hausieren: 'nichts zu handeln drin?' bei den Leuten, die da so in den Gegenden wohnten. Die zurückgeblieben waren, kamen bei den Türken unter den Druck. Bonaparte wollte sie befrein, um dem Engländer einen Tort zu tun. Denn wo die Juden aufkommen, sind die Engländer verloren. Aber die merkten den Schlich, und lieferten ihm die grosse Schlacht da oben bei Dings."

"Daher kommt es denn auch, dass sie in Hannover so scharf sind mit den Demagogen", sagte der zweite. "Es ist wegen den englischen Handelsverbindungen."

Dieses scharfsinnige Gespräch hörte Hermann zum teil mit an, denn er war von Hitze und Unruhe bald wieder munter geworden. Die Wachtmänner, welche nach den Gendarmen aufzogen, hielten sich in ihren Gesprächen mehr an seine person, und machten eine schlimme Beschreibung von ihm, die sich denn von Ablösung zu Ablösung steigerte, so dass er gegen Morgen in den Reden dieser Leute wie ein Ungeheuer mit Klauen und Hörnern aussah.

Im Strahl der frischen Morgensonne fand er seine gute Laune wieder. Er lachte über die Ungereimteiten, die er von draussen vernahm, laut auf, so dass die wachenden Männer ein Grauen ergriff. "Hoffentlich", sagte er, "ist denn dieses doch der letzte dumme Streich, den ich mache. Oder nein!" fügte er hinzu, "wer wollte die Torheit verschwören? Nur diejenigen Menschen irren sich nicht, deren Leben von Anfang bis zu Ende ein einziger trockner Irrtum ist."

Sechstes Kapitel

Man führte ihn vor den Polizeikommissarius zum Verhör. Der Beamte sass hinter einem Tische, auf welchem die Hermann abgenommnen Sachen lagen, Geld, die Doppelpistole und die Brieftasche. Ein kleiner Schreiber sass dem Beamten zur Linken, mit steilrecht erhobner Schreibefeder. Hinter dem Polizeikommissarius standen zwei Häscher, ernst und regungslos, ihre Blicke ruhten auf dem haupt des Vorgesetzten.

Dieser hatte das verletzte und bewickelte Bein seitwärts auf einen Sessel gelegt, so dass er sein Gesicht bei Hermanns Eintreten von diesem abkehrte. Der kleine Schreiber fuhr den Gefangnen herkömmlich grimmig an, und bedrohte ihn mit den schlimmsten Dingen, wenn er nicht die reine Wahrheit sage. Jetzt wandte sich der Polizeikommissarius um, und wollte mit noch höherer Würde diese Gewissensschärfung vornehmen, kam jedoch nicht über das erste Wort hinaus, blieb vielmehr stocken und starrte seinen Inkulpaten geöffneten Mundes an. Ein gleiches Erstaunen prägte sich in der Miene und Gebärde Hermanns aus; sie standen einander gegenüber wie die Salzsäulen.

Zuerst fand der Polizeikommissarius einige Laute wieder. "Abtreten!" rief er, dem Schreiber und den Häschern winkend. Betroffen verliess das Personal die Amtsstube. "Hermann!" – "Ernst!" Mit diesem Rufe fielen die beiden Freunde einander in die arme.

"Unglücklicher, so sehen wir uns wieder?" sagte der Polizeikommissarius. "Dasselbe möchte ich dir entgegnen", erwiderte Hermann. "Warum bist du denn nicht in Hellas, warum steckst du in dem Rocke da?"

"achtung vor dem Könige, dessen Farbe ich trage", sagte der ehemalige Philhellene mit gebietender Haltung. "Aber o ich Schwergeprüfter!" rief er, ausser Fassung geratend. "Meinen besten Freund, meinen Herzbruder finde ich unter Hochverrätern, als ihr Haupt, als ihren Rädelsführer wieder. Dahin führen verkehrte Grundsätze, das ist die Frucht einer unruhigen Sinnesart! Wie oft habe ich dich gewarnt, wie oft sagte ich dir: über das Gewöhnliche sich erheben wollen, führt zum Allerschlechtesten!" – "Du vergesslicher Mensch!" rief Hermann, "dieses sind ja eben meine Worte an dich, als du den abenteuerlichen Zug nach Griechenland unternehmen wolltest."

Aber sein Freund hörte ihn nicht. Er war aufgestanden, hinkte feierlich mit steifem Knie auf und nieder und sagte: "Pflicht! Du Polarstern des Beamten, du Ankergrund der Diensttreue, stärke mich jetzt! Ein Mann, der mit blutendem Herzen tut, was ihm obliegt, ist ein Schauspiel für Götter. In diesem Zimmer hört der Mensch auf; es kennt nur den Diener des staates."

Hermann fing den ausgestreckten Arm des Freundes, rüttelte ihn und sagte heftig: "Die erste deiner Pflichten ist, den Beschuldigten anzuhören. Ich bin kein Demagoge, geschweige ihr Oberhaupt und Rädelsführer. Ich bin ein so unschädlicher Mensch, wie nur einer Brot isst. Du hättest mich eher aus den Händen deiner dummen Gendarmen und Scharwächter befreien sollen."

"Bist du nicht unter den