überlasst die sorge um den Staat den Alten. Eines sage ich euch noch. Ich halte euch nicht für so unvernünftig, dass ihr auf eure eigne Faust, ohne hülfe älterer gewichtigerer Männer zu revolutionieren die Tollkühnheit besitzen solltet. Nun denn, so erfahrt, dass, wenn ihr aufsteht, kein Torschreiber und Supernumerarius euch beispringen wird; alles, was den Burschenrock ausgezogen hat, sitzt ruhig, mit Tabagiegespräch zufrieden, im bürgerlichen Leben, der Männerbund ist eine Lüge, womit euch irgendein Bösewicht geködert hat; ihr seid die Affen, welche für die Katze die Kastanien aus dem Feuer holen sollen."
Schwer würde es sein, die wirkung dieser Anrede auf die Studenten zu beschreiben. Sie hatten sich in einem Winkel zusammengedrängt, zitterten vor Grimm, waren jedoch keinesweges lüstern, der Mündung des Pistols näher zu treten. Vielmehr gaben sie ganz das Bild gemalter Wüteriche ab, wie Shakespeare sagt.
Hermann war eben im Begriff, seinen Spruch mit einer gesteigerten Nutzanwendung zu schliessen, als von unten Stimmen ertönten und Pferdegetrappel hörbar ward. Diese Laute verwandelten auf einmal die Szene. Hermann und die Studenten rannten einträchtig zu einer Bodenlucke und sahen den ganzen Hof voll von Gendarmen, Häschern und bewaffneten Bauern. Sogleich ergriffen die jungen Leute mit katzengleicher Geschwindigkeit die Flucht. Einige liessen sich eine Falltüre hinunter, andre verkrochen sich in den dunkelsten Ecken des Gebälks, die Entschlossensten kletterten auf die den Häschern abgekehrte Seite des Dachs, sprangen in den Garten und eilten zu wald. In einem Augenblicke war der ganze Söller von den Demagogen leer, nur Hermann blieb im Gefühle seiner Unschuld auf demselben zurück.
Fünftes Kapitel
Nicht lange, so erschien ein Gendarm, blickte forschend in die Dachkammer, und rief seinen Kamaraden mit den Worten: "Komm, einer ist noch hier!" herbei. "Sieh nur die Wirtschaft!" sagte der zweite, als er eintrat. "Die Dolche! Und da die Brandbriefe!" – "Gut, dass wir wenigstens den Oberdemagogen haben, schau, was für eine Pistole er führt!" – "Es ist ein Halbkarabiner", versetzte der zweite Gendarm.
Sie schritten auf Hermann zu, und kündigten ihm in barschem Tone Arrest an. "Gänzlich im Irrtum, meine Herrn!" versetzte er. "Ich wollte die verführte Jugend zum Besseren bekehren." Die beiden Männer schlugen ein helles Gelächter auf, und meinten, er sehe nicht nach einem Propheten aus. Um sich nicht übler Behandlung auszusetzen, gab er sich gefangen. Er fragte nach ihrem Befehlshaber und verlangte zu diesem geführt zu werden. Sie versetzten, dass der Herr Polizeikommissarius nicht zu sprechen sei, indem er, bei Verfolgung eines Flüchtigen zu Boden gestürzt, sich das Bein aufgeschlagen habe.
Nachdem die Gendarmen ihm die Pistole abgenommen, die Dolche und Akten zusammengerafft hatten, führten sie ihn hinunter. Mit genauer Not erhielt er es, dass man ihn nicht fesselte, doch war auch so schon seine Lage die unbehaglichste. Hunderte von Menschen hatte die Neugier herbeigezogen, deren gaffende Blicke alle auf ihn gerichtet waren. Unaufhörlich wurden die Gendarmen befragt, wer er sei? worauf sie jederzeit kaltblütig erwiderten: "Es ist der Oberdemagoge."
Auf seine Bitten wurde eine verdeckte Kalesche angespannt. Die Gendarmen, zu beiden Seiten des Wagens reitend, brachten ihn darin nach dem Städtchen, aus welchem er in so guter Absicht nach der Buschmühle gegangen war. Dort lieferte man ihn in der Wachtstube des Orts ab. Bei dem Eintritte in dieses Gelass hätte er vor Scham und Verdruss sterben mögen. Es war nämlich am gedachten Tage auch das sogenannte allgemeine Vagabundengreifen gewesen, und die Wachtstube wimmelte daher von übel aussehenden Leuten. Heftig fragte er den einen Gendarmen, ob man für Verbrecher seinesgleichen hier nicht einsamen Kerker bereit halte? Die beiden Männer sahen einander kopfschüttelnd an, einer griff an seine Stirn, dann sprachen sie leise zusammen. Man willfahrte ihm indessen und brachte ihn über einen finstern schmutzigen Hof nach dem Hintergebäude der Fronfeste, wo sich denn hinter Schloss und Riegel, seinem Wunsche gemäss, einsames Gefängnis auftat.
Er war nun zwischen vier einst weiss gewesenen Wänden allein. Beständig musste er sich zurufen, dass dieses Ungemach ja lediglich aus einem lächerlichen Irrtume entspringe und von kurzer Dauer sein werde, um dem Missmute nicht zu erliegen. Endlich warf er sich auf die Strohschicht, welche der Kerkermeister frisch besorgt hatte, und schlief trotz seiner übeln Laune ein.
Die Gendarmen, ihrer scharfen Anweisungen eingedenk, nahmen indessen nach kurzer Abwesenheit vor der Kerkertüre Platz.
"Weisst du", sagte der eine zum andern, "woher alle die Teufelei rührt? Ich kann's dir sagen. Die Juden stiften den ganzen Spektakel an."
"Nicht möglich!" rief der andre. "Ich dachte, die Franzosen steckten dahinter."
"Franzosen hin, Franzosen her!" sagte der erste. "Das ist ja eben die Sache. Die Franzosen sind auch alle heimliche Juden. Dazumal in Ägypten hat der Bonaparte seine ganze Armee dazu herumgekriegt, und die Soldaten haben dann nach ihrer Rückkehr das Judentum weiter gestiftet, und auch bei uns ausgebreitet, bis der Krieg kam, und davon rühren die Demagogen her."
"Drum assen auch die Kerle so viel Knoblauch", sagte der zweite Gendarm.
"Richtig", versetzte der erste. "Der Knoblauch ist der erste Grad im Judentum. Der Bart ist der zweite. Merkst du was? Geht's dir auf