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in die zehn Kreise nach Homanns Karte", erwiderte der Demagoge. "Das war das sicherste. Die Festungen sind unser, der Ölmüller hat einen geheimen gang neben seinem Teiche, und der Major wird Grossfeldherr. Ich nehme Mecklenburg hin, ausgenommen Güstrow, was Schneppe aus Greifswald nicht fahren lassen wollte. Berlin wird niedergerissen und Jahn baut die neue Hauptstadt an der Elbe. Er wird auch Obermeister der Zucht, aber das Turnen bleibt vorderhand abgestellt, denn wir wollen nichts übertreiben. In der Bundeskasse haben wir an dreiundsechzig Taler; es kann alle Tage losgehn."

"Was führt euch aber eigentlich hier zusammen?" fragte Hermann.

"Die letzte Frage, welche noch zu entscheiden ist", erwiderte der Demagoge. "Morgen wird bestimmt, was aus den Fürsten werden soll, ob wir sie alle erstechen müssen, oder ob man wenigstens in betreff einiger Gnade vor Recht ergehn lassen kann. In der Buschmühle tagen wir, fehle ja nicht in der Versammlung."

Dieses sinnreiche Gespräch würde noch länger fortgedauert haben, wenn nicht im hof ein plötzlicher Lärmen entstanden wäre. Eine Menge Menschen mit Laternen und Windlichtern drang herein, in deren Mitte Hermann bei dem Näherkommen des Zuges den Polizeidiener, den Rattenfänger und sein Pferd wahrnahm. Der Rattenfänger führte das Pferd, der Polizeidiener den Rattenfänger. Er hielt ihn am Ohrläppchen gefasst, und rief unaufhörlich: "Haben wir dich endlich, du saubrer Kavallerist? Haben wir dich?" wunderbar war es anzusehn, wie der Mensch nun als schwarzlockiger Pudelkopf erschien, und den abgelegten blonden Schopf wehmütig in der Hand hielt.

Hermann würdigte diesen politischen Flüchtling keines Blickes und empfing sein Pferd, welches von Schweiss triefte. Der Polizeidiener erzählte ihm, wie er des Vagabunden habhaft geworden sei, und gab ihm den Rat, sobald als möglich fortzureiten, und sich den Schaden zur Lehre dienen zu lassen.

Viertes Kapitel

Am folgenden Morgen wanderte Hermann nach der Buschmühle, mit sich einig über den Plan, nach welchem er die verirrten Jünglinge in das rechte Geleis zurückführen wollte. "Wie doch das Unangenehme meistens die besten Ausgänge hervorbringt!" sagte er zu sich selbst. "Ohne den gestrigen Vorfall würde ich meines Weges weitergezogen sein, und die gelegenheit verabsäumt haben, etwas Gutes und Heilsames auszurichten."

Als er am Orte der Zusammenkunft eintraf, fand er die Studenten schon auf einer Dachkammer versammelt. Fahl schien das Licht durch beräucherte Fensterscheiben und gab den ohnehin mit frühen Runzeln gezeichneten blassen Gesichtern dieser jungen Leute ein noch trübseligeres Ansehen. Sie sassen und standen umher, die Pfeife war, wie sich von selbst versteht, auch hier in voller Tätigkeit und der Qualm in dem engen raum beinahe unerträglich. Der Mecklenburger kam auf Hermann zu, fasste ihn bei der Hand und stellte ihn mit den Worten: "Da seht ihr endlich einen vom Männerbunde", den andern vor.

Alle drängten sich um ihn und wollten vom Männerbunde wissen. Hermann versetzte: "Ich werde euch noch genug nachher zu sagen haben, jetzt tut ihr erst das Eurige."

Die Studenten zogen Dolche aus ihren Röcken, zückten sie, und riefen mit dumpfer stimme: "Den Verräter treffe der Tod!" Darauf warfen sie dieselben zusammen auf einen Haufen.

Der Mecklenburger setzte sich an einen kleinen wacklichten Tisch, in der Mitte der kammer; ein andrer, der den Sekretär vorstellte, ihm gegenüber. Dieser zog ein Heft beschmutzter unordentlicher Papiere, welche Akten bedeuten sollten, hervor, und schlug seinen Kollegienstecher in die Tischplatte. Die übrigen sassen oder lagerten sich umher. Hermann nahm zu seiner Sicherheit einen Platz an der tür.

Der Sekretär erhob die stimme und fragte: "Welche Kreise Deutschlands sind hier auf diesem vierten Tage des Bundes der Jungen versammelt?"

"Obersachsen!" antwortete einer mit unzweideutiger scharfer Kopfstimme; "Franken!" riefen vier. Schwaben ward durch fünf. Niedersachsen und Westfalen jedes durch zwei vertreten, für Burgund meldeten sich drei schwarzhaarige einigermassen heimtükkisch aussehende Belgier. Bayern, Oberrhein, Niederrhein, Österreich fehlten.

Der Sekretär stand auf und sagte: "Bruder Präses, sechs Kreise Deutschlands sind versammelt."

Der Mecklenburger entblösste sein Haupt und sprach: "Ich erkläre hiemit den Tag für beschickt und eröffnet. Geliebte Brüder des Bundes für Freiheit und Recht, Vernunft und Wahrheit! Frisch, frei, fromm, fröhlich, das ist immer die Hauptsache. Schwer Werk liegt auf teutscher Jugend, wir sollen die alte, dumm und faul gewordne Zeit wieder einrenken, die Flicker und Stücker vertreiben, den Stall lüften, das Molchund Otterngezüchte aus seinen Höhlen schwefeln, dass alles teutsch werde, christlich und gut. Es ruht, wie gesagt, auf der Jugend, die Alten sind nichts nutze."

"Davon habe ich eben ein Beispiel gehabt", sagte einer aus Franken. "Ich stehe mit meinem Alten in Rechnung, so viel für Hauspump, so viel für Bücher, Wäsche und so weiter. Nun hatte ich ihm sechzig Gulden für Kollegia angesetzt. Denkt euch, verlangt das Kamel, ich soll nachweisen, dass ich sie gehört habe."

"Bruder, unterbrich mich nicht!" rief der Mecklenburger. "Lass deine eignen Angelegenheiten hinweg, wo es die grosse Sache des Vaterlandes gilt. Brüder! Lange Reden zu halten ist nicht meine Sache, ich bin aus Mecklenburg und heisse Brüggemann. Zuschlagen muss man, das ist das kürzeste, und jeder versteht, wie er dieses zu nehmen hat. Lange genug