Jünglinge liegt. Das ist nun schon der vierte Bundestag, welcher bei uns abgehalten wird, und immer sind bald darauf die Unglücklichen hier oder in der Nähe festgenommen worden, und werden doch nicht scheu, sich in den Rachen der Klapperschlange zu stürzen. Endlich habe ich das furchtbare Geheimnis entdeckt. Mein Vater, der Entsetzliche, schenkt ihnen das Bier ein, und verrät sie der Polizei."
"Wenn die Sachen so stehen, so sollten Sie Ihren Geliebten warnen", antwortete Hermann.
"Wer sind Sie, dass Sie mir dieses raten?" rief das Frauenzimmer patetisch. "kennen Sie Ziegenhainer, mein Herr? Die Wütenden würden den Greis mit Schlägen bedecken. Nein, eine Tochter, welche den eignen Vater seinen Feinden zu überantworten imstande ist, verdient diesen Namen nicht, den heiligsten in der ganzen weiten natur. Ich heisse Tusnelde, und bin ein deutsches Mädchen."
"Eine Närrin bist du, und heissest Sophie Christine", sagte der Wirt, der lachend in die stube trat. "Marsch fort! Was steckst du hier mit dem fremden Herrn zusammen?"
"Die Bücher haben ihr den Kopf verdreht", sagte er zu Hermann. Dieser versetzte: "Sie sprach von Ihnen und von den jungen Leuten, und ich wollte wünschen, es wäre nicht wahr, was sie mir entdeckt hat."
"Der liebe Gott segnet mein Haus mit Demagogen, wie er andre Häuser mit Kindern oder Schätzen segnet", sagte der Gastwirt behaglich. "Es gibt gar kein dümmeres Vieh, als Studenten. Sie wissen, dass ihre Kamaraden immer hier aufgehoben worden sind, und doch rennt es noch beständig hieher. Es geht mit des himmels Segen zu. Ich bekomme gute Extrapräsente, und das Allgemeine Ehrenzeichen kann mir in ein vier, fünf Jahren durchaus nicht entgehn."
"Wie mögen Sie ein so hinterlistiges Verfahren nur entschuldigen?" rief Hermann zornig.
"Hinterlistig?" sagte der Wirt, ohne sich aus seiner Laune bringen zu lassen. "Es ist noch keinem der Kopf abgerissen worden. Sie werden in bequeme Postchaisen gepackt, kommen auf ein Jährchen in Prison, haben dort Zeit zu studieren, schlagen in sich, dann erfolgt eine schwere Sentenz, dann die Begnadigung, dann die Befördrung, weit schneller, als bei andern Landeskindern, denn im Himmel und in * ist mehr Freude über einen Sünder, der bereut, als über hundert Gerechte, die nie fielen."
"Das Unglück von Menschen zu bespotten, verrät ein gefühlloses Herz!" rief Hermann.
"Ein jeder denkt auf seinen Profit", erwiderte der Wirt. "Die Schnellposten haben den armen Wirten fast alles Brot entzogen. Wenn ich keine Demagogen anzugeben hätte, müsste ich wohl betteln gehen. Morgen ist also hier der vierte Bundestag und übermorgen früh, denke' ich, hangen sechzehn Drosseln in den Dohnen. Wollen aber Sie das verhindern, mein Herr, so nehmen Sie sich vor dem Polizeikommissarius in acht, denn ich denunziere Sie dann als den Mitschuldigen des Hochverrats, und da Sie kein Student mehr sind, so möchte man vielleicht mit Ihnen schärfer verfahren."
Hermann war nicht einen Augenblick unschlüssig, was er tun sollte. Das Schicksal, welches diesen armen jungen Leuten bevorstand, erschien ihm fast noch gelinder, als die rasende Verblendung, wodurch sie sich dasselbe zuzogen. Er, selbst eingeweiht in diese Verirrungen, konnte jetzt kaum begreifen, wie es möglich gewesen sei, so frevelhaften Unsinn zu treiben. Er beschloss, die jungen Toren ihrem Geschikke zu entziehn, indem er sie von ihrer Verblendung heilte. Da man aber, um sich den Wölfen überhaupt zu nähern, mit ihnen heulen muss, so schien ihm ein besonders geschicktes Benehmen hier durchaus notwendig zu sein.
Er fand den Mecklenburger auf einem Vorplatze des Hauses, seine Pfeife ausklopfend. Hermann legte die drei ersten Finger der rechten Hand an den Pfeiler und fragte: "Wohin gehst du?"
Betroffen sah ihn der Mecklenburger an, legte aber die letzten Finger seiner Rechten an den Pfeiler und versetzte: "Nach Leipzig. Sage mir die neun Grundartikel."
Hermann trug hierauf, ohne zu stocken, die begehrten Sätze vor. Der Mecklenburger drückte nach diesen unzweifelhaften Zeichen ihm kräftig die Hand, und rief: "Die Begegnung hätte ich nicht vermutet. Ich wollte dich fordern lassen, denn sonderbar ist unter allen Umständen Tusch; nun aber wird natürlich daran nicht mehr gedacht, auch hätte ich gleich erwägen sollen, dass du Philister bist, mitin von dir nichts zieht. Bringst du uns Nachricht vom Männerbunde?"
"Allerdings", versetzte Hermann doppelsinnig. "Es gibt einen Bund der Männer, dem Unrecht zu wehren, Schaden zu verhüten, den Frieden zu schützen."
"Recht so", versetzte der Mecklenburger, "so meinen wir es auch. Die Zeit ist gross, wir müssen Grosses leisten, um vor ihr gross zu bestehn. Eingreifen müssen wir in ihre Räder, mit dem Strome schwimmen, und die Dämme und Klippen zerbrechen, welche die Hölle ihnen in den Weg türmt. Jetzt sind wir daran, das Volk aufzuklären. Frisch, frei, fromm, fröhlich, das ist immer die Hauptsache. Auf einen Kopf oder ein paar krummgeschlossne Knochen kommt es dabei nicht an; mehr als totmachen können sie uns nicht."
"Wie weit seid ihr denn gediehen?" fragte Hermann.
"Das Reich ist eingeteilt, es geht wieder