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noch das Pferd. Betroffen horchte er, ob sich nicht Hufschlag vernehmen lasse, aber vergebens. Er rief und pfiff, aber nur Echo gab ihm Antwort. Ein Argwohn stieg in ihm auf, den er jedoch, als des edlen Geächteten unwürdig, sogleich aus seiner Seele verbannte. Gleichwohl blieb dieser Sohn des Vaterlandes unsichtbar, obschon Hermann nach ihm in verschiednen Richtungen die Gegend umher durchsuchte.

Drittes Kapitel

Dieses Wandern und Suchen dauerte bis gegen Abend. Nun liess er davon ab, noch immer bemüht, sich eine unbestreitbare Wahrheit zu verbergen. Er lenkte in die Heerstrasse ein, um nach einem bewohnten Orte zu gelangen. Unmutig ging er auf derselben einher. Nicht lange, so hörte er Menschentritt hinter sich. Er wandte sich um und erblickte den Polizeidiener wieder. Nachdem er dem mann vorsichtig das Ereignis vertraut hatte, schlug dieser ein helles Gelächter auf, und rief: "Also sind Sie doch von dem Strolche angeführt worden? Nun, trösten Sie sich, es begegnet Ihnen nicht allein. Der Vogel ist uns und der ganzen Welt zu schlau. Wenn wir denken, wir haben ihn im Netz, so sitzt er ganz vergnügt auf dem Baume und lacht uns aus. Was für Mühe hat sich der Herr Polizeikommissarius um ihn gegeben!"

"Wer ist er denn eigentlich?" fragte Hermann.

"Ein Jude aus Hameln", sagte der Polizeidiener. "Wir heissen ihn nur den Rattenfänger, weil er zuerst mit Mäusebutter handeln ging, was er aber nun aufgegeben hat."

"Wie kann er ein Jude sein, da er lange blonde Haare hat?" fragte Hermann.

"Falsch, falsch!" rief der Polizeidiener. "Der Kerl führt alle möglichen Perücken im Sack: Struppkopf, Bonvivant, Pastor, Zopf, Strohdach. Aus dem Rocke macht er auch, was er will, Frack, Mantel, Uniform, es ist unglaublich, was für Streiche er ausführt."

Sie setzten ihren Weg zusammen fort und der Polizeidiener erzählte Hermann von den Listen, womit der Rattenfänger die Leute betrogen habe. Unser Freund musste sich zu seiner Beschämung gestehn, dass jener bei den meisten andern mehr Klugheit nötig gehabt hatte, um zum Ziele zu gelangen, als bei ihm.

Missgestimmt trat er in das Wirtshaus ein, welches vor den Toren der nächsten Stadt angenehm zwischen Gärten lag. Sie hatten es mit dem letzten Strahle des Tages erreicht. Es bekümmerte ihn in seiner jetzigen Gemütsverfassung wenig, dass der Wirt ihn fast ebenso zweifelnd betrachtete, wie jener, welcher im Eingange dieser Denkwürdigkeiten auftrat. In der Tat pflegt ein Fussgänger mit Sporen an den Stiefeln immer ein Gegenstand scherzhafter Verwundrung zu sein. Mürrisch forderte er eine stube, und liess sich den Abgang der nächsten Schnellpost nach Osten anzeigen. Denn er hatte beschlossen, nunmehr auf die gewöhnlichste Weise seine weitere Reise zu veranstalten. Kaum hörte er auf den Polizeidiener hin, welcher sich hoch und teuer vermass, ihm das gestohlne Pferd wieder zu verschaffen, es koste, was es wolle.

Indessen trieb ihn der Ärger, der in der Einsamkeit immer nagender wurde, bald wieder in das abendliche Wirtszimmer. Dasselbe war von einem Dampfe erfüllt, welcher beinahe die Lichter auslöschte. Um den Tisch sassen sechzehn junge Leute, Bier trinkend und Tabak rauchend.

Hermann erkannte bald an den polnischen Röcken, blossen Hälsen, an den Sammetbaretten und bunten Pfeifentroddeln die Studenten. Er verwunderte sich über den tiefen Ernst, womit diese Jünglinge ihr stummes Geschäft verrichteten. Niemand von ihnen sprach ein Wort, nur jezuweilen schlug einer oder der andre den Wirt zutraulich-derb auf die Schulter und sagte: "Bier!" Ihr Präses, der am obern Ende des Tisches sass, ein starker, vierschrötiger Mensch, rief aber bei solchen Gelegenheiten: "Mehr Cerevis, eherner Roche!" Der wohlbeleibte glänzende Wirt bediente sie mit gelenkiger Schnelligkeit, warf ihnen allerhand Scherzreden ins Gesicht, ohne jedoch irgendeinen aus seiner Haltung zu bringen. In der Ecke des Zimmers strickte ein Frauenzimmer, sah den Präses mit wehmütigen Blicken an, und stiess schwere Seufzer aus.

Hermann erwartete von Minute zu Minute den Beginn eines Kommersliedes, aber die ganze Studentengesellschaft blieb so stumm und ernst, wie sie bei seinem Eintritte gewesen war. Er wandte sich endlich mit der höflichen Frage an den Präses, ob die Herrn auf einer Ferienwandrung begriffen seien?

Der Präses erhob sich, warf ihm einen wilden blick zu, und versetzte dann in rauhem Tone: "Der deutsche Mann hat keine Ferien. Es ist jetzt nicht an der Zeit, zu lottern, sondern zu wirken. Ich bin aus Mecklenburg und heisse Brüggemann."

"Diese Antwort finde ich etwas sonderbar", sagte Hermann.

"sonderbar? Tusch!" riefen alle einhellig, und der Mecklenburger raunte seinem Nachbar etwas ins Ohr. Das Frauenzimmer stand auf, nahm ein Licht, gab Hermann mit ängstlicher Miene einen Wink und ging hinaus. Er folgte ihr.

In einem abgelegnen Zimmer erwartete sie ihn. Zu seinem höchsten Erstaunen warf sie sich ihm hier zu Füssen, und rief: "Sie sind ein edler Mann, ich lese Menschlichkeit in Ihren Blicken. Retten Sie die Armen, ich beschwöre Sie darum. Ich liebe den Mecklenburger und kann sein Verderben nicht sehen."

"Lassen Sie mich zuvörderst wissen, wovon hier die Rede ist", sagte Hermann.

"Es sind Demagogen", versetzte das Frauenzimmer. "Der Herr weiss, worin die Anziehungskraft unsres Gastofes für diese