man es so nennen will, gefasst, bis zu der grossen Stadt, wohin ihn seine neuste Bestimmung wies, womöglich nur sich und der natur zu leben. In die Erinnerungen eines jungen und doch mannigfaltigen Lebens vertieft, war seine Seele frei von Furcht und Wunsch, und nur die Hoffnung schwebte mit jungfräulichen Zügen von weitem ihm voran.
Ganz heiter war er, wenn er auch des Abends bei einem wohlhabenden Hofschulzen freies Quartier fand. Freilich pflegte er am andern Morgen durch reichliche Geschenke an Kinder oder Mägde immer dafür zu sorgen, dass die Zeche gehörig bezahlt wurde. Mitunter baten sich auch wohl die Wirte ein Andenken aus, so dass er fand, eine solche Reise auf Gastfreundschaft koste heutzutage fast mehr, als wenn man sich unterwegs lediglich an die zahlungbegehrenden Hotels halte.
Einige Male hatten ihn Gendarmen, die ihn an abgelegnen Orten gelagert fanden, scharf befragt; da aber seine Papiere in Richtigkeit waren, so liess man ihn jederzeit frei durch.
Eines Tages gesellte sich ein Fusswandrer zu ihm. Der Mann trug einen Rock, wie ihn Jahn vorschreibt, hinten zu, vorn offen, ging im blossen Halse, mit langen herabwallenden blonden Locken; aus dem offnen, treuherzigen gesicht strahlten die schönsten blauen Augen. Anfangs war das Gespräch zwischen ihnen ziemlich unbedeutend, als aber Hermann bei dem Anblicke eines Zollpfahles sich in freien Scherzen erging, nahm es einen ernstafteren Charakter an. Bald wurden die Verhältnisse besprochen, an welche die Unzufriedenheit in unsrem vaterland gleich einer Schmarotzerpflanze sich festgesogen hat. Hermann, der noch nicht gelernt hatte, sich zurückzuhalten, gab seine Meinungen zu vernehmen, und man tauschte gegeneinander die gefährlichsten Dinge aus.
Plötzlich sah Hermann, dass der Fremde sich reckte, in die Ferne schaute, und zusammenfuhr. Er bemerkte, dass ein Mensch ihnen entgegenkam, dessen Rock und Kragen den Polizeidiener verriet.
"Ich bin ein Landschaftszeichner!" rief der Fremde eilfertig und ängstlich, "ich will doch von jenem Hügel die Gegend aufnehmen." Mit diesen Worten sprang er in ein hohes, wallendes Kornfeld, und arbeitete sich mit reissender Schnelligkeit quer durch nach einer buschigen Anhöhe, hinter welcher er verschwand.
Hermann hielt betroffen sein Pferd an. Der Polizeidiener kam herzu und fragte: "Wer war der Mensch, der ins Korn sprang?"
Hermann versetzte: "Er sagte, er sei ein Landschaftszeichner, und wolle die Gegend aufnehmen." – "Der Teufel mag er sein, aber kein Landschaftszeichner; ich glaube, dass ich den Kerl kenne", murrte jener, und setzte, achtsam nach allen Seiten umherschauend, seinen Weg fort.
Hermann ritt weiter und gelangte nach einem Stündchen an einen Erdrand, von welchem der Boden senkrecht in eine beträchtliche Tiefe abwich. Es war ihm, als höre er aus der Vertiefung pfeifen.
Er bog sich über, und nahm den Kopf seines Begleiters zwischen Gestrüpp und hohem Ginster wahr. Dieser winkte ihm und Hermann folgte dem Zeichen. Nicht ohne Mühe kam er mit seinem Pferde den Abhang hinunter, wobei der Fremde ihm behülflich war.
"Sie werden sich über mein Benehmen verwundert haben", sagte dieser.
"Allerdings", versetzte Hermann. "Ich habe nie die Neigung zu den schönen Künsten so sprungartig hervortreten sehen."
"Ich sagte die Unwahrheit!" rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer. "Vergeben Sie mir", fügte er hinzu, indem er Hermann sanft die Hand drückte. "Sie sind ein edler Mensch, ich will mich Ihnen frei entdecken. Aber vor allen Dingen: wo speisen wir? Ich verschmachte fast vor Hunger und Durst und darf mich heute wenigstens in keine menschliche wohnung wagen."
Hermann sagte hierauf, dass, wenn er mit Wegekost vorlieb nehmen wolle, der Not abzuhelfen sei. Er holte Getränk und Speise aus den Pistolenhulftern, und legte die Flasche zur Abkühlung in eine Quelle, die an dem Orte hervorsprudelte. Sie setzten sich beide am fuss einer hohen Erdwand nieder und verzehrten ihr gemeinsames Mahl, wobei der Fremde sich sehr bescheiden verhielt, denn nur auf Hermanns dringendes Nötigen war er zu bewegen, mit diesem gradedurch zu teilen. Das Pferd graste lustig zwischen den Gesträuchen.
Nachdem der Fremde sich gesättigt, und den Mund säuberlich abgewischt hatte, fing er plötzlich an, zu weinen, umschlang Hermanns Nacken und rief: "O Freund, Sie sehen in mir eines der Schlachtopfer des Despotismus! Was habe ich dir getan, mein Vaterland, dass du mich also verfolgst? Warum dürfen die Füsse deines wärmsten Freundes den heiligen Boden nicht unverzagt betreten? Die Schelme sitzen an der Tafel und prassen, und die Kinder des Hauses irren in der Wüste umher."
"Fassen Sie sich", sagte Hermann, betroffen über diesen unerwarteten Auftritt, "und entdecken Sie mir, wer Sie sind."
"Ich bin ein politischer Flüchtling", versetzte der Fremde. "Gequält, gehetzt von den Schergen der neununddreissig Tyrannen weiss ich oft nicht, wohin ich mein Haupt legen, wo ich den Bissen für meinen Mund gewinnen soll. Jetzt ist mir Österreich vor allen auf der Spur, denn unter seinen Fäusten litt ich zuletzt. Und was habe ich getan? Ich liebte Deutschland. Was ist meine Schuld? Ich wollte die Enkel Hermanns, vor denen Roms Legionen zitterten, aus ihrer unseligen Zerissenheit, aus dem jammervollen Schlafe der Schmach, in den sie versunken sind, emporrütteln helfen. Das Mark unsrer Brüder wird von seidnen Knechten ausgesogen, wer,