, ward der Bund geschlossen.
Nun begannen für den Philhellenen Tage, die, wie er zu Franzisken sagte, ihm eine neue Welt öffneten. Er liebte nach seiner Versicherung jetzt die ganze Menschheit; er schwärmte mit dem Vater und koste mit der Tochter. In dieser Empfindung habe sich erst seine ganze Manneswürde entwickelt, rief er hundertmal des Tages aus. Auch wenn der Vater schon zur Ruhe gegangen war, blieb er noch bei Fränzchen, wo sich denn ihre gegenseitigen Empfindungen nicht selten so steigerten, dass Worte denselben unmöglich mehr genügen konnten.
Aber aus den Freuden dieser Abende entsprang eine natürliche Folge, worüber der Philhellene so erschrak, dass er, als Fränzchen sie ihm mit trauriger Miene zuflüsterte, wie vom Donner gerührt, dastand. Denn er, versenkt in seine grossen Ideen von Menschenwohl und Volksbefreiung, hatte gewiss niemals an einen so alltäglichen Ausgang gedacht. Er lief zwei Tage hindurch wie ein Verzweifelnder umher, dann fiel er dem Brauherrn zu Füssen und gestand seine Schuld. Der Alte wurde braun vor Zorn, und drohte mit einer unanständigen Bezeichnung, beiden arme und Beine entzweizuschlagen. Da aber geschehne Dinge nicht zu ändern sind, der Übeltäter seine Neigung besass, und der Jammer des Mädchens gar gewaltig zum Vaterherzen sprach, so konnte er die Vergebung nicht zurückhalten, die er denn unter der Bedingung erteilte, dass wer für den Balg gesorgt habe, nun auch für den Papp sorgen solle.
Dieses war gerade, wofür die Seele des Philhellenen seit der unglückseligen Entdeckung brannte. Sein neuer Stand hatte in ihm das Bewusstsein neuer Pflichten erzeugt. In allen braven heldenhaften Studenten, Kandidaten und Privatdozenten ist es eigentlich nur der Philister, der innerlich juckt, und hinauswill, was denn auch bald zu geschehn pflegt, während an Universitäten und Akademien so arme, kümmerliche übersehne Gesellen umherschleichen, aus denen nachher die Genies und Lichter der Welt werden. Im Philhellenen hatte die Katastrophe den Philister mit Macht herausgeschlagen, der bei einem ruhigeren Gange der Dinge vielleicht längerer Zeit bedurft hätte, um sich zur vollständigen Blüte zu entfalten. Er empfand sich als angehenden Vater und Gatten, verspürte eine wahre Begeistrung für den Broterwerb, zerriss die Bilder der Pallikaren und die neugriechischen Volkslieder, welche er bei sich führte, und dachte nur daran, wie er ein Ämtchen erringen solle, wovon er sich und Fränzchen nähren könne.
So war er durch die natur dem vaterland und der Bürgerlichkeit gewonnen worden. Sein zukünftiger Schwiegervater kannte den Legationssekretär einer auswärtigen Macht, welcher gern Bier trank. Dieser empfahl ihn einem Legationsrate, der Legationsrat dem Gesandten. Vom Gesandten schwang sich die Kette der Empfehlungen wieder abwärts bis zu einem Polizeichef in einer bedeutenden norddeutschen Stadt. Wie von da die Kanäle weiter geflossen, ist unbekannt geblieben; das Ende der Sache war aber, dass man dem Philhellenen erlaubte, im Polizeifache, welches immer frische, rüstige Leute erfordert, zu arbeiten. Kaum waren einige Monate vergangen, als man ihn, der einen unglaublichen Diensteifer an den Tag legte, zum Polizeikommissarius in einem Ackerstädtchen zwischen Hessen und Westfalen ernannte.
Er führte Fränzchen, sobald er dieser besoldeten Würde sich erfreute, heim. Sie genas kurz darauf von ihrer Bürde. Nie hatte die Gegend einen tätigeren Beamten gesehen. Die Kraft, welche sonst weit über Berge und Ströme hinausgeschweift war, lenkte sich jetzt ganz auf Vertilgung des Diebes- und Bettelgesindels, von welchem es dort, der schlechten bisherigen Aufsicht wegen, wimmelte. Vor ihm war kein Gauner sicher, kein Vagabunde konnte mehr in Ruhe hinter der Hecke seinen Bissen verzehren; er lebte fast mehr in verdächtigen Häusern, als in seinem eigenen.
Wirklich hatte er sich schon Verdienste um den Bezirk erworben und die Aufmerksamkeit der Obern sich zugelenkt. Gerade um die Zeit, von welcher wir jetzt reden, geschah die Entdeckung neuer demagogischer Umtriebe; man war dem Bunde der Jungen hart auf die Spur gekommen. Zugleich hatte man in Erfahrung gebracht, dass ein Schwarm junger Hochverräter nach dem Landstriche, in welchem unser verwandelter Schwärmer hantierte, ziehe, um da herum seinen Frevelsabbat zu halten.
Der Polizeikommissarius empfing einen geheimen Auftrag von höchster Stelle. Er war gemessen, ehrenvoll, über die engen Amtsgrenzen hinausreichend. Welch ein Sporn für seinen jetzigen Trieb! Er wurde etwas tiefsinnig, man sah ihn viel durch Feld und Wald schweifen, seiner Gattin antwortete er kaum noch auf ihre Anreden. Er brachte in grösster Heimlichkeit Gefängnisse, Arm- und Beinschellen in Ordnung. Den Gendarmen und niedern Agenten gab er Befehle und Winke, welche diese nicht immer verstanden. Er ass nichts und trank wenig. Seine Nächte waren unruhig. Er flehte Gott an, dass er ihm die Demagogen in das Netz führen möge.
Zweites Kapitel
Indessen näherte sich Hermann, auf seinem geschenkten Rösslein kleine Tagereisen mit Behaglichkeit machend, dem mittleren Deutschland. Die letzte glückliche Entdeckung hatte ihn unglaublich erfreut; er wollte nun so recht in Stille und Musse sich und die Welt geniessen. Er liebte es, in abgelegnen Höfen und Weilern einzukehren, die Städte vermied er, wo er konnte. Zwei Pistolenhulfter, welche am Sattel befestigt waren, hatte er bald ihres kriegerischen Inhaltes entledigt, und sie dafür mit einer Korbflasche, sowie mit kalter Küche gefüllt. Mittags hielt er gewöhnlich im Freien, unter einem schattenden Baume, hinter einem Felsen, oder in altem Gemäuer seine Rast. Dann verspeiste er den mitgenommnen Tagesproviant und liess sein Pferd, welches ein ausserordentlich gutes und sichres Tier war, frei umhergrasen. Er hatte die Grille, wenn