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konnte, dass der Kaiser der Maria Sibylla Freundsbergnicht den Adel gebe, – sondern den in ihrer Familie längst bestandnen, nur in Abnahme gekommnen, lediglich erneuere.

Es war die vermisste, schmerzlich gesuchte Urkunde, der Adelsbrief der Ahnfrau, welcher bewies, dass das regierende Geschlecht mit gutem Fug hier waltete, dass kein Vetter ein besseres Recht als jenes gehabt, und ein solches daher auch nun und nimmermehr auf einen Dritten hatte übertragen können. Fürsorglich hatte der Grossvater das teuerste Besitztum nebst seinem Gelde hieher vor dem herandringenden Feinde geflüchtet, und den grossen Schrank als verbergende Schutzwehr vor die Nische schieben lassen. Stummheit und Tod des Alten hatten das Geheimnis leider auf dreissig Jahre hin bewahrt.

Jauchzend flog Hermann aus dem Archiv, dessen tür weit offengelassen wurde, und stürmte, den Adelsbrief wie eine Fahne schwingend, durch die Gänge nach den Zimmern der Herzogin. Unangemeldet trat er ein, und hielt ihr, die erschreckt zurückwich, die Urkunde entgegen. "Die Not ist vorüber, Sie sind gerettet!" rief er. Der Herzog kam; das laute Reden hatte ihn herbeigezogen. Schweigend reichte ihm Hermann die Urkunde. Der Herzog überblickte sie, wechselte die Farbe, drückte das Pergament an seine Brust, brach in Tränen aus, und sagte seiner Gemahlin mit stammelnden Worten den Zusammenhang der Sache. Ihr Antlitz verklärte sich, auch sie begann zu weinen. Sie sank zwischen den Männern auf die Knie, faltete die hände, und ihre lieblichen tränenleuchtenden Blicke erhoben sich bald zum Himmel, bald ruhten sie auf ihrem Gemahle, bald auf Hermann. Dieser stand froh und stolz da, seine Gestalt schien grösser geworden zu sein, ein süsses Vergnügen strömte durch seine Brust, er kam sich wie ein wiedergebornes Kind vor. Unbefangen legte er seine Hand auf das Haupt der Herzogin und sagte: "Der Zufall lauert unsern Torheiten auf und erniedrigt uns in ihnen. Aber dann wird auch gleich wieder dafür gesorgt, dass wir nicht zugrunde gehen, dass wir uns selbst finden und fühlen lernen. Ich erfahre es heute. Nun, nach dieser Wendung bin ich imstande, Ihren Auftrag zu besorgen meine verehrte Fürstin. Ich will versuchen, auch von dieser Seite Ihre Kümmernisse zu zerstreun."

Fünftes Buch

Die Demagogen

Mit wenig Witz und viel Behagen

Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz,

Wie junge Katzen mit dem Schwanz!

Mephistopheles

Erstes Kapitel

Dem Herausgeber dieser Geschichten ist es zuweilen begegnet, dass gute Freunde oder Bekannte, welche er in geraumer Zeit nicht gesehen hatte, und welche ihn nachmals mit einem unerwarteten Besuche überraschen wollten, diese Überraschung auf doppelte Weise bewerkstelligten, nämlich auch durch eine verwandelte Persönlichkeit. Nicht selten geschah es, dass der Leichtsinnige ernst, der Muntre schwerfällig, der Rührige bequem geworden war. Da wir aber dergleichen Ändrungen uns nicht vorzustellen vermögen, vielmehr die Menschen in unsern Gedanken immer bleiben, was sie gewesen sind, so geht es bei derartigen plötzlichen Begegnungen nie ohne ein unangenehmes Gefühl ab.

Um dem Leser der vorliegenden Denkwürdigkeiten jenes unangenehme Gefühl zu ersparen, müssen wir jetzt ankündigen, dass eine person, die im Beginne unsrer Erzählung flüchtig vorüberstreifte, nunmehr den Boden derselben in verwandelter Gestalt wieder mann erinnern, des Philhellenen, welcher ihn über seine unentschiedne Gesinnung einigermassen mitnahm, und voll Tatendrang von ihm schied. Dieser junge Mann kam wirklich mit dem Gelde Hermanns bis nach München, wo er noch Empfehlungsbriefe mitnehmen wollte, bereit, sein Blut für Hellas zu verspritzen. Dort erkundigte er sich nach dem Mädchen, welche eine Zeitlang Hermanns Herz besessen hatte, um ihr die ihm vertrauten Liebespfänder einzuhändigen. Sie empfing ihn als Freund ihres Freundes, und er ging vom ersten Tage an zu allen Stunden im haus aus und ein. Denn durch ein Zusammentreffen der Umstände musste es sich fügen, dass er auch mit ihrem Vater gleich vertraut werden konnte. Dieser, ein wohlhabender Mann, besass ein grosses Brauhaus. Er war, sobald sich dort die Vereinigungen zugunsten der unglücklichen Griechen zu bilden begannen, einer derselben als eifriges Mitglied beigetreten. Vielleicht handelte er hierin nicht ganz ohne Eigennutz; man sagt, er habe in Erwägung gezogen, dass so viele an das landübliche Getränk Gewöhnte nach jenen fernen Gegenden auswanderten, und im stillen beabsichtigt, eine Niederlage seines Produktes nahe bei Aten anzulegen.

Zu diesem mann hielt sich der Philhellene, der jenem durch sein entschiednes, feuriges Wesen, und die Gabe ausdrucksvoller Rede ungemein gefiel. Die gönner, welche dem Wandrer behülflich sein sollten, waren verreiset; der Münchner Aufentalt zog sich in die Länge. Unerwartet, aber sehr willkommen, tat sein neuer Freund ihm den Vorschlag, bei ihm Quartier zu empfangen; welches dankbar angenommen wurde. Sie unterhielten sich nun, sooft es die Geschäfte des Hausherrn erlaubten, von nichts als von ihren Planen für die Herstellung und Beglückung des den Türken abzunehmenden Landes.

Die Zwischenzeiten füllten gespräche mit Fränzchen aus. Dieses gute, muntre, hübsche Kind hatte doch im stillen einige Tränen vergossen, als Hermann aus Scherz Ernst machte, und ihr die Andenken zurücksandte. In solchen Stimmungen sind die Frauenzimmer bekanntlich am geneigtesten, einer neuen Empfindung Gehör zu geben. Sie bemerkte daher nicht so bald, dass die Blicke des Philhellenen ihr zu folgen anfingen, als die ihrigen die gefälligkeit bezeigten, sich finden zu lassen. Den Herzen, die zueinander strebten, folgten binnen kurzem die hände und die Lippen, und mit dem feierlichen Schwure von seiten des Liebhabers, dass sie sein zukünftiges Eigentum am Öta als Hausfrau schmücken solle