etwas ausgebleicht war, wie von langem Liegen. Hastig blickte er nach der letzten Seite, wo das geschrieben stand, was er bis dahin immer übersehn hatte. Es war eine so unleserlich kleine Hand, und so blasse Dinte, dass es auch jetzt am Tageslichte ihm schwer ward, den Inhalt zu entziffern. Doch gelang es ihm endlich. Wer schildert seine Bestürzung, als er folgende Zeilen in französischer Sprache abgefasst, lesen musste: "Ich bin, meine Ulrike in ihrem Zimmer erwartend, über ihr Tagebuch geraten. Vergib mir, Geliebte! Alles, was von Deiner Hand ausgeht, übt eine magnetische Gewalt über mich; unwiderstehlich zog es mich; ich musste in den Bekenntnissen Deines unschuldigen Herzens blättern. Mein Närrchen! Was für seltsame Sorgen machst Du Dir über unser Verhältnis, auf welches der Segen der Eltern und die Gnade aller Heiligen, mit denen Du so vertraut umgehst, herniederträuft! Also den lieben Gott habe ich bei Dir so etwas verdrängt? Nun sieh, das könnte einem bescheidnen Bräutigam fast den Kopf verrücken. Lass es gut sein; er ist gross, und grösser, als wir denken. Er kennt keine Eifersucht. Weisst Du den Spruch nicht, dass der Künstler sich am meisten geehrt fühlt, wenn man seiner bei dem Werke vergisst?
Teuerste, schaffe Dir besseres Schreibzeug an. Diese Dinte ist unglaublich flüssig, und Deine Federchen sind viel zu zart für meine rauhe Hand. Nun schiebe ich das Blättchen mit diesem Postskript wieder unter die übrigen. Du wirst es finden, böse werden, ich werde reuig tun, Du wirst grossmütig verzeihn, und zuletzt ...?
Hermann."
Nach diesem ward unsrem Freunde alles zum Schrekken klar. Er erinnerte sich aus dem genealogischen Kalender, was er zwar immer gewusst, aber seiter nicht bedacht hatte, dass auch der Herzog Hermann hiess. Nicht also eine in sich selbst entzweite Frau, sondern eine junge devote Braut hatte in den geraubten Blättern ihre Gewissensbedenken niedergeschrieben, an denen er völlig unschuldig war. Die erhabnen Stanzen waren also auch ohne Not unter Schillers Büste abgefasst worden.
Achtzehntes Kapitel
Glühend vor Scham und Erbitterung ging er auf und nieder. Es wollte ihn durchaus nicht trösten, dass die Herzogin sich kalt, getreu und fehlerfrei erwies. "Also immer nur Berechnung!" rief er schluchzend aus. "Und ich das Werkzeug, zum Dienen, Lasttragen und Briefbestellen gut genug!"
Er war eben dabei, das empfangne Schreiben in einem höflich das Geschäft ablehnenden Billette einzusiegeln, als es an seiner tür klopfte. Es waren die Arbeitsleute, welche er bestellt hatte, um den Schrank aus dem Archive zu schaffen. "Zum letzten Male denn getagelöhnert!" murmelte er ingrimmig. Er ging mit den Leuten nach dem Gewölbe, und befahl ihnen, hurtig zu sein, er müsse gleich fort.
Drinnen setzte er sich zwischen den bestäubten Urkunden nieder und sagte: "Diese Bogen haben ihnen ein ledernes und papiernes Dasein geschaffen, in welchem kein Blut zirkuliert. Man muss ihnen vergeben, denn sie sind selbst am unglücklichsten daran."
Die Arbeiter hatten unterdessen ihr Werk mit Eifer angegriffen. Ob es die wirkung des letzteren war, oder ob das alte Holzgebäude wirklich das Ziel seiner Dauer erreicht hatte; genug, die Worte des Herzogs gingen in Erfüllung. Der Schrank knackte, sobald er gerückt wurde, krachte und fiel in sich zusammen. Eine Wolke von Staub und Wurmmehl stieg aus den zerfressnen Trümmern. Die Arbeiter sahen Hermann bestürzt an.
"Ist es doch, als ob ein Feudaltron einstürzt", sagte Hermann. "Frisch, ihr Leute vom dritten stand, die ihr gar nicht die Absicht hattet, ihn zu zertrümmern, sondern ihn nur so ein wenig beiseite bringen wolltet, tragt die Stücke hinaus!" Die Arbeiter beluden sich damit und gingen. Einer sagte: "Da ist eine tür hinter dem Schranke."
Hermann trat zu der Stätte und scharrte mit dem fuss in dem liegengebliebnen Staube. Dann fiel sein blick auf die tür, welche der alte Schrank verdeckt hatte. Ohne etwas dabei zu denken, zog er an ihr, sie gab nach, und eine tiefe gemauerte Nische in der Wand wurde sichtbar. Er sah, dass sich Gegenstände darin befanden, die er bei dem Dämmerlichte, welches im Archive herrschte, nicht unterscheiden konnte. Er griff hinein und fühlte an grosse, gereiht aufgesetzte Geldbeutel, so schwer, dass er sie kaum zu heben vermochte.
Erschrocken zog er die Hand zurück. Ihm flog durch den Sinn, was der Herzog von dem Fehlen des baren Geldes bei dem tod des Ahnherrn gesagt hatte. "grosser Gott! Wo das gesteckt hat, kann mehr sein!" rief er überlaut. Er ging umher, und suchte sich zu sammeln, seine Brust keuchte vor Erwartung. Er hauchte auf sein Tuch, und drückte es an die Augen, die doch nicht weinten. Er bat Gott, dass ihm die allerhöchste Freude seines Lebens nicht wie ein Schatten vorüberschweben möge.
Hierauf streckte er den Arm, schaudernd, als sollte er die Hand zur Feuerprobe auf glühendes Eisen legen, über die Geldsäcke hinweg in die Tiefe der Nische, und zog eine Saffiankapsel hervor, ganz mit Schimmel bedeckt. Er öffnete sie, ein kostbar eingebundnes Pergament lag darin, an welchem das grosse Reichswappen in goldner Umschliessung, durch schwarze und gelbe Schnüre festgehalten, hing. Sein Entzücken war grenzenlos. Er las, so gut er in dieser Verfassung lesen