liess das Pferd satteln, welches ihm der Herzog zur Erkenntlichkeit für seine Bemühungen geschenkt hatte. Heute wollte er aus dem schloss scheiden, wo ihm so manches begegnet war. Die Stunde rückte heran, die ihm die Herzogin zur letzten Unterredung gönnen wollte. Mit klopfendem Herzen überlegte er sein Verhalten.
Er hatte unter der Büste von Schiller einige Stanzen gedichtet, die aus der tugendhaftesten Regung hervorgegangen waren. Mit grosser Wärme schilderten sie eine leidenschaftliche Situation, gingen dann zu einer Apostrophe an die Heiligkeit der Pflicht über, und schlossen mit schwunghaften Zeilen, welche eine begeisterte Entsagung predigten. Er hatte sie, reinlich abgeschrieben, auf das Postament der Büste gelegt, wollte nur kurze Worte des Abschieds zur Herzogin reden, jedem gespräche mit ihr vorbeugen, und stumm auf die Verse deuten, in welchen sie seine Gesinnung, und was ihnen beiden not tue, lesen sollte.
Es setzte ihn in nicht geringe Verlegenheit, und störte seinen ganzen Plan, dass er beim Eintreten die Herzogin schon beschäftigt sah, seine Stanzen zu lesen. "Ich habe da zufällig etwas von Ihrer Hand gefunden, was ja auch wohl kein Geheimnis sein soll", sagte sie unbefangen. "Es sind recht hübsche Verse, aber so allgemein, dass ich vergebens nach irgendeinem Bezuge geforscht habe. Das ist mir immer das Unbegreiflichste an der Poesie gewesen, dass sie, was wir andern mit blutendem Herzen empfinden, wieder in ein leichtes Spiel auflöset, wobei der Dichter kaum etwas fühlt, wenigstens nicht in unsrem Sinne.
Möchte ich doch auch mit schweren Dingen so leicht scherzen können. Setzen Sie sich, mein Freund, so darf ich Sie nennen; wir sind eine geraume Zeit vertraulich nebeneinander hergegangen. Lassen Sie mich zum letzten Male Ihre Wirtin sein, und sehen Sie mich nicht an, ich bin auch gegen Sie in Schuld."
Sie bereitete ihm hierauf in einer zierlichen silbernen Schale Erdbeeren mit Zucker. Er sah zerstreut dem anmutigen Spiele der schönen Finger zu, und ass, um nur etwas vorzunehmen, denn er war in grosser Verlegenheit.
"Als Sie in das Schloss kamen", fuhr die Herzogin fort, "hätte ich Sie anfangs gern entfernt gesehen. Da ich Sie aber näher kennenlernte, segnete ich mein Geschick, welches mir in Ihnen den Helfer gesendet zu haben schien. Ich vertraue Ihnen ein Unglück unsres Hauses. Ein Frevel an Sitte und Gebrauch ist hier geschehn. Ich fühlte mich berufen, die verletzte Würde der Familie wiederherzustellen, und doch war ich zu schwach; ich bedurfte eines männlichen Arms. Diesen werden Sie mir leihen, wie ich hoffe."
Sie erzählte ihm hierauf mit errötenden Wangen die geschichte von Johanna und Medon, legte den Brief, dessen wir uns aus einem der vorigen Bücher erinnern, auf den Tisch, und sagte ihm den Inhalt desselben, dass er nämlich den Versuch entalte, die Irrgeführte auf die rechte Bahn zurückzuleiten. Er wusste durchaus nicht zu erraten, wohin das alles zielte, hörte es jedoch nun sogleich.
"Wer sollte mein Bote an die Unglückliche sein?" sagte die Herzogin. "Nur ein zarter, feiner, kluger Mann war imstande, dieses Geschäft zu vollführen. Der Arzt ist hier durch seinen Beruf gefesselt; Wilhelmi hätte alles durch Laune und trübes Wesen verdorben. In Ihnen sah ich die Eigenschaften, die den Freunden fehlten; Sie erkor ich im stillen zu dem Dienste, welcher der wichtigste ist, der dem Herzoge und mir geleistet werden kann.
Ich hätte Ihnen nun offen mich und die Sache entdecken sollen. Aber nach Frauenart tat ich das nicht, ich liebte es, mich auf Umwegen dem Ziele zu nahn. Ich wollte Sie erst recht tief ergründen, prüfen, ausforschen. Ich suchte jede gelegenheit, mit Ihnen unter vier Augen zu sein. Wissen Sie, Lieber, dass Walter Scott und das Englische für Lucie mir eigentlich wenig am Herzen lagen, als ich Sie zum Korrektor meiner Übersetzung und zum Lehrer des jungen Kindes ernannte. Diese Dinge sollten nur den Faden spinnen, an dem ich Sie zu meinen Zwecken festielt. Jeden Tag wollte ich meine Lippen öffnen, und verschob es dann doch wieder. Ich bin Ihnen gewiss oft mit meiner Verlegenheit und Unruhe rätselhaft erschienen. Als Sie abreisten, empfand ich die grösste Not. Nun musste gesprochen werden; doch ich vernahm, dass Sie wiederkehren würden, und schwieg abermals.
Wie durch einen bösen Dämon wurde ich darauf in den Feststrudel getrieben. Ich vergass die so ernste Pflicht. Ernüchtert, bin ich von meinem Gewissen hart gescholten worden über das Vergessen, über den Leichtsinn, auch über das heimliche und künstliche Betragen gegen Sie." Sie erhob sich. "Wollen Sie nach dieser beichte einer Sünderin vergeben?" sagte sie, liebenswürdig, wie nie. "Darf ich diesen Brief noch in Ihre hände legen? Werden Sie ihn nach der Residenz tragen, sagen, was er nicht ausspricht, handeln, vermitteln, leise, schonend, wie ich es an Ihnen kenne? Ich bitte Sie darum, machen Sie es mir möglich, dass ich mich als die treue, die helfende Gattin des Herzogs erweise, bringen Sie uns seine verleitete Schwester heim."
Er empfing den Brief, bejahte nicht, verneinte nicht. "Was ist das?" sagte er draussen. "Nur eine Absicht war alles? Aber das Tagebuch! Das Tagebuch!"
Er nahm abermals die Blätter in die Hand. Zum ersten Male fiel ihm auf, dass das Papier