so blasser Dinte, dass er es bei dem Lichte seiner Abendkerze auf dem gefärbten Papiere nicht zu lesen vermochte.
Im Widerstreite seiner Empfindungen, zwischen Wollen und Nichtwollen hin und her geschleudert, ermannte sich seine natur plötzlich wie durch einen Ruck zu einem moralischen Vorsatze, durch dessen Ausführung er sich und einer zweiten person den rechten Weg zu weisen, die Pflicht empfand. Er eilte nach dem Gartenkabinette, schlug sich dort Licht an, und schrieb bis spät in die Nacht, unter der Büste Schillers sitzend, welche schon einmal Zeugin einer edlen Entschliessung geworden war, Stanzen nieder, von leren Inhalte wir im folgenden Kapitel zu reden haben werden.
Siebenzehntes Kapitel
Andern Tages liess ihn der Herzog rufen. Auch diesen fand er verwandelt, blass und abgespannt. "Ich habe Ihnen etwas zu eröffnen und Sie um eine gefälligkeit zu bitten", hob der Fürst an. "Der Anspruch Ihres Oheims ist Ihnen bekannt, der entscheidende Adelsbrief meiner Urgrossmutter bleibt verborgen; ich habe mit verschiednen Rechtsfreunden wegen dieser Angelegenheit Rücksprache genommen; sie meinen, der tollste, widersinnigste Ausgang des Streites sei bei der jetzigen Verwirrung der Begriffe nicht undenkbar.
Werde ich vom schloss meiner Väter getrieben, so bin ich vernichtet. Andre verhärten sich dem Unglück gegenüber, und werfen stolz den Nacken empor. Ich bin nicht so stark; der schreckliche Gedanke hat mich gebeugt, ich habe ein Vorgefühl, wie das eines Sterbenden. Empfangen Sie in diesen Geständnissen den Beweis meines vollen Zutrauens. Ich wünsche das Unrecht, welches ich etwa zugefügt, gutzumachen, und für den Fall, dass ich aus Glanz und Macht abzuscheiden bestimmt bin, nur versöhnte Herzen hinter mir zurückzulassen. Ich habe um eine Kleinigkeit, um eine Grille, wenn Sie wollen, die Entfernung eines treuen bewährten Dieners zugegeben, auch nach seiner Rückkehr merke ich wohl, dass sein Gemüt verletzt geblieben ist, ich sehe, dass er auf andre Lebenswege sinnt. Er tue, was er will, ich werde ihn in seiner Laufbahn nicht hindern, aber er nehme, wenn er geht, das Gefühl mit, dass ich nicht schlimm war und nachzugeben verstanden habe. Empfangen Sie hiemit den Hauptschlüssel, der auch die tür des Archivs öffnet, lassen Sie den Schrank, welcher unsern Hader veranlasste, aus dem Gewölbe irgendwohin bringen, wo er nicht im Wege steht, sagen Sie dann Wilhelmi, dass die Stelle frei geworden sei, und dass er dort die Umändrungen vornehmen möge, welche ihm belieben."
Der Fürst hatte dieses alles so niedergeschlagen und doch so edel gesprochen, dass Hermann, trotz der Geringfügigkeit des Gegenstandes, um den es sich hier handelte, eine innige Rührung empfand. Mehr um etwas zu sagen, als weil ihm daran gelegen gewesen wäre, es zu erfahren, fragte er den Herzog bescheiden, warum er überhaupt einen so grossen Wert auf den unverrückten Stand jenes Schranks gelegt habe.
"Ich hatte dazu einen allgemeinen und einen besonderen Grund", versetzte der Fürst. "Wilhelmi ist die eigenste Zusammensetzung von Pedanterie und unruhiger Neuerungssucht. Wie er die Sachen stellt und legt, so müssen sie stehen und liegen bleiben, und wehe dem Sonnenstäubchen, welches sich unterfinge, störend dazwischen zu kräuseln! Aber dann fällt ihm auf einmal selbst ein, alles umzukramen, und die neue Einrichtung wird nun, bis sich eine dritte Laune meldet, ebenso streng, wie die frühere gehalten. Ich fürchte, wenn er den Schrank erst aus dem Archive weg hat, so wird ihm das Archiv selbst bald nicht mehr gerecht sein, er fordert dann von mir wohl einen andern Raum, und ich habe wieder Verdruss mit ihm. Darum bestand ich auf meinem Willen wegen dieses Schrankes, welcher mir aber auch insonderheit als ein altes schön ausgelegtes Stück lieb und wert war. Nun weiss man wohl, wie es mit solchen vorzeitigen Dingen sich verhält. Sie werden ihn schwerlich unzertrümmert aus dem Gewölbe bringen; ich habe gesehen, dass die Würmer ihr Werk an ihm getan haben. Mein Grossvater liess ihn, als die Franzosen in den neunziger Jahren heranrückten, in das Archiv schaffen. Der Feind kam, es gab eine furchtbare widerwärtige Nacht, die dem Greise einen Schlagfluss zuzog. Mein Vater war auf Reisen abwesend, mich hatte der Grossvater um sich, ich tat ihm alles zu Sinne und war ihm besonders lieb. Nun ist mir der Augenblick immer gegenwärtig geblieben, wie er sich mit gelähmter Zunge und starr gewordnen Händen von mir in das Archiv führen liess. Er deutete auf den Schrank; er umfasste ihn mit sonderbarer Gebärde, er wollte mir etwas vertrauen, was so gleichwohl sein Mund nicht mehr auszusprechen, seine Hand nicht mehr niederzuschreiben wusste. Bald darauf starb er. Mir aber hat die kindische Erinnerung nicht schwinden wollen, und sie mag denn wohl auch mitgewirkt haben, mich zu bestimmen, dass das altväterische Behältnis nicht von dem platz gerückt werden sollte, welchen ihm der Grossvater offenbar aus sorge für seine Erhaltung vor der zerstörenden Hand des Feindes angewiesen hatte. Sehr traurig, dass ihn der Tod damals überraschte; viel bares Geld, welches notwendig bei seinem Absterben vorhanden sein musste, war verschwunden; er hat es wahrscheinlich irgendwo für immer den Augen entzogen. So bin ich auch im stillen überzeugt, dass er die Urkunde, welche uns jetzt retten konnte, zum Unheil seiner Nachkommen damals versteckt hat. Doch dies führt uns von der Sache ab, die Sie so bald als möglich ins Werk richten wollen."
Hermann ging in den Marstall und