der Herzogin sehr zu trösten habe.
"Ja, ich bin unruhig und bedrängt", versetzte Hermann. "Ich tue nichts Unrechtes und doch mischen sich meine Gedanken und erquicken mich nicht mehr"; fügte er hinzu und errötete, weil er sich erinnerte, nur Worte der Blätter wiederholt zu haben, die seine Aufregung zum teil verschuldeten.
"Ich habe in meinem amt oft gelegenheit gehabt, wahrzunehmen, dass die Menschen in Beziehung auf das Böse sich in einem Grundirrtume befinden"; sagte der Geistliche.
"Der wäre?" fragte Hermann.
"Als sei es zu vermeiden, als müsse alle Kraft der Seele daran gesetzt werden, sich davor zu bewahren."
Hermann trat bestürzt zurück. "Sie werden", fuhr der Geistliche ruhig fort, "nicht glauben, dass ein Diener Gottes sich zum Apologeten der Sünde aufwerfe. Aber sie ist einmal da, durch die heilige unbegreifliche Zulassung des Höchsten. Sie ist so wirklich, so ewig und ursprünglich, wie das Gute. Jeder Mensch muss dieses Messer in seiner Seele fühlen, wodurch sie erschüttert, gelockert, und zum Brautbette der himmlischen Liebe bereitet wird. Gott will nicht die Rechtfertigen, er will die Reuigen. Dieses Finstre als etwas Zufälliges zu behandeln, zu meinen, dass man den Einzug des unwiderstehlichen Feindes durch Gegenwehr verhindern könne, ist ein bodenloser Wahn. Es ist nicht wahr, dass er die Seele zerstört, nur das Irdische, Nichtige in ihr frisst der glühende Atem seines Mundes, dann ersteht, vom Regen der Bussetränen befeuchtet, in der warmen Asche die grüne Saat des Glaubens und der Hoffnung. Sind aber die Kräfte in dem nichtigen Kampfe gegen das Übermächtige vergeudet, erfolgt dann doch der Fall, so möchte in einem so ausgesognen Boden schwerlich wieder etwas keimen und reifen können, und es bliebe dann wohl nur die dumpfe Gleichgültigkeit übrig, woraus zuletzt die Fertigkeit im Laster entsteht. Darum lehrt auch meine Kirche, welche in allen Stücken die von den Toren verspottete Königin der Weisheit ist, nicht: Hüte dich vor dem Bösen; sondern: Glaube an den allbarmherzigen Gott, an den Erlösungstod, an die Fürbitte der Heiligen, an die Unnachsichtlichkeit der Beichtpflicht, an die reinigenden Flammen des Fegfeuers.
Es gibt Neigungen, die verboten sind. Süsse Lippen und Augen locken; in den Armen des versagten teuren Gegenstandes liegt eine Welt, ausser der es für den Liebenden keine zweite gibt. Ich habe nun immer gefunden, dass diejenigen sich gründlicher von einer Verirrung herstellten, welche gefallen waren und mit herzlicher Zerknirschung sich der strafenden und verzeihenden Mutter in den Schoss warfen, als die, welche sich in innerlichen Kämpfen und Krämpfen abarbeiteten, denen tantalische Schatten und die Stacheln nicht gebüsster Leidenschaften in der Seele zurückblieben. O auch hier ist dem, der nur sehen will, der Weg gewiesen, auch hier wallt die sanfte Friedensfahne dem so milde entgegen, der nur nicht in eigensinniger Verstockteit von der Dürre des Protestantismus saftige Frucht gewinnen, von den Dornen die Feigen lesen will! Ja, mein Freund ..."
Ein Lakei der Herzogin kam und unterbrach diese Rede, nach Hermann fragend. Er ging, im Innersten empört über die frevelhaften Reden des Priesters, und wurde nach dem Garten-Lesekabinette gewiesen. Die Fürstin empfing ihn trauig und leidend. "Das kleine Zimmer ist noch so lieblich, wie sonst", sagte sie. "Da liegen meine guten Bücher, draussen blühen die Staudenrosen, die Büsten der Dichter sehen von ihren Postamenten herab. Und doch schwankt der Grund unter uns, und die Welt blickt mich verschwommen an, wie ein Traum. Wenn man uns von Haus und Hof triebe! Ich weiss alles; der Herzog hat seinen Kummer nicht länger bemeistern können. Wie ist das? Sagen Sie mir's; ich begreife die ganze Sache nicht. Warum sollen wir nicht bleiben können, wo unsre Voreltern waren?"
Hermann wollte einige beruhigende Worte reden; sie unterbrach ihn aber und sagte mit erstickter stimme: "Gott sendet uns die Trübsale, er gebe uns die Kraft, sie zu ertragen. Ich liess Sie rufen, um Ihnen etwas zu sagen, was mir lange auf der Seele lastet, und nun fehlt mir wieder aller Mut. Sie müssen es wissen, vielleicht ist es mir morgen möglich; kommen Sie um diese Stunde wieder, aber dann reisen Sie gleich, gleich!"
Ihre schönen hände ergriffen die seinigen. Halb zog sie ihn nach sich, halb drückte sie ihn zurück. Es war ihm, als öffne sich der Boden unter seinen Füssen, ein wonnevoller Schauder flog ihm durch die Glieder. Er war aus dem Kabinette, und wusste nicht wie?
Auf dem Gange nach seinem Zimmer wollte ihm der Geistliche, der auf ihn gewartet zu haben schien, wieder seine Gesellschaft antragen, die Hermann aber ablehnte. Er riegelte hinter sich zu, und ging mit grossen Schritten auf und nieder. "Ja, sie liebt mich!" rief er einmal über das andre aus. Er beklagte diese Verwicklung, er wünschte sich weit hinweg. Keinen blick wollte er wieder in die gefährlichen Tagebuchblätter werfen, und als er den Entschluss recht fest gefasst zu haben meinte, nahm er sie doch wieder vor, und las sie noch einmal. Unten am fuss der letzten Seite bemerkte er heute zum ersten Male die gebräuchlichen Anfangsbuchstaben der Bitte, umzuschlagen. Er tat es, und sah auf der Rückseite etwas von andrer Hand geschrieben, aber mit