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er trotz des Widerspruchs von seiten des Oheims die Verbindung mit ihr werde zu bewirken wissen.

In der Einsamkeit, welche nun zum Gegensatze der früheren Geschäftigkeit im schloss herrschte, war nichts, was ihn abzog. Er fühlte sich müssig, gepeinigt; er wusste nicht, an welcher Handhabe er seine Tage anfassen sollte.

Viele Stunden versass er in den Zimmern des alten Herrn, zu denen er den Schlüssel behalten hatte. Nach dessen letztem Willen sollten sie unberührt bleiben, weil sie die Erinnerungen seines Lebens entielten. Er selbst war dort in ganzer Figur gemalt, als Schäfer; rings um dieses grosse Bildnis wimmelte es von kleineren in ovalem und vierecktem Format, aus welchen jugendlich schöne Gesichter als Nymphen, Dianen, Jägerinnen, Armiden und Griechinnen hervorsahen. Alle Tische und Schränke waren mit Kleinigkeiten von Holz, Porzellan, Glas, Bernstein, Perlemutter bedeckt, von denen das meiste seinen Ursprung als Andenken genussvoller Stunden nicht verleugnen konnte.

Wilhelmi, der die tür zu diesen Gemächern angelehnt gefunden hatte, trat ein, und fand seinen Freund gedankenvoll an einem Spiegeltische sitzen. "Du scheinst dich mit uns allen in der Stimmung zu befinden, welche die Perser Bidamag Buden nennen. Uns steckt ein Jammer gewisser Art in Kopf und Gliedern. Was mich betrifft, so hoffe ich ihn bald abzuschütteln, ich reise wahrscheinlich in nächster Woche, und nehme einen teil meiner Sachen mit. Hast du etwas nach * zu bestellen?"

"Du bist mir ganz unerklärlich", versetzte Hermann. "Willst du dort mit alten Vasen und Bildern die Rolle des vornehmen Antiquars spielen? Sie werden dich anfangs mit schönen Worten füttern, und am Ende wirst du nicht wissen, in welcher Ecke du dich herumdrücken sollst. Was hast du vor?"

Wilhelmi machte eine geheimnisvolle Miene, legte den Finger auf den Mund und sagte: "St! Ich nenne dir ein einziges Wort: Staat. Fassest du, was der Staat ist? Ich habe darüber während meiner Verbannung nachgedacht. Du sollst weiter von mir hören."

Er wollte gehen. Hermann hielt ihn zurück, nahm eine Dose altfränkischen Ansehns vom Spiegeltische und sagte: "Weisst du, der du alle Antiquitäten kennst, was für eine Dose diese ist?"

Wilhelmi besah sie, und versetzte: "Es ist eine sogenannte Lorenzodose. Diese Dosen gehören mit zur geschichte der Sentimentalitätsperiode. Du erinnerst dich, wie beredt-stumm der Franziskaner Lorenzo dem Yorick Sanftmut und Duldsamkeit predigt, und wie sie darauf einen Dosentausch vornehmen. Diese geschichte rührte die beiden Jacobis so, dass sie einen Orden der Humanität zu stiften beschlossen, dessen Patron jener Lorenzo sein sollte. Zum Ordenszeichen wurde die von Sterne beschriebne Horndose des Franziskaners erwählt. Daran wollten sich die Brüder erkennen. Hatte sich einer, wie man es damals nannte, inhuman betragen, so sollte die stumme Vorhaltung der Lorenzodose ihn an seine Pflichten erinnern. Gleim und andre Befreundete des Pempelforter Kreises waren die ersten Glieder dieser Verbindung, welche bald, durch die damalige Empfindelei begünstigt, eine grosse Ausdehnung gewann. Aber es währte nicht lange, so mussten sich die Begründer von ihr lossagen, die Lorenzodosen waren Gegenstand der Spekulation geworden; ein Graf von Solms liess sie, fabrikmässig verfertigt, zu Tausenden in alle Welt ausgehn; was denn zur Folge hatte, dass Müssiggänger, Landstreicher und Glücksjäger, die Dosen in der Hand und Tränen in den Augen, betteln, fechten, auch wohl prellen gingen."

"Du glaubst nicht, wie mich diese Dose erschreckt hat", sagte Hermann. "Eben eine solche erinnre ich mich als Knabe unter den Sachen meines Vaters gesehen zu haben."

"Da finde ich nichts zum Erschrecken", versetzte Wilhelmi. "Sie sind beide Lorenzobrüder gewesen. Sie gehören ja auch jener Zeit an."

Hermann klappte die Dose auf, zeigte seinem Freunde ein Bild, welches in das Inwendige des Dekkels eingenietet war, und fragte, was er davon halte?

"Ein schönes Schwabenmädchen!" antwortete Wilhelmi, nachdem er das Medaillon lange aufmerksam durch seine Gläser betrachtet hatte. "Es ist meine Mutter!" rief Hermann. "Ich hätte sie erkannt, wenn der Name auch nicht darunterstände. Nun verstehe ich ihre Tränen, ihren geheimen Schmerz, des Grafen Heinrich Besuche bei meinen Eltern, seine Zärtlichkeit gegen mich. Sie ist seine Neigung gewesen, er hat der Freundschaft das heldenmütigste Opfer gebracht, und meine Mutter mag wohl im stillen während eines unerfreulichen Ehestandes bereut haben, dem andern strengen verdriesslichen mann gefolgt zu sein."

Sechzehntes Kapitel

Im Garten traf mit ihm der Geistliche zusammen. Dieser Mann, welcher während der geräuschvollen Tage sich ganz zurückgezogen, und im stillen sein Werk getrieben hatte, trat, sobald jene Wellen verströmt waren, wieder hervor und suchte eifrig seine Gesellschaft. Er war Hermann seit der Szene auf der Anhöhe einigermassen verdächtig, und dennoch konnte sich dieser von einem gewissen Anteil, den ihm das feine, schwärmerische Wesen des Priesters abnötigte, nicht ganz losmachen.

Heute führte der letztere mit ihm ein leises tastendes Gespräch, welches sehr zart um den Kummer und die Unruhe unsres Freundes strich. Er wusste seine Teilnahme an dessen Verstimmung so freundlich zu äussern, er vermass sich so wenig der trocknen Redensarten, womit die Menschen in der Regel ein bedrücktes Herz nur noch schwerer machen, dass Hermann sich wirklich erleichtert fühlte. Zugleich liess der Geistliche auf eine geschickte Weise einfliessen, indem er vor Hermann die Augen niederschlug, dass er auch an