die Wirtin.
Während dieses Geschreis war eine neue Figur an der offnen Tür erschienen. Den Reitknecht Wilhelm hatte der Lärmen herbeigezogen; er kam, die kurze Pfeife im mund. Als die Jungfer den Dienstgenossen erblickte, lebten in ihr alle Hoffnungen auf; sie lief zu ihm, und beschwor ihn bei der Ehre des Stalls und der Gesindestube, ihr das gegen göttliche und menschliche Rechte entrissne Zimmer wiedererringen zu helfen. Es hätte so dringender Worte nicht bedurft. Der brave Kerl war selbst auf den Wirt und dessen schlechten Hafer böse, und eine gelegenheit, ihm etwas anzuhaben, kam ihm grade erwünscht.
Es rückte nunmehr die Heersäule der Bundesgenossen vor; die Kammerjungfer, mit einer Elle bewaffnet, die sie irgendwo gefunden hatte, der Reitknecht, sich verlassend auf seine derben rotbraunen Fäuste. Sofort duckte sich der Wirt mit seiner Gattin zwischen zwei Stühlen nieder. Hermann, der endlich merkte, worum es sich handle, rief wiederholentlich; "Hört mich an!" Es achtete aber niemand seiner, und nun beschloss er, vorerst die Entwicklung der begebenheiten abzuwarten. Er zog daher einen Tisch vor das Sofa, auf dem er sass, um sich gegen alle gezwungne Teilnahme an den drohenden Ereignissen der nächsten Zukunft zu sichern.
Der Reitknecht und die Kammerjungfer gingen indessen grade gegen die Stühle vor. Dem verständigen Gastwirte, welcher zwischen denselben hockte, wurde nicht wohl zumute. "Ihr wollt mich doch nicht in meinem eignen haus prügeln?" rief er mit einer zwischen Mut und Furcht zitternden stimme. – "Haun Sie zu, Wilhelm!" redete die Jungfer den Knecht an. "Hurra!" rief der brave Kerl, welcher nur an seine übelgenährten Pferde, und nicht an den Dienst des Herzogs dachte, und reichte dem Wirte eine Ohrfeige von schwerem Gewichte. Diese Ohrfeige gab das Zeichen zum allgemeinen Kampfe. Der Wirt fuhr grimmig auf den Reitknecht los, und die Jungfer machte sich mit der Wirtin handgemein.
Zuerst von den Männern. Mit leichter Mühe hatte der Reitknecht, ein baumstarker Mann, den Wirt zurückgeworfen. Er verfolgte den errungnen Vorteil, und legte den Gegner, alles Sträubens ungeachtet, über einen Stuhl, mit dem gesicht gegen die Erde. Die Rockschösse des Wirts trennten sich, und nun erst wurde dem Reitknechte das eigentliche Feld seiner Tätigkeit sichtbar. Alsobald begann er auf dieser Tenne zu dreschen, so flink und so gewaltig, als gälte es, die Ernte des ganzen Jahres an einem Tage zu gewinnen.
In dieser schrecklichen und letzten Not rief der Wirt inbrünstig alle Heiligen um Beistand an. Einer derselben musste ihn gehört haben, denn es ereignete sich eine völlige Wendung der Geschicke. Der Reitknecht hatte im Übermasse seiner Siegestrunkenheit sich die Faust an dem Wirte fast lahm geschlagen. Deshalb müde, noch mehr Lorbeern mit Schmerzen zu gewinnen, nahm er den Geprügelten in seine arme, nicht, um ihn zu küssen, sondern um ihn zur stube hinauszutragen. Aber er hatte denn doch seiner Kraft zu viel vertraut. Auf der Hälfte des weges stolperte er über seine Sporen, stiess an Hermanns Tisch, und fiel mit seiner Bürde donnernd zu Boden. Jetzt fügte es jener unbekannte Heilige so, dass der Wirt eher auf den Füssen zu stehen kam, als der Reitknecht. Hurtig, wie eine wilde Katze, holte jener seinen Marterstuhl herbei, und stülpte denselben dem Reitknecht über den Leib, dergestalt, dass dieser kein Glied zu regen vermochte. Nun war der Augenblick der Vergeltung erschienen. Der Wirt sass auf dem stuhl und liess alle zehn Finger im gesicht des Reitknechts spazierengehn, welcher, die Farben des Regenbogens vor den Augen sehend, vorn wieder empfing, was er hinten ausgeteilt hatte. So rächte der Wirt sein gemisshandeltes Kreuz. Der brave Kerl lag unter dem stuhl, zerschlagen, wehrlos, regungslos, und rief unaufhörlich: "Jungfer, zu hülfe!"
Aber wie hätte die Jungfer ihm helfen mögen, sie, die selbst nur zu ernstaft beschäftigt war? Anfangs suchten die beiden Frauenzimmer einander mit den Nägeln möglichst zu schaden. Da indessen dieses Gefecht der Kammerjungfer kein genügendes Resultat gab, so drängte sie die fette und unbehülfliche Wirtin in eine Fenstervertiefung und fing an von ihrer Elle Gebrauch zu machen. Die Wirtin konnte sich der ungemein schmächtigen und behenden Jungfer nicht erwehren, tat einen Satz der Verzweiflung, und sprang auf die Fensterbrüstung. Hier wurde nun die Schnur des Vorhangs von der heftigen Erschüttrung gelöst, und die Gardine rollte vor der Wirtin nieder. Mit grosser Geistesgegenwart ergriff die Jungfer augenblicklich das untre Ende des Vorhangs, hielt die Wirtin wie in einem Sacke gefangen und hämmerte wacker auf die runde Erhöhung los, welche der Leib der Feindin im Vorhange bildete. Die Frau seufzte nach ihrem mann, wie der Reitknecht nach der Jungfer, aber beide Sieger spürten grössere Begierde in sich, die Gegner zu prügeln, als den Ihrigen zu helfen.
Endlich fiel der genotängsteten Wirtin das letzte Mittel ein, durch welches sogar eine Hinrichtung hinausgeschoben wird, und welches freilich dem armen Kerl von Reitknecht nicht zu Gebote stand. Sie rief hinter dem Vorhange: "Jungfer, schonen Sie meiner, ich bin in andern Umständen!"
Bei diesen Worten geriet Hermann in eine Todesangst, denn die funkelnden Augen der Jungfer liessen besorgen, dass sie auch das Ungeborne ihrer Rache opfern werde. Er fürchtete ein Unglück, und fand, wie durch innere Eingebung einen rettenden Gedanken. Vom Sofa aufspringend, den Tisch umwerfend, rief er mit lauter stimme: "