sagte der Nachbar, dass schon die ganze Gegend davon spreche.
Tiefer verletzte ihn eine Entdeckung, welche den Geistlichen betraf. Dieser Mann, dessen Absichten immer unumwundner hervortraten, hatte die Verwirrung, worin sich das Schloss seit einigen Wochen befand, genützt, um etwas auszuführen, wozu ihm sonst doch wohl bei der bekannten Sinnesart seines weltlichen Herrn der Mut gebrochen hätte. Der Herzog empfing kurz nach dem Feste einen Brief angesehener protestantischer Eltern, worin diese sich bitter beklagten, dass man ihre beiden ältesten Söhne in seiner Schlosskapelle katolisch gemacht habe. Er war, wie vom Donner gerührt. Der Geistliche, sogleich zu ihm gerufen, leugnete gar nicht, und sagte mit Freimütigkeit, dass er es für die Pflicht eines Priesters halte, abtrünnige Kinder in den Schoss der allgemeinen Mutter zurückzuführen, sobald sie ein Verlangen darnach empfänden. Er gebe, fügte er, den Herzog entschieden anblickend, hinzu, dem Kaiser, was des Kaisers, und Gotte, was Gottes sei.
Der Herzog fühlte sich in einer zornigen Verlegenheit. Er war ein ganz guter regelrechter Katolik, doch betrachtete er, wie die meisten vornehmen Männer seines Glaubens, diesen mehr als eine Sache für sich, von der nicht viel Wesens gemacht werden müsse, und alles, was von fern nach Fanatismus oder Verbreitungssucht schmeckte, war ihm im grund der Seele zuwider. Nun aber durfte er den, der immer ein nach den Begriffen der Kirche gottgefälliges Werk getan hatte, doch nicht dieserhalb schelten, und so blieb ihm denn weiter nichts übrig, als dem geschäftigen Priester mit scharfer Freundlichkeit zu eröffnen, dass er für seine weitere Befördrung sorge tragen werde.
Unter diesen Verdriesslichkeiten wurde ihm die Klage des Oheims behändigt, welche, lange vorbereitet, ihn vor den höchsten Gerichtshof der Provinz lud, über die herrschaft, über seine Weiler und Vorwerke, Wiesen, Wälder, Teiche und Flüsse, Gemarkungen und Breiten zu Recht zu stehen. Abermals begann nun das Suchen nach dem verschwundnen Adelsbriefe der Urältermutter, von welchem er und Wilhelmi das Schicksal dieses Streits abhängig glaubten. Kein Winkel der Bibliotek, des Archivs, der Registraturen blieb undurchforscht.
Indessen waren diese Mühen vergebens. Er zog sich hierauf ebenfalls in die Einsamkeit seiner Zimmer zurück, und selbst die Hausoffizianten, welche zunächst mit ihm zu tun hatten, bekamen ihn nicht zu sehen.
Fünfzehntes Kapitel
"Welche fremde Gewalt nimmt mich so ungestüm gefangen! Man hat mir gesagt, es sei unsre Bestimmung, zu lieben und geliebt zu werden. Warum denn nun diese Bangigkeit, diese Angst? Klopft der Blume auch so das Herz, wenn sie aus der schwachen, farblosen Knospe bricht? Mir ist immer, als stände ich auf der schwindelerregenden Spitze eines hohen Turms, und selbst seine Nähe beruhigt mich nicht."
*
"Ich bemühe mich oft, mir den Eindruck recht klar zu machen, den ich empfand, als ich dich zum ersten Male erblickte, Hermann! Denn ich meine, wenn ich mir nur darüber Rechenschaft geben könnte, so müsste eine Rettung aus dieser Not sein. Aber es ist vergebens; je mehr ich darüber nachsinne, desto undeutlicher fliesst alles ineinander, bis du mir begegnest, wo denn in Tränen und Lust alles Grübeln weit weg flieht."
*
"Warum hast du nicht Platz behalten, Gott, in dem Herzen, welches dir so ganz gehörte? Warum erlaubtest du deinem Geschöpfe aus Staub, sich neben dir einzudrängen, und die reine Weihrauchwolke, die dort sich dir erhob, zu zerstreun?"
*
"Dies ist die Sünde! Nun weiss ich, was das schreckliche Wort bedeutet. Ich tue nichts Unrechtes, und doch bin ich verstimmt; meine Gedanken mischen sich und erquicken mich nicht mehr, meine Seele nimmt verschiedne Stellungen an, und in keiner ist ihr wohl. Und doch ist, was ich erleide, nur ein gemeines Schicksal so vieler meines Geschlechts, warum werde ich denn nun dadurch so geplagt?"
*
"Ich habe mir vorgenommen, ihn zu meiden, aber was hülfe mir das? Bliebe nicht immer seine Schattengestalt in meiner Seele störend zurück? Nein, ich muss versuchen, dies Fremde in mir innerlich zu überwinden, es in den Frieden, der mich sonst durchsäuselte, aufzulösen. Ich muss diese Liebe zur Tugend erheben."
*
"Es ist so süss, so lieblich, was ich oft empfinde, wenn ich neben Hermann sitze, dass ich mitunter denke, alle diese Ängstigungen laufen wohl am Ende auf leere Selbstquälerei hinaus. Ich möchte ihn selbst gern zum Richter über unser Verhältnis machen, er sieht mir an, dass ich ihm etwas zu sagen habe, sein freundlicher blick will mir Mut machen, das Wort schwebt mir auf der Lippe, dann riegelt mir eine unbezwingliche Gewalt den Mund zu."
Über den Blättern, welche diese und ähnliche geheime Ergiessungen eines zart liebenden, mit sich zwiespältigen Gemüts entielten, sass Hermann und las sie, wir wissen nicht, zum wievielsten Male? Es waren diejenigen, welche der unbescheidne Vogel ihm in die hände gespielt hatte. Das war die Hand der Herzogin, und sein Name stand hier in so gefährlicher Verbindung geschrieben! "So ist es denn wahr!" rief er. "So ist mir das Geheimnis ihres Betragens entüllt! So soll ich undankbar an meinem gönner und Gastfreunde werden!"
Er schrieb mit Heftigkeit an Cornelien, warf ihr vor, dass sie ihm auf seine früheren Briefe nicht geantwortet habe, versicherte ihr seine ewige Liebe, und dass