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Verlarvten wurde einige Augenblicke lang gefragt, dann vergass man ihn. Nur der alte Landedelmann war untröstlich, als er erfuhr, dass dieser Paladin sich entfernt und dadurch seinen Umarmungen entzogen habe. Er verfiel darauf wieder in das Gespräch von den Schlagbäumen, solange er einen Zuhörer finden konnte.

Man wollte nicht fahren, im Gehen meinte jeder sich mit denen, die er am liebsten mochte, besser zusammenzufinden. Alles wanderte in buntem Gewimmel nach dem Speisesaale.

Sobald die Gesellschaft den Platz verlassen hatte, stürzte eine Menge Knaben aus dem volk herbei und raffte auf, was an Federn, Schlangenköpfen und sonstigen Kleinigkeiten umherlag. Hermann nahm eine Bandschleife, welche, von der Hand der Herzogin berührt, liegengeblieben war, und wollte sie als Erinnrungszeichen verwahren. Da sah er die verschlungnen Namen und warf sie mit einer schneidenden Empfindung weg. Die Knaben rauften sich um das leichte Zeichen; bei dem ziehen und Zerren zerriss es.

Was den Herzog betrifft, so hatte dieser nach Beendigung des Caroussels ganz freundlich seine Gemahlin gefragt, wann denn nun das Turnier beginne? In der Verwirrung der vorangegangnen Tage war man nämlich, wie dergleichen wohl vorzufallen pflegt, völlig vergessen gewesen, die Hauptperson von der Umändrung des ursprünglichen Festplans etwas wissen zu lassen. Er verwunderte sich daher nicht wenig, als er hörte, dass die Sache schon vorbei sei, und dasjenige ausbleibe, worauf er sich eigentlich gefreut hatte.

Dreizehntes Kapitel

Indessen rauschte das fest unaufhaltsam weiter. Ein kostbares Mittagsmahl war eingenommen worden, die Gesellschaft zerstreute sich in Sälen, Zimmern, Lauben, Gartengängen. Während ein teil der älteren Herrn ein frühzeitiges Spiel begann, andre da und dort ihr Nachmittagsschläfchen abhielten, die Matronen und die Frauen in gewissen Jahren, ernstaft mit der Kritik des Vorfallenden beschäftigt, umhersassen, verirrte sich so manches zärtliche Pärchen seitab in die entlegensten Teile des Parks. Es gewährte einen bunten und fröhlichen Anblick, die vielen fremdartig geschmückten Gestalten wie Blumen aus dem Grün der Gebüsche und Baumgruppen hervordringen zu sehen.

Hermann hatte sich zu einer grossen Gestalt von ausserordentlicher, wenngleich verblühter Schönheit hingezogen gefühlt. Es war die Teophilie, welche die Herzogin zu ihrem Beistande hatte kommen lassen, die Schwester jenes toten Vetters. Ungeachtet des Streites, welcher die beiden Agnaten entzweit, stand sie mit dem Herzoge in einem freundschaftlichen Verhältnisse. Sie waren einander an Höfen und in Bädern begegnet, und man hatte selbst einmal vorlängst von einer gegenseitigen Neigung gesprochen.

Hermann erfuhr von ihr, dass sie in dem schloss ihres Bruders, welches nun seinem Oheim gehörte, wohne. "Wie kam es, dass ich Sie dort während meiner Anwesenheit nicht gesehen habe?" fragte er.

"Es geziemt einer alten Hofdame, in ihrer Zelle zu verbleiben", sagte sie. "Mein Bruder machte sich bei dem Verkaufe einen teil der Schlosszimmer aus, und nahm mich in den Vertrag mit auf. Dort lebe ich für mich und hüte meine Erinnrungen. Man muss der Welt den Korb geben, bevor sie ihn uns gibt. übrigens sind wir wie wohlgestellte Uhren. Sobald man uns aufzieht, gehen wir wieder. Ich war seit zehn Jahren nicht in grosser Gesellschaft gewesen und meinte, alles vergessen zu haben, was zum guten Tone gehört, aber meine Cousine hat mich aufgezogen und siehe da, die stehngebliebne Uhr geht noch, denn ich machte, wie mich dünkt, nach allen Formen die Honneurs."

Der Oheim kam ihnen entgegen, gedankenvoll vor sich hinsehend. Sobald er Teophilien erblickte, verfärbte er sich, und wendete sich, ohne zu grüssen, kurz um.

"Verzeihen Sie ihm", sagte Hermann betreten, "er ist so kurzsichtig." – "Nicht doch", erwiderte sie lächelnd, "er hat mich recht wohl erkannt. Wissen Sie, dass Ihr Oheim ein Geisterseher ist?"

"Diese Eigenschaft hätte ich nicht an ihm vermutet", erwiderte Hermann.

"Doch. Er ist so ein Sonntagskind, d.h. in Beziehung auf mich. Er sieht neben mir immer allerhand graue, schwarze, schalkhafte, tückische Geister. kennen Sie die geschichte vom Müller bei Potsdam?"

"Welches Kind kennt sie nicht!" rief Hermann.

"Nun, ich bin der Müller bei Potsdam. Tausende gäbe Ihr Oheim hin, wenn ich weichen wollte, aber ich bleibe in meinem Rechte wohnen. Das ist alles nur Scherz", fügte sie in einem schneidenden Tone hinzu. "Ihr Oheim sollte meinen blick vergessen, der ihn so erschreckte, als ihm mein Bruder aus freien Stücken die Zession gab, denn hin ist hin, und tot ist tot!"

Ein Schwarm junger Mädchen näherte sich, lachend und schwatzend. Sie liess ihn stehen, und lachte und schwatzte mit den Mädchen. Er versuchte noch einige Male, ihr nahe zu kommen, um die Erklärung ihrer spöttisch- geheimnisvollen Worte zu vernehmen, sie wich ihm aber aus, und er hatte über eine neue Verwicklung aus früherer Zeit nachzudenken.

Inzwischen waren die Lustbarkeiten der Bürger und Bauern begonnen worden. Auf einer grünen geräumigen Wiese, unfern des Turnierplatzes erhoben sich Schaukeln und Kletterbäume; zu beiden Seiten waren Schiessstände abgesteckt, einer für das Armbrust- der andre für das Büchsenschiessen. In der Mitte des Plans stand eine grosse Bretterbude zum Tanzen, Würfeln und Spielen.

Die ganze Wiese war von fröhlichen Menschen bedeckt. Knaben und Mädchen schwebten in den Schaukeln, junge Bursche fielen von den Kletterbäumen, ohne sich weh zu tun. Auf der einen