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rief einmal über das andre: "Bravo!" und schwor, er müsse nach dem Caroussel mit jenem Brüderschaft trinken. "Wenn ich nur wüsste, aus welcher Familie er ist", sagte er. "Aus unsrer Provinz kann er nicht sein, denn hier sitzen sie doch im grund alle wie die Mehlsäcke zu Pferde, er muss von mecklenburgischem Adel sein, er macht wahrhaftig Sachen, wie ein englischer Bereiter."

Nach den Quadrillen, welche die Musiker mit den ausgesuchtesten Märschen begleiteten, entstand eine kleine Pause. Knappen in grün- und weissgestreiften Wämsern richteten die bewimpelten Pfähle mit den Ringen auf, nach welchen nun das Stechen beginnen sollte. Eine grosse Walze wurde angewendet, den von den Huftritten der Pferde aufgewühlten Sandgrund wieder festzudrücken, unter dem Pavillone verschnauften die Kavaliere und ihre Rosse.

Der Enterbte war von der Tribüne herabgekommen, trat in den Pavillon, und Hermann sah, dass er mit dem verlarvten Neffen beiseite trat. Eine gewisse Vermutung machte ihn auf den Inhalt des Gesprächs neugierig, er wusste sich scheinbar unbefangen den beiden zu nähern, und konnte wenigstens einige Worte von ihren Reden vernehmen. "Macht es nicht so auffallend", sagte der Enterbte zum Neffen, "es kommt sonst aus, und wir werden um unsern Spass gebracht."

"Herr Baron", versetzte der Neffe in einem rauhen, holprichten Dialekte, "ich nehme mir es auch vor, aber wer kann wider die natur?"

Die Kavaliere begannen das Ringelstechen; mancher Ring blieb auf den Degen sitzen, mancher flog auch, von ungeschicktem Stosse berührt, in den Sand. Der Verlarvte schien anfangs die Warnung des Enterbten beachten zu wollen, er zeichnete sich nicht aus, fehlte, traf, wie es kam. Auf einmal aber war es, als ob in ihn wieder ein übermütiger Geist führe. Denn plötzlich ritt er bei dem Baume vorbei, und stach, diesem den rücken zukehrend, mit einer sichern Bewegung nach hinten zierlich den Ring ab. Das war noch wenig. Das nächste Mal warf er den Degen nach dem Ringe, traf ihn, und fing den Degen in der Luft auf. Es war gut, dass hiermit dieser teil des Festes zu Ende ging, denn wer weiss, welche Streiche noch sonst zur Gemütsergötzung der Zuschauer verübt worden wären.

Sobald der Zug wieder im Pavillone war, nahm Hermann den geschickten Reiter beiseite, und befahl ihm geradezu, sich zu entlarven. Die bestimmte Mahnung setzte den Menschen aus der Fassung, er nahm die Maske ab und ein braunes, verbranntes Gesicht erschien unter dem Barett. "Sie sind gedungen, unsrem Feste zum Hohne zu gereichen!" redete ihn Hermann hart an. "Verfügen Sie sich zu Ihrer Gesellschaft, bei der die Künste, welche Sie üben, für Geld zu sehen sind. Fort!" – "Mein Herr", versetzte der Mensch, welcher zu ebner Erde so verlegen war, als er im Bügel sich keck erwiesen hatte, "ich wollte es nicht gern tun, denn ich fürchtete mich vor Rüge und Bestrafung, aber der Herr Baron setzten mir so lange zu, dass ich mich endlich bewegen liess." – "Und was war die Absicht bei diesem Possenspiele?" fragte Hermann. "Ich sollte", antwortete der andre, "nach dem Caroussel vor der Frau Herzogin hinknien, und die Geschenke empfangen, die der Herr Baron dann von mir haben wollte. Was weiter im Werke war, kann ich nicht sagen, wir reisen schon morgen fort."

Hermann nötigte den falschen Ritter auf sein Kunstpferd, und begleitete ihn noch einige hundert Schritte, um gewiss zu sein, dass er sich entferne. Als er umkehrte, begegnete ihm der Enterbte auf halbem Wege. Dieser sah dem abziehenden Kunstreiter nach, und sagte dann mit giftigem Blicke: "Sie tun ja, als ob Sie hier Herr im haus wären."

"Mein Auftrag geht dahin, reine Bahn zu halten", versetzte Hermann. "Ich hätte nicht übel Lust, den Oheim dem Neffen folgen zu lassen. Das ist auch etwas, worin wir die Wilden unleugbar übertreffen, dass wir uns an jemandes Tafel, Hohn und Schimpf im Herzen, niederlassen können."

Er wandte ihm den rücken und liess ihn stehen. Eine laute Fanfare von Trompeten und Pauken verkündete das Ende des dritten Teils, des Stechens nach dem Türkenkopfe, welches inzwischen vor sich gegangen war, und das Caroussel beschliessen sollte. Die Kavaliere waren abgestiegen und standen, des Danks gewärtig; die Pferde wurden von der Bahn geführt. Die Herzogin sass unruhig, eine Träne im Auge, da. Sie fürchtete, jeden Augenblick den Verlarvten wieder hervortreten, und sich mit unter die Dankbegehrenden stellen zu sehen. Sie wusste nicht, wer dieser Mensch sei, aber ihr weibliches Ahnungsvermögen sagte ihr, dass er ihr und ihrem Feste Schlimmes bedeute.

Hermann eilte, was er konnte, und trat atemlos hinter ihren Lehnstuhl. Er flüsterte ihr zu, dass der Störer entfernt sei, und nannte ihr diejenigen Edelleute, welche nach seiner Meinung sich am besten gehalten hatten.

Die Geschenke, bestehend in goldnen Pokalen, damaszierten Ehrendegen, prachtvollen Schärpen und kostbaren Ringen, wurden verteilt. Auch wer keinen Dank empfing, wurde doch mit einer zierlichen Schleife, welche die verschlungnen Namen des Herzogs und der Herzogin zeigte, geschmückt. Alles dieses geschah bei Pauken- und Trompetenschall im Namen der abwesenden Königin.

Die Versammlung erhob sich. Nach dem