gewesen, der Wächter schwieg und behielt den Schlüssel in der tasche. Da nun der Weg, wie wir ihn beschrieben haben, durchaus keine Umgehung gestattete, und der Wächter einigen Bedienten, die unter dem Balken durchkriechen wollten, um im schloss das Hindernis zu verkündigen, mit unzweideutiger Gebärde seinen Spiess vorhielt, so sah sich der ganze Reigen eine geraume Zeit lang in der seltsamsten Lage, und wie im Zustande des Banns vor einem verzauberten Kastell, bis es jenem gewandten Knaben glückte, vorbeizuschlüpfen.
Verdriesslich über die Dummheit des Wächters, entriss Hermann ihm den Schlüssel, machte am Schlage des vordersten Wagens den Damen schickliche Entschuldigungen und erbat sich einige berittne Diener, die er sofort nach den andern Schlagbäumen abfertigte. Wirklich war diese Vorsorge nötig gewesen, denn überall trafen die Boten auf die nämliche Szene. Die Wächter hatten sämtlich in der Überzeugung gestanden, dass an solchen Tagen eine buchstäbliche Auslegung der gesetz die sicherste sei, und nach diesem Grundsatze verfahrend, Ritter und Edelfrauen abgesperrt.
Überhaupt schien ein schalkhafter Kobold an diesem Morgen die Sinne der Menschen zu betören. Der so kluge und einsichtsvolle Haushofmeister hatte im Strudel seiner Geschäfte gänzlich vergessen, dass der eine Flügel schon von den frühzeitig eingetroffnen Besuchern erfüllt war, und in der Absicht, verwahrt zu halten, was nicht auf der Stelle benutzt werden sollte, die grosse tür desselben verschliessen lassen. Bei solchem Zudrange eine an sich löbliche Vorsicht!
Nun vernahm der Herzog, während Hermann bei dem Schlagbaume beschäftigt war, von der Seite jenes Flügels her, ein donnerartiges Getöse, schickte hin, und hörte, dass ein teil der Gäste dort ebenfalls versperrt sei, welcher sich mit trommelnden Händen und Füssen abmühe, Erlösung aus dem Kerker zu gewinnen. Der Haushofmeister war nicht gleich zu finden, und so mussten jene noch eine ganze Weile hinter Schloss und Riegel verharren.
Blitzschnell war Hermann vom Schlagbaume zurückgesprengt, und hatte dem Herzoge das dort Vorgefallne gemeldet. Dieser liess, um das Gedränge vor der Allee zu hindern, verschiedne Seitenwege durch Wiesen und Baumgärten öffnen. Auf einmal verwandelte sich nun die bisherige Einsamkeit in das Getümmel des regsten und buntesten Lebens. Durch die Allee, über Wiesen und Baumflecke von allen Richtungen her, rollten glänzende Equipagen, trabten geschmückte Reiter auf kräftigen oder zierlichen Tieren heran. Barette, Henriquatres, Sammetmäntel von allen Farben, Unterkleider von schneeweisser Seide, gelbe oder rote Stiefelchen, goldne Sporen hoben manche jugendliche Gestalt trefflich hervor. In den Wagen klopften die schönsten Busen unter Gold, Atlas, Spitzen und Stickerei, blitzten die anmutigsten Augen unter wehenden Reiherfedern, während ehrwürdige ältere Herrn und Damen in Silbergrau, Braun und Schwarz, gewissermassen den dunkeln Grund bildeten, auf welchem die Blumen des Festes wuchsen. Dazu die scharlachnen Hauptgestelle der Pferde, das weisse und rote Sielenzeug, die galonierten Livreen der Kutscher und Diener! Kurz, als auch die Flügeltüre ihre geputzten Gefangnen hervorgelassen hatte, als die Wege von den Herbeieilenden zurückgelegt worden waren, so gab es im Schlosshofe ein Gewimmel von Farben, Figuren, von Glanz und Schimmer, welches würdig zu beschreiben, eine geschicktere Feder, als die unsrige ist, kaum vermöchte. Abstechend nahmen sich gegen die Gestalten des Mittelalters freilich die neuen Uniformen der Offiziere, und die schlichten Röcke der Bürgerlichen aus, aber auch diese Kontraste erhöhten nur den mannigfaltigen Reiz des Anblicks.
Da die Zeit über die Gebühr vorgerückt war, so säumten die fürstlichen Personen nicht, im Gartenzelte zu erscheinen, als sie meinten, dass dort alles sich zusammengefunden haben würde. Bei ihrem Eintritte entstand ein fröhlicher Tumult; man drängte sich um sie, verneigte sich, begrüsste sie. Der Scharfblick der Herzogin hatte bald wahrgenommen, dass die Gattinnen und Töchter der Honoratioren aus der Stadt sich unter so vielem Sammet und so glänzender Seide in ihren weissen Batistkleidern etwas verlegen fühlten, während die Männer und Väter eher trotzig und herausfordernd vor den gleissenden Rittern standen. Mit bezaubernder Freundlichkeit wandte sie sich vorzugsweise an jene Frauenzimmer, und hatte wirklich in kaum fünf Minuten jeder eine Artigkeit gesagt, so dass alle, wie neugeboren, Luft schöpften.
Inzwischen bemerkte der Herzog den Oheim, der, grau gekleidet, mit Schnallenschuhn, wie er sich immer zu tragen pflegte, im Lesezimmer stand, und ein eifriges Gespräch mit einigen der prächtigsten Paladine führte, deren Geschäftsfreund er war. Sobald er konnte, ging der Fürst dortin. Der Kaufmann trat ihm einige Schritte entgegen und sagte bescheiden: "Es tut mir leid, dass ich von dieser Festlichkeit früher keine Kunde bekam, ich würde Ew. Durchlaucht sonst meinen Anblick erspart haben, der grade heute Denenselben nicht angenehm sein kann." – "Warum das!" versetzte der Herzog im besten Ton und reichte dem Kaufmann die Hand. "Jedes Ding hat seine Stunde. Heute das Vergnügen, morgen die Arbeit; auf beides bin ich gefasst." Trompeten schmetterten; ein Herold kam geritten und sagte folgenden Spruch her:
Die Bahn ist abgesteckt, die Fahnen wehn;
Wohlauf ihr Kavaliere reinen Bluts!
Wer einen Degen lässt zur Seite sehen;
Der gebe Zeugnis auch des Rittermuts!
Hierauf wurden die Damen wieder zu den Wagen geführt, die Herrn sahn nach ihren Rossen. Ein prächtiger Sechsspänner fuhr vor, in den der Herzog mit seiner Gemahlin sich setzte. Wilhelmi ordnete die Reihenfolge des Zugs. Die Bürgerlichen gingen zu Fuss voran. An einem Kreuzwege schwenkten die Carousselreiter ab. Alles war in der grössten Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Die kleinen Neckereien des Zufalls