, und würde gewiss den Kuss darauf geduldet haben, wenn Hermann einen solchen beabsichtigt hätte. Er rief ihn, Wilhelmi und den Arzt in einen Winkel, und sagte dort zu dem Hypochondristen vor diesen Zeugen: "Ich gedenke auch Ihnen in den nächsten Tagen ein Beispiel zu geben, dass ich nicht an Vorurteilen hafte, und vernünftige Neuerungen geschehen lassen kann. Nur muss alles im Wege der Reform vor sich gehen, und nicht auf tumultuarische Weise." – Wilhelmi nahm Hermann nach diesem Erlasse beiseite und sagte: "Er ist doch durch die Entdeckung der alten Rüstungen rein toll geworden. Wie wenig gehört dazu, um in beschränkten Köpfen das bisschen Vernunft gären zu so machen!" – "Ei lass ihn, Lieber!" versetzte Hermann. "Er sieht heute gar zu stattlich aus, und ist ein beneidenswerter Mann!"
Unbeschreiblich reizend war nämlich die Herzogin anzuschaun. Sie hatte mit feinem Sinne einen Putz gewählt, der, obgleich fremdartig und phantastisch, sich doch zu der modernen Kleidung ihres Gemahls harmonisch verhielt. Denn sie wusste wohl, dass dieser nicht zu bewegen sein würde, anders als in seiner eigentlichen Kleidung zu erscheinen. Als Hermann zu ihr trat, sagte sie ihm leise und angelegentlich: "Wir werden Sie nach diesen unruhvollen Tagen noch einige Zeit in der Stille und Einsamkeit hier behalten? Nicht?"
Man wiederholte in diesem vertrauten Kreise die Ordnung des Tages, wie sie beobachtet werden sollte. Die Einladungen waren auf die Mittagsstunde gestellt worden. Auf dem Georginenplatze, den aber jetzt Schneebälle, Lilien und Maienrosen schmückten, hatte man ein geräumiges Gartenzelt errichtet, unter dem sich die Gesellschaft versammeln sollte. Das Lesekabinett war mit seinen anstossenden Räumen gleichfalls geöffnet worden, damit für jeden Platz und Freiheit bleibe. Eine Seitenverwandte des Hauses, die man Gräfin Teophilie nannte, sollte die Honneurs machen, bis die fürstlichen Personen eintreten würden. Man hatte sie zu diesem Zwecke ausdrücklich kommen lassen. Herzog und Herzogin wollten erst sichtbar werden, wenn alles versammelt wäre. Nach den Bewillkommnungen sollte ein Herold zu Pferde vor dem Zelte erscheinen und das ritterliche Spiel ankündigen. Man hatte die ungefähre Dauer des letzteren berechnet und die Tafelstunde danach auf vier Uhr nachmittags festgesetzt. Gespeist sollte im Ahnensaale werden, wo ein Hufeisen für vierhundert Personen gedeckt war. Um sechs Uhr sollte das Mahl zu Ende sein, und jeder nach Belieben sich umtun dürfen. Als heitre Zwischenunterhaltung waren für diesen Zeitpunkt die Ergötzlichkeiten der Leute, das Scheibenschiessen, der Hahnenschlag, das Klettern, und was sonst noch daran gereiht war, bestimmt. Im Ahnensaale war unterdessen aufzuräumen, zu erleuchten und alles für den Ball herzurichten, der dort Schlag acht Uhr beginnen sollte.
Jeder der Anwesenden hatte seinen Auftrag; was um so nötiger war, da man, um auch den Leuten möglichst viel Vergnügen zu gönnen, nur den unentbehrlichsten teil der Hausdienerschaft zur Aufwartung beibehalten und den übrigen erlaubt hatte, an den Volkslustbarkeiten teilzunehmen. Man hatte deshalb von den umliegenden Gütern sich eine Menge fremder Menschen erbitten müssen, deren Dienste immer nicht so zuverlässig erschienen, als die der eignen, vollkommen regelrechten Livree.
Wilhelmi übernahm es, den Wagenzug vom Gartenzelte nach dem Turnierplatze zu ordnen, der Arzt wollte für Aufrechtaltung des Ballreglements sorge tragen; was Küche und Keller betraf, so konnte man sich in dieser Hinsicht auf den Haushofmeister verlassen, der ein sehr sichrer, gewandter Mann war. Hermann endlich hatte sich das im stillen wirkende Amt des Ordners bei dem Festspiele selbst erbeten.
Unter diesen Besprechungen war es Mittag geworden, und man konnte die Gäste erwarten. Verlangend sahen Herzog, Herzogin und die bei ihnen im Audienzsaal Verbliebenen nach der Allee vor den Toren des Schlosses, in welche sämtliche Wege, die zu demselben führten, einmündeten. Nichts erschien, nur die Stäubchen wehten im Sonnenscheine. Die roten und gelben Fahnen mit den Wappen des Herzogs, auf den Spitzen der Pavillone, flatterten über den Stauden des Parks, Trompeten und Pauken liessen sich von dort hin und wieder in ungeduldigen Fanfaren hören, am Gartenzelte harrten der Haushofmeister und die Dienerschaft mit den bereiteten Erfrischungen, aber kein Wagen, kein Reiter, kein Fussgänger wollte erscheinen, Strasse, Hof und Park waren wie ausgestorben.
Nachdem man so länger als eine Stunde vergebens gewartet und alle Möglichkeiten in Vermutungen über den Grund dieses auffallenden Zögerns erschöpft hatte, sah man plötzlich einen bunten Jockei atemlos und bestürzt auf den Hof gelaufen kommen. "Zu hülfe!" rief der Knabe, "wir können nicht hinein! Auch ich habe mich nur mit genauer Not so durchgeschlichen."
Auf der Stelle stieg Hermann zu Pferde, und ritt dem Knaben nach, der den Weg einschlug, auf welchem die meisten der Besuchenden kommen mussten. Dieser Weg lief zwischen hohen Erdwänden hin, und war, etwa eine kleine halbe Stunde vom schloss, durch einen der Schlagbäume gesperrt worden. An letzterem nahm nun Hermann das lächerlichste Schauspiel wahr. Jenseits des Schlagbaums hielt eine unabsehliche Reihe von Wagen und Reitern, von denen die vordersten mit heftigen Reden die Erhebung des Balkens begehrten; diesseits stand der Wächter, unbeweglich, ungerührt, und drehte der ganzen Gesellschaft den rücken zu.
Bald hatte Hermann die Erklärung dieses Auftritts vernommen. Der Wächter hielt sich streng an seine Instruktion, welche ihm verbot, Leute von fremdartigem Ansehn durchzulassen. Er meinte, die Worte des Befehls auch auf den Zug der Eingeladnen anwenden zu müssen, von denen die meisten in ungewöhnlichem Anzuge erschienen. Vergebens waren alle Deutungen und Bedeutungen