und Paris mich in die bewegten Wogen grosser Völker gestürzt hatte, musste ich nun mit erheucheltem Ernste protokollieren und expedieren über Dinge, die selten des Federzugs wert waren. Anfangs, solange mir die Handgriffe noch neu waren, trieb ich die Sache wie einen mechanischen Scherz, bald aber ergriff mich die furchtbarste Langeweile, und ein unergründlicher Ekel an meinen Tagen, welche sich in diesem trocknen Nichts dürr und farblos verzettelten. Das altweiberhafte Helfenwollen, wo die natur schon immer für die hülfe gesorgt hatte, das Bevormunden von Menschen, welche gewöhnlich klüger waren, als die Herren Vormünder, dieses norddeutsche Vielgeschrei und Vieltun! Die unendlichen, müden Sessionen! Kein blick aus der quetschenden Grube in die lichte Tageshelle des Geistes, alles umbaut mit Kabinettsbefehlen, Paragraphen, Instruktionen, Akten, Tintefässern, Sandbüchsen! Mir war in dem Getreibe zumute, wie in einer ewig klappernden und sausenden Mühle; nur das Mehl sah ich nie, welches zu gewinnen, so viele Räder sich abarbeiteten. Zum ersten Male in meinem Leben war ich unglücklich, und als ich das recht empfunden hatte, fragte ich mich: 'Warum bist du es denn?' – Da tat ich mit beiden Füssen einen grossen Schritt in die Freiheit, und als ich die Tore der Marterstadt hinter mir hatte, jauchzte ich laut, wie Orestes, als die Furien von ihm abliessen, und – ich schäme mich des Bekenntnisses nicht – ich habe mich zu Boden geworfen, und habe die grüne Erde geküsst, der ich nach der Fahrt durch ein wüstes Papiermeer nun erst wieder anzugehören glaubte. Nein, Ew. Durchlaucht, ich bin nicht mehr Referendarius! Ich überlasse das Metier den geistigen Nihilisten, deren ganzer Stolz darin besteht, eine Sache mehr abgemacht und aus der Welt geschafft zu haben, während der geringste Handwerker sich freut, ein sichtbares Produkt von seiner hände Arbeit in die Welt setzen zu können."
Hermann trocknete von der Stirne den Schweiss ab, in welchen ihn diese leidenschaftliche Herzensergiessung versetzt hatte. Der Herzog strich mit einer leichten Bewegung der Hand ihm über die Achsel, als wolle er da etwas wegwischen. Betroffen sah Hermann nach der Stelle hin; er wusste nicht, was die Gebärde bedeuten sollte. "Beruhigen Sie sich", sagte der Herzog. "Es kam mir nur so vor, als sei da noch etwas Asche von den Feuern der Wartburg sitzen geblieben!"
Siebentes Kapitel
Inzwischen hatten sich andererorten im Gastofe wichtige Ereignisse zugetragen. Der Wirt war nämlich nicht so bald innegeworden, dass sein verachteter Gast bei dem Herzoge speise, als er zu seiner Frau sagte, dass man einen solchen Herrn unmöglich auf Nummer zwölf lassen könne. Nun war aber guter Rat teuer, denn zwischen Vormittag und Nachmittag hatte sich neuer Besuch eingefunden, so dass jetzt wirklich kein Zimmer mehr leer stand. Endlich schlug die Wirtin vor, die
Kammerjungfer der Fürstin nach Nummer zwölf zu verweisen, und Hermann dagegen die von ihr bewohnte Nummer Vier zu geben.
Wo es Ungerechtigkeiten und Schelmenstücke galt, war der Wirt mit seiner Gattin immer einverstanden. Die Jungfer war, um nach ihrem Anfalle frische Luft zu schöpfen, spazierengegangen. Die redliche Wirtin unternahm es, ihr bei der Rückkunft vorzuspiegeln, dass die Decke in Nummer Vier eingestürzt sei, und dass dieser Umstand eine Quartierverändrung notwendig gemacht habe.
Als Hermann vom Herzog kam, wurde er vom Wirt mit vielen Kratzfüssen nach seinem neuen Zimmer, welches sich in einem Nebenhause befand, geführt. Er freute sich der reinlichen wohnung und des Blicks nach hinten hinaus über grüne Wiesen. Aber leider sollte dieser ruhige Besitzstand bald gestört werden.
Denn er hatte kaum einige Minuten dort zugebracht, als er auf der Treppe ein heftiges Gezänk hörte. Die Jungfer war in den Gastof zurückgekehrt, hatte von der Wirtin die Umquartierung vernommen und Nummer zwölf besichtigt. Der Anblick dieses schauderhaften Gelasses setzte sie bei ihrer cholerischen Gemütsart in einen grossen Zorn. Über den Hof streichend, fand sie die Wirtin an der kleinen Treppe im Nebenhause, und überschüttete die Frau mit einer Flut von beleidigenden Worten.
Hermann riet dem Wirte, den er gern loswerden wollte, hinunterzugehn, und seiner Frau beizuspringen. Der Wirt blieb aber, machte ein ängstliches Gesicht, und rief, indem er an den Nägeln kaute: "Wir haben den Skandal hier oben noch früh genug!"
Diese Besorgnis war nur zu gegründet. Denn alsobald betraten beide Frauenzimmer die stube, die Jungfer, mit Händen und Füssen vorwärtsstrebend, die Wirtin, vergeblich bemüht, sie am Rocke zurückzuhalten. Jene hatte sich mit eignen Augen überzeugen wollen, ob die Decke in Nummer Vier wirklich eingestürzt sei. Da sie nun sah, dass dieselbe so heil war, wie ein neugebornes Kind, so erstarrte sie anfangs über die Tücke der Wirtsleute zu einer stummen Bildsäule. Dann aber brach ein solcher Schwall von Verwünschungen aus ihrem mund, dass man sich nur wundern muss, wie das Haus stehnbleiben konnte. Sie beschränkte sich nicht auf die eigentlichen Übeltäter, sondern ging bald auch zu Schmähungen unsres Freundes über. Dieser, gescholten, er wusste nicht, weshalb, fragte nach der Reihe herum, was denn der ganze Auftritt bedeuten solle? Aber keiner gab ihm Antwort. Die Kammerjungfer schrie, in die Höhe deutend: "Ist da etwas eingestürzt?" Der Wirt schrie: "Bedenken Sie, dass ich Ihr heute morgen die Daumen aufgebrochen habe!" – "Ist dieses der Dank dafür, dass Sie uns das Bett zerrammelt hat?" schrie