1837_Schopenhauer_092_95.txt

darauf hochanschwellend, ihm Luft und Atem rauben zu wollen. In der peinlichen Überraschung, in welche dieses seltsame Zusammentreffen ihn versetzt hatte, wusste er nicht mehr das innere Gefühl, das ihn übermannte, von bloss physischem Schmerze zu unterscheiden. Was so am Herzen ihm nagte, waren die giftigen Bisse der Schlange des Argwohns, des Misstrauens, die Sergius mit lachendem Mute, absichtlich oder unabsichtlich hinein geworfen hatte. Sollte, musste er dem Glauben an den Mann entsagen, zu welchem er von Jugend auf gewöhnt war, wie zum Schutzgeiste seines Lebens hinauf zu blicken? Konnte Andreas mit dem Jünglinge, den er Sohn nannte, wirklich ein unwürdiges Spiel treiben, während er einen Sergius in den geheimsten Rat seiner Seele eindringen liess? Es war unmöglich, und doch, sprach nicht der Augenschein dafür?

ängstlich sah er nach hülfe in dieser Seelennot sich um, nach Rettung vor den Zweifeln, die sein besseres Gefühl verwarf, und die doch unabwendbar sich ihm aufdrängten. Nur einer, ausser seinem lang entbehrten Freunde Eugen, lebte auf Erden, der im stand gewesen wäre, ihn hier gegen sich selbst in Schutz zu nehmen, seinen wankenden Mut zu stärken, das unerklärlich Scheinende zu erklären, die fein gesponnene List, die ihn umgarnen sollte, an's Licht zu ziehen, und ihn zu lehren Lüge von Wahrheit zu unterscheiden: Graf Stephan!

Zu ihm eilte er ohne Säumen; Walter hatte ihn kommen sehen und trat ihm unten an der Treppe entgegen. Zu eigner höchster Beschämung musste der Anblick des kummerbleichen, treuen Dieners an die erhöhten Leiden der Gräfin ihn erst erinnern, an die er über Alles was in den letzten Stunden über ihn herein gebrochen, nicht mehr gedacht.

Ich wusste wohl dass Sie heute Morgen nicht ausbleiben würden; die Wahrheit zu gestehen, ich erwartete sie schon früher: rief Walter ihm entgegen.

Sie lebt? fragte Richard ängstlich hastig.

Noch lebt sie, und kann nach dem Ausspruche der Ärzte noch viele Tage, ja selbst wochenlang in diesem qualvollen Zustande der Erlösung harren: war die Antwort. O beten Sie mit mir zu Gott, dass er bald ende! mein unglücklicher Herr möchte sonst noch vor ihr seinem unsäglichen Jammer erliegen! Wenn Sie jetzt ihn sähen, Sie würden ihn nicht wieder erkennen.

Ich muss ihn sehen, o lass mich zu ihm, bat Richard: ich will in die Pflege der geliebten Kranken mich mit ihm teilen, mit ihm weinen, mit ihm klagen; doch sehen, sprechen muss ich ihn, und ich weiss es tut ihm wohl, wenn er es gleich nicht glauben mag.

Richard wollte an Walter vorbei eilen, doch dieser hielt ihn abermals zurück: Ich darf, ich kann es nicht zugeben, sprach er bittend aber entschlossen. Das Verbot meines Herrn muss in seinem Elende mir heilig sein, seinen Befehlen gehorchen ist ja leider alles was ich für ihn tuen kann, habe ich doch sogar vor kaum einer Stunde den Fürsten Andreas abweisen müssen.

Andreas! er war schon hier? rief Richard sehr überrascht.

Er wollte nur noch einen Besuch machen und dann wieder kommen, war die Antwort: ich sollte unterdessen alles anwenden, um ihm Zutritt zu meinem Herrn zu verschaffen, doch sehe ich dazu keine Möglichkeit vor mir, er hört, er empfindet nichts alsdem armen Walter brach die stimme, er konnte nicht vollenden.

Ach Gott, es ist doch aber auch zu viel! das Leiden ist zu gross! setzte er schluchzend noch hinzu: Tag und Nacht liegt der Graf vor dem Sterbebette, auf dem Boden, für alles andre gefühllos; sogar die Nachricht von der Ankunft des Fürsten, seines ältesten Freundes, machte keinen Eindruck auf ihn. Er kommt! Er kommt! dort die Strasse hinauf: rief Richard freudig, und stürzte hinaus, dem Wagen des Fürsten entgegen: dieser hielt, der Kutschenschlag wurde aufgerissen, Richard sprang hinein. Im engsten raum der verehrten Gestalt seines väterlichen Beschützers gegenüber, wichen Argwohn, Misstrauen, alle jene gehässigen Empfindungen, welche Sergius diesen Morgen in ihm zu erwecken gewusst, aus Richards Herzen. Nur unbeschreibliche Freude des Wiedersehns nach so langer Trennung erfüllte es ganz. Auch der Fürst empfing ihn, wie ein Vater den lange entbehrten geliebten Sohn; drückte umarmend ihn an die Brust, streichelte liebkosend seine lichten Locken und lobte den klugen Einfall, ihn gleichsam so im Fluge aufzufangen; denn, sprach er lächelnd, an ein ungestörtes, wirklich genussreiches bei einander Sein, ist für uns sobald noch nicht zu denken. Doch lass den ersten Tumult nur geduldig vorüberstürmen; unsre Zeit wird auch kommen, wenn erst alles Wichtige und Unbedeutende beseitigt ist, das im wunderlichsten Durcheinander mich kaum zu mir selbst kommen lässt.

Jetzt nahte auch Walter; sehr bewegt vernahm Andreas seinen Bericht, drang nochmals ernstlich aber vergeblich darauf, Zutritt bei seinem Freunde zu erhalten, und setzte endlich, nachdem er Richard aus dem Wagen steigen lassen und ihm zugerufen, sich ja zur Mittagstafel einzustellen, seine pflichtmässige Visitenreise durch Petersburg fort.

Der heutige Tag war und blieb für Richard ein den widersprechendsten Gefühlen Preis gegebener, an welchem Freud und Leid sich wunderlichst durchkreuzten. Jede Stunde desselben schien etwas Neues bringen zu wollenam Ende löste doch alles in Nichts sich auf, und während Richard ungewöhnlich viel zu erfahren und zu erleben meinte, blieb es im grund doch beim Alten.

Dass er unter solchen Umständen es nicht bis zur Langenweile bringen konnte, ist wohl leicht zu