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geworden sein mag, erhält er sich doch durch seine überwiegende Geisteskraft in der Oberherrschaft über die Gemüter.

Der furchtbare Bund existirt nach wie vor; von Statuten, durch welche er zu einem Ganzen sich organisiren soll, ist kaum mehr die Rede; man ist des faden Spiels damit überdrüssig geworden. Die Mitglieder zerfallen jetzt in zwei Teile, in Adhérans und Croyans, Anhänger und Gläubige; im grund sind's Namen für eins und dasselbe, einer davon gilt so viel als der Andre. Getrieben von unsäglicher Unruhe, unfähig den Zustand von Ungewissheit, Zweifel, banger Erwartung, in dumpfer Untätigkeit länger zu ertragen, entschloss Richard sich zu dem Versuche, alte Verbindungen, vor denen er im inneren seines Herzens zurück schauderte, scheinbar wieder anzuknüpfen; so viel dieses nämlich, ohne sich zu tief einzulassen, möglich war. Es schien ihm der einzige Weg, nicht ganz in Blindheit befangen, dem Verderben entgegen zu gehen; das Unternehmen war nicht leicht, aber von den Umständen begünstigt, gelang es über alle Erwartung.

Richard besuchte die eigentlichen Bundesversammlungen nicht, liess weder als Gläubiger noch als Anhänger sich aufnehmen, gab sich aber das Ansehen, als ob bei seinen bekannten früheren Connexionen dieses ganz überflüssig wäre. Er mischte sich unter seine alten Bekannten, nahm mit so viel scheinbarer Unbefangenheit an ihren Privatzusammenkünften, an ihren Gesellschaften, sogar an ihren oft an wilde Ausgelassenheit streifenden Gelagen teil, als habe nur zufällige Abwesenheit ihn eine Weile von ihnen entfernt gehalten. Und wo er anklopfte, wurde ihm aufgetan; überall wo er sich zeigte, fand er unbedingt freundlichen Empfang.

Auch jetzt, eben wie ehedem, bestand die grössere Anzahl der Verschworenen aus jungen Leuten, welche mit dem ihrem Alter eignen Unbedachte in diese gefährliche Verbindung sich hatten hineinziehen lassen, und darin verharrten; Richards gesellige Eigenschaften machten seinen Umgang ihnen wünschenswert, Yakuchin hatten sie über neuere Ereignisse längst vergessen. Doch leider waren sie auch allmälig daran gewöhnt worden, Dinge gleichgültig anzuhören, gegen welche früher ihr besseres Gefühl sich mächtig empört hatte. Selbst in ihren Privatzirkeln fanden jetzt oft genug Debatten statt, die man sonst unter Pestels Vorsitz nur bei geschlossenen Türen und mit der grössten Vorsicht im Rate der Alten zu halten wagte. Wahrscheinlich aber sahen die meisten der jungen Leute nur gelegenheit zu hochtönenden Reden darin, wie sie zur Zeit ihrer Väter beim Anfange der Revolution in Paris gehalten worden waren, und blieben weit davon entfernt, den furchtbaren Ernst sich zu denken, der darunter verborgen lag.

Was Richard den Tag über auf diese Weise erspähte, trug er Abends dem Grafen Stephan vor; beide sassen oft bis zum Anbruche des Tages beisammen und wurden immer trostloser, je länger sie über die Möglichkeit hier Rettung zu finden sich besprachen. Das nächtliche Dunkel das sie umgab, verdichtete sich zu immer schwärzeren Schatten; täglich wuchs die wahnsinnige Wut der Häupter der Verschworenen, und unverhüllt trugen sie in ihren Versammlungen sie zur Schau. Alle ihre Gedanken waren auf Mord und Verderben gerichtet. Vieles was sie ersannen, gränzte durch unausführbaren Unsinn an das Lächerliche, aber es verfehlte dennoch nicht, auf die leicht verführbare Jugend den gewünschten Eindruck zu machen. Hingerissen von dem rhetorischen Pompe, in welchem diese Erzeugnisse einer zu völliger Unnatur verwilderten Phantasie vorgetragen wurden, gestalteten die Gesinnungen sich immer verkehrter, bis Alle zuletzt völlig damit einverstanden waren, vor keiner Untat mehr zurückzubeben. Ruhig und gelassen im Äussern, wenn gleich innerlich schaudernd, stand Richard zufällig in einer nicht sehr zahlreichen Versammlung, in welcher Wut, Unsinn und Mordlust den höchsten Gipfel erreicht zu haben schienen, neben Sergius. Kennst Du den? fragte Sergius leise, und wies auf eine auffallend lange, hagre Gestalt, welche gleich bei ihrem Eintritte in die Versammlung von den Bedeutendsten unter den Anwesenden umringt wurde.

Ich sah ihn oft, ohne jedoch seine nähere Bekanntschaft zu machen, oder auch nur seinen Namen zu erfahren; das letzte Mal traf ich ihn auf dem grossen Maskenballe in einer geschlossenen Gesellschaft, in welche Lunin kurz vor seiner Abreise mich einführte; erwiderte Richard, der, um seinem Beobachtungssysteme unbeargwohnt folgen zu können, sich gern das Ansehn gab, als ob er mit Lunin und andern dieses Gelichters im besten Vernehmen stünde.

Der ist der Mann, sieh ihn nur recht darauf an, der wird ausführen, wozu Dein Narr Yakuchin nicht taugte, der, Gott weiss wie, mit seinem sentimentalen Wahnsinne uns Alle aus der Fassung brachte; flüsterte Sergius noch leiser. übrigens, fuhr er fort, war es gut dass es damals so kam, wie es gekommen ist, und ich selbst, wie Du Dich erinnern wirst, trug nicht wenig dazu bei. Es war noch nicht an der Zeit, obgleich Pestel von Ehrgeiz geblendet es meinte. Jetzt haben die Umstände sich verändert; was damals nur keimte, reift jetzt als Frucht der Ernte entgegen.

Richard war unfähig ein Wort zu erwiedern, kaltes Entsetzen durchrieselte ihn.

Dass Du den verrückten Schwächling so geschickt aus dem Wege zu bringen wusstest, Brüderchen, war ein Meisterstreich von Dir und Deinem Alten, den selbst Pestel und wir Alle Euch beiden, Dir und Andreas, hoch anrechnen, darauf verlass Dich; zu seiner Zeit sollst Du Beweise davon erhalten; fuhr Sergius, ganz zutraulich geworden, fort. Jener Mann ist übrigens der Kapitain Yakubowitsch, von dem Du schon gehört haben wirst; ein Charakter, der alten Römerzeit würdig, ein zweiter Brutus, wenn es jemals einen zweiten geben kann. Cäsars "auch