Der Bund schien wirklich aufgelöst; selbst Andreas konnte damals glauben er sei es, und mit gutem Gewissen zu Deiner Beruhigung Dich davon zu überzeugen suchen.
Er selbst aber konnte nicht rasten noch ruhen; der Wahn, der mich elend machte, beherrscht ihn noch bis zu diesem Augenblicke nicht minder mächtig als er mich beherrscht hat, bis Alles unter mir zusammen brach. Andreas will auf seine edlere Weise vollenden, was wie er hofft Pestel nicht mehr vollenden kann; er hält ihn für wehrlos, für vernichtet, und wird dereinst furchtbar aus diesem Irrtume erwachen.
Bis jetzt hat das Glück ihm freilich noch nicht den rücken gewendet wie mir. Sein reiferes Alter, seine Umsicht, seine Erfahrung, haben ihn vor Fehlgriffen bewahrt, die ich beging. Noch lebt Eudoxia in blühender Gesundheit; seine in Jugendkraft und Schönheit herangewachsenen Söhne und Töchter sind die Zierde und der Stolz seines edlen mächtigen Hauses, während ich – –
Stephan verstummte; vom gerechtesten Schmerze übermannt, vermochte er nicht das Gespräch fortzusetzen. Im Vereine mit einigen wenigen der eifrigsten, und zugleich wohlgesinntesten, der Mitglieder des jetzt angeblich erloschenen Bundes der ächten Kinder des Vaterlandes, war es dem Fürsten Andreas und mehreren seiner Vertrauten wirklich gelungen, unter dem Namen eines Bundes für das allgemeine Wohl eine neue Verbindung zu errichten, die unbemerkt immer weiter und weiter sich verbreitete.
Läge es irgend im Reiche der Möglichkeit, das hohe Ziel, das sie sich gestellt, auf solchem Wege zu erreichen, so würde diese Verbindung gewiss den schönen Namen, den sie sich gewählt hatte, vollkommen verdient haben; aber ihre Stifter vergassen in ihrem Eifer, dass man nicht an einem und dem nämlichen Tage säen und ernten kann; sie bedachten nicht, dass allgemein verbreitete Aufklärung unter dem volk nur sehr allmälig durch Lehre und Beispiel herbeigeführt werden kann, und dass eine bedeutende Reihe von Jahren dazu gehört, ehe die Folgen einer verbesserten Erziehung in der heranwachsenden Generation merkbar werden.
Hingerissen von Plan zu Plan, wollten sie alles was sie für nützlich und wünschenswert achteten, mochte es sich auch unter einander noch so sehr widersprechen, auf einmal bewirken; sie wollten den Einfluss der Fremden abwehren, Liebe zum Nationellen verbreiten, und zugleich mit dem Leben des Volkes seit grauer Vorzeit enge verwachsene Ansichten und Gebräuche abschaffen; sie wollten allen Monopolen sich widersetzen, und zugleich Kunstfleiss befördern. Ihr Verbesserungssystem dehnte nach allen Seiten sich hin und führte, zum teil ihnen selbst unbewusst, sie endlich zurück auf den alten Punkt, der nur zum Umsturze alles Bestehenden, und zugleich zu ihrem eignen Verderben sie leiten musste.
Pestel, der seinerseits während der Zeit auf andrem Wege auch nicht untätig geblieben war, und dabei was ausser seinem Bereiche vorging nie aus den Augen verlor, fing allmälig an, sein altes Ansehen unter den Verbündeten wieder zu gewinnen, Um ihm kräftig entgegen zu arbeiten, trat jetzt Andreas, von den Bessergesinnten seiner Partei unterstützt, wirklich mit dem Vorschlage auf, den Kaiser um seine Bewilligung zur Errichtung dieses neuen Bundes anzusprechen; aber die Mehrzahl der Stimmen erhob sich mit gewaltigem Übergewichte laut dagegen. Die Lust, selbst das Regiment zu führen, war von neuem erwacht; man beriet sich in einzelnen, mehr oder minder zahlreichen Zusammenkünften, über die Nachteile und Vorzüge der verschiedenen Regierungsformen, und, wie das unter solchen Umständen immer der Fall ist, die republikanische trug den Preis davon, weil auch der Unbedeutendste unter den Verbündeten am liebsten sich selbst als Dictator auf dem Trone gesehen hätte.
Und von neuem wagte Pestel Äusserungen, halb ausgesprochne Worte, als Einleitung zur Ausführung grässlicher Untaten; die Meisten empörten laut sich dagegen; was Andre heimlich beschlossen, ist wenigstens noch nicht bekannt geworden, aber das Ärgste steht dennoch zu erwarten. Abermals scheint zwar für jetzt der Bund gelöset in sich selbst zu versinken, lebt aber dennoch, gleich dem im Gebälke des Palastes zu Kopenhagen fortglimmenden Funken, fort, um im nächsten günstigen Augenblicke mit verdoppelter Wut hervorzubrechen, und das Werk der Zerstörung zu beginnen.
So, mein Bruder, so steht es jetzt um die Sicherheit unsres geliebten heiligen Vaterlandes! sprach, Stephan zu seinem, vor Entsetzen sprachlos ihm zuhörenden Freunde, nachdem er in einer ruhigeren Stunde ihm weitläuftiger alles dieses aus einander gesetzt hatte. Wir alle leben über dem Krater eines Vulkans, fuhr er sehr bewegt fort: still und heimlich wütet unter unsern Füssen die Hölle; wann und wo sie die dünne Decke sprengen wird, die jetzt noch vor ihrer Wut uns schützt, müssen wir erwarten. Wie freudig ich mein Leben hingäbe, um die uns drohende Gefahr abzuwenden, schäme ich mich nur zu erwähnen; das Opfer das ich damit brächte ist der Erwähnung nicht wert; aber verzweifelnd stehe ich da, und weiss weder hülfe noch Rat. Den einzigen Weg dazu verschliesst mir jener fürchterliche Eid, der uns Alle fesselt. Ich kann meine unsterbliche Seele nicht opfern, ich kann, ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, alle meine geliebten Verlornen dort oben wieder um mich versammelt zu sehen! setzte er in heftigster Bewegung hinzu.
Mit jedem Tage wächst die uns drohende Gefahr, nahm Graf Stephan nach einiger Zeit wieder das Wort; unsre Freunde, Andreas wie Eugen, wandeln in unseliger Verblendung am rand des Abgrundes, in welchem sie ein Paradies erbauen zu können wähnen, und Pestel, dieser Unheil brütende Dämon, führt wieder das Ruder. Zwar hat er das allgemeine Vertrauen, durch das er mächtig wurde, grösstenteils verloren; doch so verhasst er