zu geberden, als habe der allmächtige Regierer der Welten uns zu seinen Stattaltern auf Erden eingesetzt? Ach ich möchte im Gefühle der schmerzlichsten Reue auf offnem Markte hintreten, alle meine Wunden aufdecken, und laut rufen: so weiss der Himmel weltklugen Vorwitz zu strafen! Alle Zeit, die seine übrigen Verhältnisse ihm frei liessen, widmete Richard jetzt seinem unglücklichen Freunde; ihn zu trösten konnte ihm nicht einfallen, jeder Versuch es zu wollen, würde sogar als Verhöhnung des gerechtesten Schmerzes mit Widerwillen zurück gestossen worden sein; aber Stephan hörte doch auf, ein trauriges Spiel mit den äussern Zeichen desselben zu treiben. Er gewöhnte sich sowohl das Licht der Sonne als den Wechsel, den Stunden und Tageszeiten im gewöhnlichen Gange des Lebens herbeiführen, wieder zu ertragen; und war zuletzt eben so sorgfältig bemüht, jeden Anstrich von Sonderbarkeit zu vermeiden, als er vorher ihn zu suchen geschienen.
Oft, wenn lebhafter erregte, trübe Erinnerungen vergangener zeiten, oder heftigere Schmerzen der still duldenden Gräfin, den Schlaf von Stephans Lager verscheuchten, fand der anbrechende Tag beide Freunde noch bei einander. Richard war sehr verwundert als er bemerkte, wie der Graf sich eifrig bemühte, ihn aus den Schlingen jenes gefährlichen Bundes loszumachen, denen er längst entronnen zu sein meinte, und an den er, ohne das letzte Zusammentreffen mit Lunin, kaum noch gedacht haben würde.
Wozu, ich bitte Dich, fragte er eines Abends, nachdem Stephan ihm umständlich dargestellt, wie er es angefangen, um von jener Verbindung sich los zu sagen, wozu aber alle diese Weitläuftigkeiten? dieses Zusammenberufen des Rates der Alten? diese feierliche Erklärung Deines Entschlusses, aus dem Bunde auszutreten, der damals schon aufgelöst war? Und sollten auch jetzt, wie es beinahe den Anschein haben will, einige Überbleibsel der alten zerstückelten Schlange sich wieder regen, von diesen haben wir nichts mehr zu befürchten; das zertretene Ungeheuer zerfällt in Nichtigkeit, es wird uns nicht wieder umklammern.
Zum Beweise seiner Behauptung teilte er dem Freunde den Inhalt jener letzten merkwürdigen Unterredung mit dem Fürsten Andreas mit. Jedes Wort derselben hatte seinem Gedächtnisse sich zu tief eingeprägt, als dass er nicht hätte im stand fein sollen, dieses fast wörtlich zu tun.
Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Graf Stephan, ohne ihn zu unterbrechen, ihn an, und schien eine Weile in tiefes Nachdenken zu versinken.
Nein, sprach er endlich, es ist unmöglich, ich kann den Glauben an Andreas nicht verlieren; er ist zu gross, zu stolz, zu rechtlich, um an die Möglichkeit absichtlicher Täuschung bei einem charakter zu denken, dessen Fehler edler sind als die Tugenden vieler Andrer. Er will das Rechte und Gute, aber leider nicht immer weil es das Rechte und Gute ist, sondern weil er es nun einmal will, mit aller Kraft seines unbeugsamen Gemütes es will; und diese Unbeugsamkeit konnte uns Allen, und wird, wie ich leider fürchten muss, dereinst ihm selbst zum Verderben gereichen.
Ich behaupte nicht er wollte Dich irre führen, nein, mein Bruder, davor behüte mich Gott! ich bin überzeugt, dass er das nicht wollte; aber sein eingewurzelter, durch glühende Eifersucht genährter Hass gegen Pestel, bei weniger edlen Naturen dürfte man wohl Neid es nennen, hat in diesem Falle ihn selbst irre geführt.
Hoffen was wir wünschen, und dieses Hoffen bis zur gewissesten Erwartung sich steigern lassen, liegt uns ja so nahe, ist so innig mit unserer natur verflochten, dass selbst ein so starker charakter wie der des Fürsten Andreas, dieser Schwäche unterworfen sein muss. Daher der ungeheure Zwiespalt in seinem Wesen, der oft ein ganz falsches Licht auf ihn wirft. Er liess Dich glauben, der Bund sei aufgehoben, weil er selbst sich bemühte zu denken, dass dem so sei, obgleich in einem geheimen Winkel seines Herzens die Überzeugung des Gegenteils lauerte. Ich weiss nicht recht wie ich Dir begreiflich machen soll, wie ich es meine; ich kann Dir nur sagen, Andreas ist eine jener Zwitternaturen, die zwar eins mit sich selbst scheinen, in deren Innerm aber ein ewiger Zwiespalt herrscht. Nur dies noch zum Beweise: Dich versicherte er, der Bund sei aufgehoben; ich bin fest überzeugt, gewissermassen glaubte er es damals selbst; und weisst Du wo er, wo Eugen jetzt sind? Wo beide, wenige Wochen nach Deiner Abreise sich hinwandten? und was noch jetzt, in dieser Stunde, sie festält? Sie bereisen auf verschiedenen Wegen, von einander getrennt, die südlichen Provinzen, um für den neuen Bund, den sie errichten wollen, und der doch, obgleich anders genannt, nur der alte ist, Proselyten zu werben.
Es ist nicht, es kann nicht sein! es ist nicht! rief Richard todtenbleich.
Es ist so, erwiderte Stephan sehr lebhaft; lass mich versuchen, das unerklärlich Scheinende Dir deutlich zu machen.
Andreas fühlte von jeher Pestels grosse Überlegenheit, ohne sie anders als ganz heimlich sich selbst eingestehen zu wollen. Die durch überwiegende Klugheit und Alles beseitigende Verachtung dessen, was andern heilig ist, gewonnene Oberherrschaft dieses Verruchten, war dem edlen Fürsten eben so furchtbar als verhasst Öffentlich gegen ihn aufstehen konnte und wollte er nicht, aber all' sein Sinnen und Trachten ging dahin, der usurpirten Obergewalt des gefährlichen Führers ein Ende zu machen, und wo möglich die Zügel selbst zu ergreifen. Yakuchins allgemeines Entsetzen erregende Erscheinung in jener, durch meine törichte Leichtgläubigkeit herbeigeführten nächtlichen Scene, scheuchte für den Augenblick alles aus einander.