1837_Schopenhauer_092_88.txt

, der Tageshelle fast hermetisch verschlossenes Gemach. Schwarze Teppiche bekleideten die Wände, auf hohen, in schwarzen Krepp gehüllten Kandelabern, brannten in den Ecken grosse Kerzen von gelbem Wachs, und verbreiteten ein trübes flackerndes Licht, wie in einer Todtengruft. Richard fühlte beim Eintritte in diesen, der tiefsten Schwermut geweihten Aufentalt das Blut in seinen Adern erstarren; es währte ziemlich lange, ehe sein an dieses Dämmerlicht noch nicht gewöhntes Auge die ihn zunächst umgebenden Gegenstände erkennen konnte.

Mitten im Zimmer, auf einem breiten niedrigen Divan, lag Graf Stephan in tiefer Trauer, aber völlig gekleidet; und nach altrussischem Gebrauche in Trauerfällen stand rings um ihn her alles nur Ersinnliche aufgestellt, was an Früchten, Weinen und dergleichen ihn zum Genusse reizen konnte, ohne dass er es eines Blickes würdigte.

Da bist Du ja, mein Bruder, sprach er sehr mild und freundlich, und reichte Richard die Hand; ich liess Dich nicht rufen, ich überliess es dem Geschick, ob es unser Wiedersehn uns gönnen wolle, denn ich habe nur Reue und Schmerz, aber keine Wünsche mehr. Nun bist Du von selbst gekommen; ich bin schon seit vielen Tagen in tiefer Verborgenheit hier, und habe immer Dein gedacht; es ist gut dass Du ohne mein Zutun gekommen bist, es ist sehr gut.

Schmerzlichst ergriffen warf Richard neben dem Lager seines Freundes sich hin; er redete tröstend ihm zu, er wollte versuchen ihn aufzurichten; doch seit mehr als Jahresfrist unbekannt mit dem Quelle seiner Leiden, verletzte er aus Unwissenheit statt zu heilen, gleich einem arzt, der in dunkler Nacht einen schwer Verwundeten verbinden möchte, und blind herumtappend, wider sein Wissen und Wollen durch Berührung die Schmerzen vergrössert, die er zu lindern beabsichtigt.

Lass ab, lass ab mit trösten, bat endlich Stephan; menschlicher Trost wie menschliche hülfe sind an mir verloren; darum zog ich mit meinem Schmerze in Nacht und Einsamkeit mich zurück. Hier will ich schweigend untergehn; nur Dich möchte ich warnen, nur Dich retten, wenn Du noch zu warnen, zu retten bist; ich hoffe Gott will es, indem er von all' meinen Freunden Dich allein mir zuführte.

Ich leide gerechte Strafe für meinen weltklugen Vorwitz, für den frevelnden Übermut, mit welchem ich dem stolzen Wahne mich überliess, ich sei berufen in das Rad des Weltenganges einzugreifen: sprach Stephan, als die erste heftige Bewegung, in welche das Wiedersehen des Freundes ihn versetzte, allmälig verklungen war.

Ich dulde was ich verdient habe, aber mein Weib! meine unschuldigen Kinder! was haben die verbrochen? Du, mein Bruder, warst der heitre unermüdlichfreundliche Spielgeselle meiner Kinder, Du liebtest sie, Du kannst sie nicht vergessen haben; wo sind sie jetzt? Alle, Alle dahin, von wo keine Wiederkehr ist. Zwei von ihnen, die beiden jüngsten, waren mir noch geblieben, meine kleine lächelnde Anna, mein holder Knabe Eloa. Ich wollte sie nicht aus den Augen lassen, sie mussten nach Berlin mich begleiten. An dem zu meiner Abreise von dort bestimmten Tage erkrankten Beide; im Sarge haben ihre Leichen mich zurück begleitet, ich habe bei ihren Grosseltern, bei ihren vorangegangenen Geschwistern sie schlafen gelegt! Das, Richard, das war eine Reisegesellschaft! aber im märkischen Sande die lieblichen Knospen für die Ewigkeit bergen, wie hätte ich das vermocht!

Und nun ihre Mutter, fing nach einer Pause Stephan wieder an, dieser sanft duldende Engel! täglich muss ich Gott bitten, dass er ihm bald gewähren möge, die Flügel entfalten zu dürfen, um sich hoch über dieses Jammerleben hinaus, in Paradieseslüften zu unsern Kindern zu erheben. Was aber wird aus mir, wenn auch sie mich verlassen haben wird? Nach martervoller Nacht erweckt jeder Morgen sie zu neuer Todesqual, ein furchtbares Übel nagt langsam und unheilbar nahe an ihrem Herzen; die Kinder schlafen, die Mutter leidet und wacht!

laut schluchzend sank Stephan auf sein Lager zurück; Richard weinte mit ihm, im Gefühle seines Unvermögens, hier hülfe oder auch nur Trost zu gewähren.

Nach so grossem Jammer Dir noch von dem Untergange des Wohlstandes meines Hauses zu sprechen, scheint kaum der Mühe wert; und doch ist dieses, besonders in seinen Folgen, kein unbedeutendes Unglück, denn meine Schuld, meine Nachlässigkeit hat das Elend vieler tausend Armen veranlasst, und auch ihr Schicksal liegt schwer auf mir.

Während ich törichter Weise in weit aussehenden Plänen mich abmühete; Zeit, Geld und Kraft zu ihrer Ausführung vergeudete, und meine kränkelnde Eitelkeit mich selbst in heimliche Bewunderung der hohen edlen Opfer einwiegte, die ich dem Wohle meines geliebten Vaterlandes dadurch zu bringen wähnte, vergass ich der sorge für die, welche mir am nächsten stehen; liess die Obhut über die Tausende von Seelen ganz aus der Acht, welche Gott selbst durch den Stand, in welchem er mich geboren werden liess, an meine väterliche Vorsorge angewiesen. Viele, viele Jahre lang liess ich feile Mietlinge meine Stelle vertreten; mein Vermögen, meine Untertanen, meine Ehre sind schamlosen Wucherern Preis gegeben; und eigentlich ist, von Allem was so glänzend mich umgiebt, nichts mehr mein.

Solche Früchte gehen auf aus solcher Saat! Wer bin ich? was bist Du? was ist Andreas und Sergius und sie Alle, dass wir glauben sollten, wir wären berechtigt, Kronen zu zerbrechen, über Kaiser und Könige zu Gericht zu sitzen, die Verfassung grosser Reiche umzuschaffen, Alles nach unserer beschränkten Einsicht zu ordnen, und uns