Richards Arm ergriffen. Sei unbekümmert, Brüderchen, er ist wohl beschützt und wird zur rechten Zeit Dir wieder übergeben. Ich muss Dich sprechen und habe Eile, sprach leise, aber vernehmlich, der Domino ihm abermals in's Ohr.
Du bist's? Du wagst es? rief Richard überlaut, indem er jetzt die stimme zu seinem grossen Schrekken erkannte. Die Musik und das Geräusch um ihn her übertönten glücklicher Weise diese Worte; unwillig winkte die Maske ihm zu schweigen, zog ihn rascher mit sich fort, wand mit auffallender Lokalkenntniss auf allerhand Seitenwegen sich mit ihm durch das Gedränge in einen abgelegenen Korridor, drückte gegen eine Wand, sie gab nach, eine verborgene Tapeten-Tür drehte unhörbar sich auf ihren Angeln.
Da wären wir nun, wo der Teufel selbst seine Jungen nicht fände! lachte Lunin, den die Alles erratenden Leser wahrscheinlich längst erkannt haben, indem er Richard in ein geräumiges aber schwach erleuchtetes Zimmer schob. Fünf oder sechs junge Leute, welche den Eintretenden nicht zu bemerken schienen, sassen bei Punsch und Würfelspiel in einer Ecke.
Und nun, Brüderchen, setze Dich hierher, brich los mit Schelten und Ermahnen, aber fasse Dich kurz: sprach Lunin, indem er Richard in ein entferntes Fenster zog, wo halb von den Draperien bedeckt Wein und Gläser bereit standen.
Lunin! rief Richard, hoffte ich doch Deine verhasste Gestalt nie wieder zu sehen.
Sei nicht unhöflich, erwiderte lachend Lunin: was hast Du gegen meine Gestalt, wenn sie mir nur recht ist? Die langen Beine da haben mir schon aus mancher Patsche geholfen! setzte er hinzu, indem er in seinem Sessel sich zurücklehnte, sie weit ausstreckte und in der Luft damit lustig herum vagirte. Aber nun zur Sache: was hast Du mir zu sagen?
Ich Dir? was hätte ich mit Dir zu schaffen? antwortete Richard mit dem Ausdrucke tiefster Verachtung.
So stehts? desto besser, dann kommen wir um so eher auseinander, erwiderte Lunin sehr gleichmütig: ich aber habe allerlei Aufträge an Dich, von meinem Alten, Du weisst wohl. Ich gehe von hier gerade zu ihm nach Odessa; ich tue es nicht gern, aber ich muss wollen, wie er will, das Ding hat zwischen uns so seinen eignen Haken. Hast Du an ihn etwas zu bestellen? Nicht? auch gut. Dann soll ich mit Feinheit von Dir herausbringen, aber das ist meine Sache nicht, also frage ich Dich lieber gerade heraus, in meines Alten Namen, bist Du Croyan oder schon zum Adhéran avancirt?
Du avancirst wohl mit nächstem ins Narren-Haus: erwiderte Richard ungeduldig auffahrend.
Also noch die pure liebe Unschuld? fuhr Lunin fort, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen: da kann ich also ohne weitere Umstände meinen Auftrag an Dich frei von der Leber weg ausrichten. Der mich sendet lässt Dir empfehlen wohl aufzumerken, wo Du jene Worte aussprechen hörst. Die böse Teufelssaat ginge wieder auf, und die sieben Köpfe der alten Hydra gewönnen wieder neues Leben. Fahr wohl! auf nimmer wiedersehn! mit Tagesanbruch bin ich auf dem Wege nach Odessa. Du bleibst ruhig hier, bis Dein Seekalb kommt, es wird nicht lange ausbleiben.
Die Tapetentüre drehte sich wieder, Lunin war verschwunden, Richard sass da und wusste nicht genau ob er wache oder träume. Ihm war grauenhaft zu Mute, Lunins kurze gespensterartige Erscheinung, die wenigen Worte, die er von ihm vernommen, machten ihn zweifelhaft, ob man einen übel angebrachten Scherz mit ihm treiben wolle, oder ob jene Worte wirklich eine Bedeutung hätten, die in dem Sinne genommen, in welchem er sie zu nehmen habe, ihn von neuem mit den peinigendsten Besorgnissen erfüllen musste. Seit Lunin und Richard das Zimmer betreten, hatte die Gesellschaft am andern Tische, ohne grossen Lärm dabei zu machen, ihr Wesen vor sich hin getrieben. Das Klappern der Würfel, dass Klingen der angestossenen Gläser, ging so gleichförmig, man könnte sagen so taktmässig vor sich, dass es dadurch das Störende verlor, und von dem in seinem dunkeln Ecken sitzenden Richard eben so unbeachtet blieb als der das Fenster umsausende Nachtwind; im Gegenteil, es versenkte ihn nur noch tiefer in jene unbestimmten Träumereien, denen er beinah gedankenlos sich überliess, statt ihn daraus zu erwecken.
Wem es gelungen ist in der Nähe einer Mühle einschlafen zu können, der wird, wie man behauptet, nur um so fester schlafen, so lange die Mühle im Gange bleibt. Doch werden ihre Räder gehemmt, so erwacht er, und es ist um seinen Schlaf getan. Ähnliches erfuhr Richard.
Die Punschquelle an jenem Tische war vermutlich versiegt, die Spiellust befriedigt; das Klingen der Gläser, das Klappern der Würfel nahm plötzlich ein Ende, leise drehte sich wieder die Tapetentüre: ein neu Ankommender gesellte jener Gesellschaft sich zu. Die Stühle wurden dichter zusammengeschoben; mit den Ellbogen auf dem Tische, die Köpfe zusammen gesteckt, begann unter ihnen ein eifriges, flüsterndes Gespräch, weit leiser als die vorhin geführte Unterhaltung; Richard fuhr über diese plötzlich eintretende Veränderung aus seiner Versunkenheit in sich selbst auf, und erinnerte sich jetzt erst der Nähe einer Gesellschaft, deren Dasein er völlig vergessen gehabt hatte.
Jetzt erst fiel es ihm auf, dass auch er wahrscheinlich eben so unbemerkt geblieben sei, was in nicht geringe Verlegenheit ihn versetzte. Sein Gefühl für Ehre und Schicklichkeit erlaubte ihm nicht, noch ferner ohne Wissen der Anwesenden hier zu verweilen