, eben wie alle Übel der Welt, doch auch seine gute Seite habe; denn auch Obrist Pestel und mit ihm alle die eifrigsten Anhänger jenes Bundes, waren aus Petersburg verschwunden, hierhin, dortin, in alle vier Winde hin.
Keine Spur eines Vereinigungspunktes liess sich entdecken; es ereignete sich zuweilen, dass Richard mit mehreren ihm wohlbekannten Bundesbrüdern an öffentlichen Orten, oder auch in engeren geselligen Kreisen junger Leute zusammentraf, doch kein Wort, kein blick, nicht die leiseste Anspielung verriet jemals, dass man jener, einst die Gemüter so gewaltsam exaltirenden Verhältnisse, sich auf das entfernteste nur noch erinnere; es war als wären sie nie gewesen. Gewiss, gewiss, es konnte nicht anders sein, der Fürst, als er behauptete, der Bund sinke von nun an in sich selbst der Vernichtung zu, hatte weder sich noch Richard getäuscht; diese Überzeugung, die immer klarer sich ihm entgegen drängte, erfüllte ihn mit einem gewissen behaglichen Gefühle ruhiger Sicherheit, das seit seinem Eintritte in den Bund ihm ganz fremd geworden war, und ihm jetzt unbeschreiblich wohl tat. Seine genussreichsten fröhlichsten Stunden brachte Richard jetzt beim Kapellmeister Lange zu. Bei seiner übereilten Abreise hatte er die treuen Freunde verlassen müssen, ohne von ihnen Abschied nehmen zu können; er fand sie bei seiner Wiederkehr zwar ruhiger, als sie gleich nach Juliens Flucht es gewesen, aber immer noch niedergebeugt, einsam, mit tief verletztem Gemüte. Sein erstes erscheinen, die freudige Botschaft, die er vom Kaukasus mitbrachte, wirkte auf Beide, wie, nach Monaten versengender Dürre, ein milder Regen auf die verschmachtende Pflanzenwelt wirkt.
Von neuem Jugendmute beseelt, erhoben sich Beide aus der ihnen so wenig natürlichen trübseligen Stimmung; Frau Karoline lachte und weinte in einem Atem, ehe sie für ihre Freude Worte fand; dem Kapellmeister fehlten diese ganz und gar; verstummend warf er seine goldbetroddelte Mütze von einem Ohre zum andern, riss sein Pianoforte auf und jubelte darauf so lange und kräftig herum, bis die saiten es nicht mehr aushielten, tanzte und walzte mit seiner Frau, mit Richard, mit den Möbeln im Zimmer, bis keines derselben mehr auf seiner alten Stelle stehen geblieben war, bis er zuletzt atemlos hinsank.
Ihr meint wohl, ich sei närrisch geworden? keuchte er endlich: und Gott sei Dank, ich bin es auch.
Alter! bin ich es denn nicht? wer über gewisse Dinge nicht den Verstand verliert, der hat keinen zu verlieren! spricht die Gräfin Orsina, fuhr Frau Karoline in ihrer gewohnten teatralischen Manier dazwischen, und brach hernach selbst über die seltsame Anwendung dieser Worte in lautes herzliches lachen aus.
Dass ich das erlebe! dass ich wieder denken und singen und sagen kann, es gibt noch Treu und Glauben in der Welt! darum verlohnt es sich auch noch der Mühe, ein paar Jährchen in ihr es auszuhalten, sprach ihr entzückter Gatte indessen leise vor sich hin, und wiegte lächelnd das Haupt von einer Seite zur andern. Julie hat uns nicht hintergangen, ist brav und glücklich, selbst Torson ist so pechschwarz nicht als er schien! Wie das Alles im kopf mir herumwirbelt! rief er, sprang auf, setzte sich wieder an den Flügel, und liess nun in Tönen beredter als in Worten seine Freude, seinen Dank ausströmen; Richard und Karoline hörten in stiller Andacht ihm zu.
Von nun an war des Erzählens von der einen, des Fragens von der andern Seite kein Ende, so oft Richard sich zeigte; und dieser liess selten einen Tag vergehen, ohne die treuen Freunde zu besuchen. Immer hatten sie Julien als ganz zu ihnen gehörend betrachtet, das Bewusstsein, ihr, wenn auch gleich nur in Gedanken, Unrecht getan zu haben, machte sie ihnen noch teurer, und flösste für alles, was auf sie Bezug hatte, die lebhafteste Teilnahme ihnen ein. Die guten Leute sannen Tag und Nacht darüber nach, wie sie ihr eine Freude machen könnten, um das ihr zugefügte Leid, von welchem sie jedoch gar nichts empfunden, einigermassen zu vergüten, und wünschten nichts sehnlicher, als sie noch einmal zu sehen, um es ihr abzubitten. Auf den Flügeln der herbstlichen Äquinoctialstürme entfloh der kurze nordische Sommer, und von allen Seiten kehrten die Reisenden an den heimatlichen Heerd zurück. Täglich gab es ein fest des Wiedersehens zu feiern, und auch Richard ging dabei nicht leer aus, denn auch er begegnete bei jedem Schritte lange vermissten Freunden und Bekannten, bis endlich zur glücklichsten Stunde auch Helena mit den Ihrigen heimkehrte. Nur der Fürst und Eugen fehlten noch, und auch Graf Stephan, von den Leiden seiner geliebten Frau in Berlin festgehalten.
Richard verlebte jetzt Tage des ungestörtesten Glückes, ohne dass deshalb in seinen äussern Verhältnissen die kleinste Abänderung eingetreten wäre. Befreit von jenen quälenden Besorgnissen, die ihn früher Tag und Nacht verfolgten, die selbst an der Seite der Geliebten ihn nur um so entsetzlicher peinigten, gab er jetzt der lang entbehrten seligen Gegenwart sich hin, und suchte jedem Gedanken an seine noch immer tief verschleierte Zukunft auszuweichen, selbst wenn der Fürstin Eudoxia sich immer gleichbleibende Nachsicht, ja ihr mütterliches Benehmen gegen ihn, als ein unbegreifliches Rätsel vor ihm stand, an dessen Lösung er nicht ohne bange Ahnung denken konnte.
Traue meinem Vater, der uns wohl will, und geniesse der guten Stunden, die er uns gönnt, ohne weiter darüber nachzugrübeln; glaube fest, er weiss was er tut, und ist unfähig, das Glück unsers Lebens mutwillig aufs