1837_Schopenhauer_092_81.txt

Ihre hände! Nehmen Sie, gleich einem ältern Bruder, des armen Mädchens sich an. Dass ich in keinem andern Verhältnisse, als dem von der natur geheiligten, des Vaters zu seinem kind zu ihr stehe, davon sind Sie überzeugt, denn die Beweise liegen in Ihrer Hand. Mögen Sie in jeder andern Hinsicht von mir denken, wie Sie wollen, ich ergebe mich darein, und weiss nicht, ob ich nicht sogar wünschen sollte, Sie möchten mich in Ihrer Meinung recht tief herabsetzen; denn dieses wäre v elleicht für Sie der triftigste Beweggrund zur Erfüllung meines Wunsches!

Hier schwieg Torson, indem er einen halb fragenden, halb bittenden blick auf Richard warf.

Dieser sass einen Augenblick wie unschlüssig da; erklären Sie sich deutlicher, setzen Sie mir umständlicher auseinander, was ich für die Braut meines Freundes tun soll und kann; sprach er endlich, und reichte unwillkürlich quer über den Tisch hin Torson die Hand.

Sie wissen jetzt Alles, klären Sie Iwan über mein verhältnis zu Julien auf, über die Gründe, die mich zur Flucht mit ihr bewogen, über alles was in meinem und Juliens Betragen ihm zweifelhaft, oder auch nur auffallend scheint; fuhr Torson fort, ermutigt durch Richards sichtbar gegen ihn veränderte Stimmung. Suchen Sie Iwans Mutter für die Verbindung des jungen Paares zu gewinnen, und möge dann Julie, als Gattin des Mannes den sie liebt, mit ihm in sein schönes Vaterland ziehen, und glücklich sein.

Ist aber alles wirklich anders geworden, hat Iwan sein Herz von ihr abgewendet, weigern sich seine Mutter und seine Verwandten, eine Fremde in ihrer Mitte aufzunehmen, nun dann! dann! setzte er sehr bewegt hinzu, dann suchen Sie dem unglücklichen Mädchen Mut einzusprechen, und führen es zurück nach Petersburg, zurück in das Asyl ihrer Jugend, dem ich sie nie hätte entreissen sollen. Vertreten Sie Julien bei den ihr einst so günstig gestimmten Freunden, erklären Sie ihnen den Zusammenhang der begebenheiten, so viel Sie dieses können, ohne das geheimnis des Bundes zu verraten. Frau Karoline wird die arme, die mit einem so grossen Schmerze zu ihr flüchtet, nicht verlassen, und Lange auch nicht, davon bin ich überzeugt, wie von meinem Leben.

übrigens tritt meine Tochter nicht als Bettlerin auf; in diesem Portefeuille übergebe ich Ihnen Juliens Vermögenweisen Sie es nicht vornehm zurück, Herr Wood; kein Kopeken von dem, was Sie oder Andre, billiger oder unbilliger Weise, unrecht erworbenes Gut nennen möchten, befindet sich darunter, sprach Torson ein wenig gereizt, als Richard mit verweigernder Geberde sich abwandte: es ist das auf meine Tochter rechtmässig vererbte Eigentum ihrer verstorbenen Mutter, das ich hier zu gewissenhafter Verwaltung Ihnen, als ihrem Vormunde, übergebe.

Haben Sie denn jenes Linsengericht ganz vergessen, für welches ich meinen Verwandten damals meine Ansprüche auf die Güter und den Namen meiner Ahnen überliess? setzte er, schnell sich wieder fassend, heiterer hinzu. Zwar hatte ich einen schlechten Handel gemacht, aber die Summe war an und für sich nicht ganz unbedeutend. Sobald eine schickliche gelegenheit dazu sich auffinden liess, eilte ich sie meiner Frau als ihr Eingebrachtes zu verschreiben, um die Zukunft dieses geliebten Wesens ausserhalb des Bereiches meines eignen Geschicks festzustellen. Beinahe zwanzig Jahre lang habe ich die Zinsen immer wieder zum Kapitale schlagen lassen; und so ist es denn jetzt, fast verdoppelt, zu einer Summe angewachsen, die Julien zwar nicht zur reichen Erbin macht, aber doch für den schlimmsten Fall ihr Unabhängigkeit zusichert. Mit sich, mit Torson, ja mit der ganzen Welt vollkommen zufrieden, voll moralischer Betrachtungen über die tadelnswürdige Eilfertigkeit, mit der man zu einseitigen, unüberlegten Verurteilungen sich hinreissen lässt, ohne sich die Mühe zu geben, auch die etwanigen guten Seiten des Bösewichts, den man verdammt, aufspüren zu wollen, machte Richard sich bereit, die ihm sehr schwierig dünkende Beruhigung seines, bis zum wütendsten Zorne gereizten Freundes zu unternehmen.

Der Mutter verständige Vorstellungen, das zeugnis der vieljährigen Freunde seiner Eltern, Ilia und Selina, vor allem aber die durch das flüchtigste Wiedersehn der Geliebten neubelebte Liebe, hatten indessen alles schon vollendet, und den grimmigen Löwen gebändigt. Lammsfromm sass er zwischen der Mutter und Julien; von Geschwistern und Freunden umringt, lächelnd wie die personificirte Zufriedenheit, reichte er dem erstaunten Richard bei dessen Eintritt die Hand entgegen, und für diesen blieb nichts mehr zu tun übrig, als die Ermahnungen, auf die er sich vorbereitet hatte, in tief aus dem Herzen kommende Glückwünsche umzuwandeln.

Wehe dem Novellisten, der sich nicht daran genügen lassen will, ein liebendes Paar durch allerlei Widerwärtigkeiten bis zu den Stufen des Altars glücklich geleitet zu haben; der Versuch, nach dieser alles beendenden Catastrophe noch etwas Interessantes vorzutragen, fällt selten belohnend aus. Daher sei hier nur noch in möglicher Kürze erwähnt, dass Iwan auf Treue und Glauben alles für wahr annahm, was Richard im Namen des Vaters seiner Braut ihm mitteilte, ohne dass er deshalb die mindeste sehnsucht bezeigt hätte, diesen wiederzusehn; denn seine offne treue natur konnte den Mangel an Vertrauen, den Torson ihm bewiesen, zwar verzeihen, aber weder verwinden noch vergessen.

übrigens war Iwan in der Umgebung der Seinen der einfache Sohn des Gebirgs wieder geworden, der er gewesen, ehe das grössere Leben ihn umfing. Ausser dem Freunde und der Geliebten war alles, was zwischen dem Tage seines Abschieds von der Heimat und der gegenwärtigen Zeit lag, versunken und vergessen; an Juliens Seite