in höchster Sicherheit und Ruhe hier Jahre lang hausen, denn Pestels Arm reicht nicht bis hierher; kaum der des Kaisers aller Reussen: setzte Torson lächelnd hinzu.
Richard verlangte Erklärung dieser letzten Worte. Sind wir nicht, wenn gleich nicht mehr im eigentlichen Russland, doch noch in dem von dieser Seite fast unbegrenzten russischen Reiche? fragte er.
Wie man es nimmt, war die Antwort. Nachitschewan bildet in demselben eine, ich glaube in ihrer Art einzige Erscheinung. Freie armenische Kaufleute, die noch bis zu dieser Stunde das Städtchen ausschliessend bewohnen, flohen in wilder Kriegszeit vor den Alles verheerenden Tataren aus ihrem ehemaligen Wohnsitze in der Krimm, um sich unter russischen Schutz zu begeben. Sie wurden gütig aufgenommen, erhielten, nebst bedeutenden Privilegien die erlaubnis, sich hier niederzulassen, und bilden jetzt, mitten in der riesengrossen Monarchie, eine kleine, den ehemaligen deutschen freien Reichsstädten nicht ganz unähnliche Miniatur-Republik. Ungefähr so wie jene sonst unter dem Schutze des weiland deutschen Kaisers standen, steht jetzt Nachitschewan für ein fest bestimmtes, alljährlich zu zahlendes Schutzgeld, unter dem des Beherrschers aller Reussen. übrigens regiert es sich selbst, nach eigenen altergebrachten Gesetzen. Dass keine Seele hier an Aufruhr, heimliche Verbindungen oder Revolution nur denkt, dass man nichts sehnlicher wünscht, als dass Alles ewig so bestehe, wie es jetzt besteht, ist natürlich. Erwerb und Erhaltung des Erworbenen ist der einzige Lebenszweck dieser, nur mit dem ihnen zunächst Liegenden beschäftigten, harmlosen Leute, denen es kaum einmal im Jahre einfallen mag, dass es einen russischen Kaiser und ein russisches Reich in der Welt gibt.
Einzig auf die Gesellschaft meiner Hausleute und Juliens beschränkt, habe ich mehrere Monate in der abgeschiedensten Einsamkeit – wie soll ich es nennen? existirt; denn Leben darf man solch ein Leben wohl nicht nennen, wo man der schändlichsten Langenweile zum Raube, Morgens beim Aufstehen schon nach der glücklichen Stunde sich sehnt, in der man anständiger Weise wieder zu Bette gehen kann. Wie ich es ausgehalten, ist mir unbegreiflich; nur Liebe zu meiner Tochter und eine Art Pflichtgefühl, das mächtiger mich begeisterte, als ich es mir jemals selbst zugetraut hätte, gaben mir Mut und Kraft. Überdem kannten mich nur Ilia und seine Frau, für die ganze übrige Hausgenossenschaft war und blieb ich Grischa. Die verdammte Aufgabe, diese abgeschmackte Rolle so lange durchzuführen, erschwerte mir nicht wenig mein trübseliges Leben.
Da endlich traf die Nachricht von Iwans Genesung und seiner nahen Rückkehr in seine Heimat hier ein, später wurde der Besuch seiner Mutter uns angekündigt, die auf ihrem Wege zum Empfange ihres Sohnes, hier bei ihrer Jugendfreundin Selina einsprechen wollte. Jetzt atmete ich wieder auf! Mir war wie Einem, dem nach langer harter Klausur seine nahe Befreiung verkündigt wird. Julie erfuhr nun alles, Iwans glücklich überstandene Lebensgefahr, seine und seiner Mutter nahe Ankunft, aber auch, dass meine verwickelten gefährlichen Verhältnisse mir nicht erlaubten, bis zu Iwans Ankunft hier zu verweilen. Unter Ilias Schutz, der sich heilig verpflichtete, Vaterstelle bei ihr zu vertreten, sollte sie ihren Verlobten erwarten, und dann als seine glückliche Gattin in die Heimat mit ihm ziehen. Julie ergab sich in jede meiner Anordnungen, das einfache Kind gefällt sich in diesem, von der natur so begünstigten land Von mir auf immer sich zu trennen, war ihr freilich ein Hartes! Auch mir war es eine schwere Stunde, aber meines Bleibens ist hier nicht länger. Es benimmt mir Luft und Licht und Lebensmut; mir ist, wie es im schönsten, wärmsten Sonnenscheine einem Fische auf trockenem Sande sein mag. Zurück, zurück muss ich in den Strudel des Lebens, zurück in mein Element, wenn ich nicht vergehen soll; muss wieder fürchten und hoffen und erwarten, bei Kerzenschein, auf dem grünen feld, wo Fortuna, meine Göttin – doch genug!
Als Grischa kehrte ich nach Moskau zurück; mein erster Ausgang war nach dem Palaste des Fürsten Andreas, um etwas von Iwan zu erfahren; dort traf ich Sie, mir war als begegne ich einer himmlischen Erscheinung; denn dass Sie in Ihrem, mir wohl bekannten bedeutenden Verhältnisse Ihren Freund begleiten könnten, wäre selbst im Traume mir nicht eingefallen. Mein Entschluss, Ihnen hierher zu folgen, war augenblicklich gefasst; Dmitry half mir zur Ausführung desselben, wie Sie wissen.
Und was erwarten Sie jetzt von unserm Zusammentreffen? was verlangen Sie von mir? fragte Richard ziemlich kalt, aber eben nicht unfreundlich.
Was ich von keinem Andern verlangen möchte noch könnte, erwiderte Torson; ich kenne Sie und weiss, dass Sie nicht fähig sind, ein Ihnen geschenktes Vertrauen zu missbrauchen. Überdem baue ich fest auf Ihr mir genau bekanntes verhältnis zu jenem grossen haus, das wie zu demselben gehörend Sie jetzt schon betrachtet.
Dass ich vor Iwan als Juliens Vater zu erscheinen mich nicht entschliessen kann, werden Sie sich selbst erklären, wenn Sie an so manches Vergangene zurückdenken wollen, zum Beispiel an den BrillenBaron, und noch an Vielerlei und mancherlei, das mit dem Respecte gegen seinen Schwiegerpapa sich schlecht vertragen würde. – Ich wollte freilich jetzt es wäre anders, und wir Beide, er und ich, etwas weniger mit einander bekannt, aber es ist nun einmal wie es ist: setzte er die Achseln zuckend hinzu: auch möchte ich, wie Sie wissen, die Wiederholung der Abschiedsscene mir und Julien gern ersparen.
Und so sei es denn gewagt! ich lege die Zukunft meiner verwaisten, verlassenen Tochter in